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Die Welt · 1901-07-19 · 29 (19.7.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
29 (19.7.1901)
Article
[Kommentar]
Date
1901-07-19
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 „Die # Welt" Seite 11 christlichen Welt lastet." Die Erinnerung an den Verstorbenen Wladimir Solowj ew'ruft bei Herrn Potj omkin folgende Gedanken hervor: „Wladimir S o 1 o w j e w ist nicht als einzelner Säemann dahingegangen; seine Saat ist auf guten Boden gefallen. Einträchtig wirken neue Kräfte segensreich zusammen und vollstrecken die besten Vermächtnisse der Menschheit, indem sie selbstlose Arbeit für die Sache der Liebe und Erlösung leisten. Wahrheit und Menschlichkeit vereinigen sich in diesem verheissungsvollen Anfang." „Möge nun vor dieser Einmüthigkeit die Stimme des Völkerhasses verstummen! Möge diese Einigkeit Trost und Frieden in die Seele der Nöthleidenden träufeln. Die Sache der Bruderliebe siegt beständig, vor ihrem Glänze erbleichen die Selbstliebe und die Bosheit, und beim Herannahen des hellstrahlenden Lichtes wird dieser traurige Erbbesitz von Generationen wie ein Schatten dahinschwinden/ Dia Sammelschrift enthält u. a. auch einen Artikel von Max Nordau über „Zionismus", der für Leser bestimmt ist, welche das Wesen und die Geschichte der zionistischen Bewegung nicht kennen. Die letzte Nummer der „Budustschnostj« bringt einige Auszüge aus diesem Artikel. Nordau sagt u. a., nachdem er die Auswüchse des modernen Nationalismus charakterisiertet: „Der jüdische Nationalismus ist von dieser Caricatur seiner selbst frei. Der jüdische Nationalist fühlt, dass unausgesetzte Bemühungen nöthig seien, um den Namen Jude zu einem Ehrennamen zu machen. Er erkennt bescheiden die guten Eigenschaften anderer Völker an und strebt, sich dieselben anzueignen, insofern sie seinen angeborenen Neigungen entspr echen. Er weiss, wie düster sich die Jahrhunderte seiner Sclaverei und Rechtlosigket in dem ehemals so stolzen und wahrhaften Charakter seines Volkes wiederspiegeln, und ist bestrebt, diesen durch versärkte Selbsterziehung zu verbessern und zu stählen. Ein solcher Nationalismus stellt eine natürliche Phase dar in der geschichtlichenEntwicklung vom barbarischegoistischen Individualismus zu einer freien Menschlichkeit und zum Altruismus.* J, Wolowsky. Gelähmte Kraft. —- Zum 9. Ab. — Mir ist's, als müsst' ich kampfbereit erscheinen, In die Posaune stossen und Gefährten sammeln, Durch Felsgekluft dem Feind die Bahn verrammeln. Mir ist's, als war' die .Leidenszeit verronnen, Als flammten auf in Zion tausend Sonnen. Mir ist's, — o lasst mich, Brüder, lasst mich weinen... Wien. Alexander Sigmund Pordes. Der Ketzer. (Ein Fragmen t.) Ich entstamme dem Volke, das der Welt ihren Gott gegeben hat. Mit Posaunen schall hat es Städte niedergerissen, mit einem Worte des Meeres Tiefe aufgewühlt, es hemmte die Sonne in ihrem Laufe und vernichtete den Feind mit einem Feuerregen. Aus seinem Schosse ist das Kreuz und der Halbmond hervorgegangen, und geistige Errungenschaften von Jahrhunderten hat es freigebig für die entarteten Kinder vergeudet. Und ob dieser Schuld ist das auserwählte Geschlecht heute ein Paria unter den Nationen der Welt! Gott hat ihm die ganze Welt als Erbe angewiesen, und es pocht vergebens an. die Pforten seines angestammten Gebietes. Die Augen gegen Jerusalem gerichtet, wanet es schon Jahrhunderte und zählt die Jahre, glaubt noch an die Worte seiner Propheten und bestattet seine Todten mit dem Gesichte nach Osten. Wieviel Generationen harren so im Grabe, mit ihren leeren Augenhöhlen nach jener Weltgegend starrend, wo einst die feurigen Schwerter der Erzengel den goldigen Schrein der Verheissungen, die der Herr in Stein gemeisselt, bewacht haben! O, schwerer als Blut ist die Erde den Leichnamen, denen. ^( 4e$;Gr a£es ^for.tg. der hö,hnepde Tod verkündete, diese <\£erheissungen-seieri unerfüllt 'geblieben. Zu Lebzeiten, an jedem Passah-Feste, sagten sie, wie Wanderer, die bereits an der Fähre stehen: Heute in der Knechtschaft, übers Jahr in Freiheit. .. und die fremde Erde bedeckte ihre Sehnsucht Ihre Söhne schlafen schon, aber es sind noch welche da, die an jenem Tage nach Väterbrauch wiederholen : Heute in der Verbannung, morgen in unserem Lande. O, wie mächtig ist die Liebe dieses Volkes zu seinem Vaterlande, das es nie geschaut hat. Unter Verunglimpfungen, Elend und Schmutz lebend, in die alten nur immer neue Wunder aufnehmend, harrt es durch so viele Jahrhunderte des Wunders und seufzt nach seiner Heimatsstätte. Mancher ist über deren geographische Lage im Unklaren, dass aber er — oder sein Enkel — dahin zurückehren wird, daran glaubt er. Und auch ich habe an den mächtigen, dräuenden Gott geglaubt, der seine Kinder unter seine Fittige nimmt, in den Tagen der Unterdrückung Propheten entsendet, der die Jahrhunderte seine Worte erfüllen lässt, seine Herde wie ein Hirt behütet, wie Mosis Feuersäule sein auserwähltes Volk durch die Wüste geleitet — und wer an ihn glaubt, der — glaubte ich — geht nicht zugrunde. Was habe ich durchmachen, was erleben müssen, bis mein Glaube sich verlor! Wieviel schreckliche Geheimnisse habe ich bis auf den Grund durchmessen, wieviel Stürme hat meine Seele über sich ergehen lassen, ehe ich aufhörte, an die Wunder zu glauben . . . Ich habe meinen ganzen Schatz verprasst: aber, wie einen letzten Groschen, der vor Hunger schützt, habe ich mir in meiner Seele die Liebe zu meinem Volke bewahrt. Ich liebe es so, wie es ist. Heruntergekommen und unglücklich, besitzt es mein ganzes Herz, nicht weil es ohne Heimat und Krone seine Tage unstet und in Verachtung zubringt, sondern weil es lebendig und unbesiegbar ist, durch die Geistesmacht, die in ihm als Funke glimmt und sich von gar keiner Enttäuschung niederdrücken lässt, und auch deshalb, weil es meine Nation ist. Und nicht bloss Thränen will ich ihm opfern, nicht eitlen Jammer und fruchtlose Klagen, sondern aus meiner Brust Donnerblitze, aus meinem Geiste Gefieder zu seinen Flügeln, aus meiner Hand einen Wegweiser, der durch des Lebens Zickzack einen harten, mühseligen Steg bahnt, der aber frei ist und zu den Höhen führt. So ist meine Liebe beschaffen, aber heute paart sich mit ihr dieser grosse Schmerz, der des Kindes Auge nach der Vergangenheit zurücklenkt, der Jünglinge Gesichter zur Zukunft wendet, die Brust des Mannes frühzeitig zu Boden drückt und den Greisen das Grab beschleunigt, den Menschen mit Tausenden verbündet und mitsammt der Liebe auch Hass lehrt, das Hirn der Enkel mit dem Gram der Vorfahren durchsetzend. Glücklich diejenigen, die auf heimatlicher Scholle die alten Geschichtsbücher von einer freien Nation auf eigenem Boden, von Ruhmesthaten und glorreicher Macht erzählen, nicht aber von einer feindlichen Geissei, die über den feige gebückten Rücken dahinsaust, blutige Striemen zurücklassend; die nicht einmal tödtet, sondern entehrt. Ach, die können ohne Schmerz lieben. Weder haben die Cedern des Libanon für mich gerauscht, noch Jerichos Rosen geblüht; mich hat weder des Jordans ^Plätschern in den Schlaf gewiegt, noch bin ich am Berge Sinai gestanden, auf welchem des Herrn Tempel mit goldigem Dache in den Himmel ragte, in Purpur der Sonne getaucht, die, wenn sie ins Meer sinkt, 'Weinberge, Palmen und die Wüste vergoldet. Davon, was ein Vaterland, besitze ich nichts» Der obwohl verschwundene, ,aber nach Jahrhunderten noch sichtbare Glanz gl^immt nicht stolz in mein ein' Augef\£>ie vom Heldenblute rothe Erde hat weder mein Ajiüitz ent-

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