Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-07-19
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 „Die # Welt" Seite 7 übrigen Bevölkerung angebahnt, wenn dieses liberale Verhalten der Regierung den Juden gegenüber länger gedauert hätte. Mit der ihnen angeborenen Leidenschaftlichkeit und ihrem idealen Sinn bekannten sich grosse Massen der russischen Juden zu den herrschenden Strömungen, gaben sich ihnen hoffnungsfroh hin, und besonders die jüdische studierende Jugend war von denselben Idealen begeistert wie die russische Jugend, auch sie träumte von „Volkstümlichkeit", von der Hingabe ihrer Kräfte für das „Volk*c, von einer selbstaufopfernden Thätigkeit im Volke und für das Volk. Allerdings machte damals die jüdische Jugend keinen Unterschied zwischen „unser" und „nicht unser" Volk. Es konnte damals von einer nationalen Thätigkeit in jetzigem Sinne dieses Wortes keine Rede sein. Selbst der zu dieser Zeit gegründete „Verein zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Russlands", der speciell von Juden und für Juden gegründet worden war, also einigermassen schon den Keim des Nationalismus in sich trug, schloss doch alle nationalen Bestrebungen aup, denn er strebte gar nicht danach, die Juden als solche auf eine höhere Culturstufe zu bringen, sondern ihrem «Fanatismus" und ihrer BUnwissenheit"entgegenzuarbeiten und die „Ghettomauern," die die Juden von den Nicht-Juden abschlössen, niedeizureissen, kurz die Assimilierung der Juden herbeizuführen. Wir wollen hier auf eine nähere Schilderung der Verhältnisse dieses Vereines nicht eingehen, da wir beabsichtigen, in unseren Skizzen einen genauen historischen Ueberblick über die Thätigkeit dieses ältesten der russischen jüdischen Vereine zu geben. Hier wollen wir bloss bemerken, dass die Bestrebungen des Vereines der Stimmung entsprechen, die damals in Russland allgeimen herrschte. Die russische Regierung jener Zeit schien keinen Unterschied zwischen „Wirts-" und „Gastvolk" zu machen, und deshalb war auch den Juden jede selbständige Regung fremd. Sie hofften im Gegentheil, die Zeit werde bald kommen, in der sie die vollständige Gleichberechtigung erlangen würden. Wio schon gesagt wurde, dauerte diese Zeit nicht lange. Es kamen die Achtzigerjahre, die den russischen Juden Schlag auf Schlag, Enttäuschung auf Enttäuschung brachten. Es soll da nicht näher auf die Ursachen dieser unerwarteten Wendung im Schicksale der russischen Juden eingegangen werden; wir wollen bloss die Thatsachen constatieren. Von den judenfeindlichen Massregeln erwähnen wir: Das Gesetz vom 3. Mai 1882, welches den Juden verbietet, Gutsbesitz und sonstiges unbewegliches Vermögen zu erwerben, erneute und verstärkte Ausweisungen der Juden aus den Dörfern und aus den an der Grenze liegenden Ortschaften, die Ausschliessung nicht bloss von den Staatsämtern, sondern sogar von Stellungen privaten Charakters. Was aber für die Judenschaft besonders unerwartet und drückend war, das war der Umstand, dass diese Beschränkungen im Gegensatz zu den ehemaligen nicht nur die ungebildeten Juden trafen, sondern sich ebenso gut auch gegen die gebildeten und „aufgeklärten" Juden richteten. Es wurde nämlich eine „U.eberwucherung" der Juden in den Bildungsanstalten, in dem. Aerzte- und Juristenstande construiert und demgemäss auch Massregeln ergriffen. Es wurde ein unglaublich kleiner Percentsatz für die Aufnahme der Juden in den Büdungsanstalten festgesetzt (in den Ortschaften des Ansiedlungsgebietes 10%, sowohl in den Mittelals auch in den Hochschulen, in den übrigen Ortschaften 10% für die Mittelschulen und nur 5% fur die Hochschulen, in den beiden Hauptstädten Russlands — Moskau und Petersburg — 3% in den Hochschulen). Denjenigen Glückskindern, die sich ..doch zum Doctordiplom emporarbeiteten, wurde, wenn sie; Juristen waren, direct verbotet -feMe^'PraJtM^duszuüben, indem keine Juden mehr zu Rechtsanwälten ernannt wurden, und wenn sie Aerzte waren, wurde ihnen die Bekleidung von öffentlichen Aemtern untersagt. Nun drängte sich der in ihren Erwartungen enttäuschten jüdischen Intelligenz die quälende Frage auf: Was nun? Was ist jetzt zu thun? (Fortsetzung folgt.) Brief aus Cincinnati. Von «I. Silber. Cincinnati (Ohio), 20. Juni 1901. Die zionistischen Vereine in Amerika sind grundverschieden von denen in Europa, sowohl in Hinsicht ihrer Entstehung,;als auch in Bezug auf ihre Thätigkeit. Der Durchschnitts-Europäer betrachtet in der Regel jede neue Bewegung mit Misstrauen. Hat er sich aber einmal für eine Sache erwärmt, so sucht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln sie zu fördern. Ganz anders aber verhält es sich mit dem Amerikaner. Die grosse Freiheit und eine gewisse Sorglosigkeit der Bürger der „Neuen Welt" bringen es mit sich, dass unzählige Vereine in diesem Lande existieren. Nur selten wird man einen Mann finden, der nicht wenigstens einem Vereine angehört. Der Eingewanderte, der alles ihm Neue als „echt amerikanisch" betrachtet, und daher auch „member" einer „Society" zu werden wünscht, ergreift mit Freuden jede sich ihm darbietende Gelegenheit, sich einem neuen Vereine anzuschliessen. Als nun der Zionismus in diesem Lande bekannt geworden war, bedurfte es nur der Gründer, um grosse Vereine ins Leben zu rufen. Ohne diese neue Bewegung auf ihren inneren Wert zu prüfen, ja, sogar ohne sie recht zu verstehen, traten viele den zionistischen Vereinen bei. Nach kurzer Zeit schwand das Interesse, das vielleicht nie so recht vorhanden gewesen war. Ausser in New-York und in den wenigen anderen östlichen Städten, wo tüchtige Redner stets unermüdlich für unsere Sache agitieren, hört man vom Zionismus verhältnismässig wenig. Hier in Cincinnati zum Beispiel, wo es zwei Vereine gibt, „Ohave-Zione und „Benoth-Zion", die zusammen über 300 Mitglieder zählen, war es so weit gekommen, dass wir unsere Leute überhaupt nicht zusammenbringen konnten. Die wiederholten Einberufungen von Special-. General-, sowie Massenversammlungen blieben erfolglos. Ein Zufall jedoch lehrte uns, wie wir diesem Uebel abhelfen könnten. Als wir nämlich am vorigen nsun eine Makkabäer-Feier veranstalteten, war die Halle, in der die Feier stattfand, überfüllt. Infolge dessen beschlossen wir nun in dem darauffolgenden „Öfficer-meeting", jedesmal ein „Entertainment* anstatt eines .Meetings" zu veranstalten. Die Resultate waren sehr erfreuliche. Sechs, solche „Entertainments" fanden im Verlaufe des Winters statt und alle waren stark besucht. Rev. S. B. Hilf und Schreiber dieser Zeilen hielten jedesmal eine längere Ansprache, die den Beitritt vieler Mitglieder, sowie den Verkauf von ungefähr 130 Shares bewirkten. Um nun der Saison einen würdigen Abschluss zu geben, veranstalteten wir Sonntag den 26. Mai eine,,Shabouoth- Entertainment", zu welchem Zwecke wir von Chicago den bekannten zionistischen Agitationsredner Rev. Dr. Samuel N. D e i n a r d beriefen. Wir wurden auch reichlich für unsere Mühe belohnt. Durch seine glänzende Rede gelang es Dr. Deinard, eine solche Begeisterung unter der 400 Köpfe starken Zuhörerschaft hervorzurufen, dass viele der Anwesenden zum Redner traten und ihn dringlichst baten, doch eine zweite Rede hier halten zu wollen. Dr. Deinard willigte ein und hielt nun am Donnerstag . den 30. Mai vor einem nock ■zahlreicheren Publicum : einen nicht minder vortrefflichen Vortrag in deutscher Sprache. (Der erste Vortrag war nämlich englisch.)