Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Article
- Ein Nothschrei aus der Colonie "Bene Jehuda"
- Date
- 1901-07-19
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Weit»' Nr. 29 da dann alles von vorne an Colonie vor Summen erforderlich sein, gefangen werden müsste. Reitet also eine jüdische dem vollständigen Untergang! 17. Thammus 5661 (4. Juli 1901). M. S. Goldmann, Leiter der Colonie „Bene Jehuda-', östlich vom Genezareth-See. Geldspenden können an das Odessaer Comite gesandt werden.*) * Auch die unterzeichneten Gemeindevorsteher, die in der Nähe des in Rede stehenden Ortes leben und wohl wissen, was Herr Goldmann im Interesse der Colonie ,Bene Jehuda" alles geleistet hat: wie er sich für sie geradezu aufgeopfert hat bestätigen, dass diese Colonie sich zu unserem Leidwesen in einer erbärmlichen Lage befindet und dem Untergange entgegensieht, wenn nicht rasch Hilfe geschafft wird. Darum richten auch wir die inständige Bitte an unsere Brüder allerorten, die unserem Volke und Stammlande in Liebe zugethan sind, denen das palästinensische Colonisationswerk wert und, theuer ist, und die da wissen, wieviel Mühsal und Widerwärtigkeiten mit der Ausgestaltung einer palästinensischen Colonie verbunden sind: Helfet, Brüder, rechtzeitig der erwähnten Colonie, damit nicht eine jüdische Siedelung zugrunde gehe, die mit unzähligen Opfern begründet wurde, wie allen .Eingeweihten bekannt ist. Colonie Rosch - Pinah, 17. Thammus 5661. Hochachtungsvoll und mit Zionsgruss L. S. (Gemeindevorstand der Colonie Rosch-Pinah.) Israel Goldenberg Josef Weidenfeld. AbrahamRothenberg. Mottel Blaustein. Josua ben Urijah. Skizzen aus dem Leben der russischen Juden. Von Jacob Schorr. V**) Wiewohl uns D u b n o w s Erklärung der so auffallenden Bestrebungen der russischen Regierungen, die Juden „aufzuklären," nicht befriedigt, so müssen wir andererseits konstatieren, dass der hartnäckige Widerstand, den die Juden diesen Bestrebungen entgegenbrachten, bei ihm eine sowohl psychologisch als auch historisch vollkommen richtige Erklärung findet „Nachdem die russische Regierung" — lesen wir in seinen „Historischen Mittheilungen" (Monatshefte des „Woskhod." Mai 1901) — „mit der Anwendung ihres früheren Zwangssystems Fiasco erlitten hatte, richtete sie ihre Blicke nach dem Westen und gedachte, sich die dortigen Erfahrungen zunutze zu machen. Die westlichen Juden, mit Ausnahme der französischen und der niederländischen,, lebten damals noch die Voremancipations-Periode durch Ihr cultureller Verkehr mit den umgebenden Völkern hatte aber schon damals begonnen, anfangs infolge des zur Zeit Mendelssohns erlittenen inneren Impulses und späterhin zufolge der allgemeinen Freiheits-Bewegung, von der West- Europa nach der grossen Revolution erfasst wurde. Die obersten Schichten des Judenthums wurden dort, gleich der christlichen Intelligenz, von der neuen Strömung hingerissen und hielten die Bildung eines einheitlichen internationalen Culturtypus für möglich. In Russland gab es keine solche Freiheits*Bewegung unter der „Stammbe- *) Auch die Administration der „WelV* bereit, Spenden für die Colonie „Bene Jehuda4' - zunehmen. ist gern entgegen- *) Vergl. Nr. 25, 26, 27 und 28 der „Welt«. yölkerung", und folglich konnte auch unter den Juden keine existieren. Die Regierung wollte in ihrem Programm diesen Umstand nicht berücksichtigen." Aber auch in Russland nahte eine für die Aufklärung sehr günstige Zeit rasch heran. Die Thronbesteigung Alexanders IL, des „Czar - Befreiers", hauchte auch dem russischen Staatsorganismus frisches, gesundes Leben ein; die Zeit der lähmenden Unthätigkeit, die so lange auf dem Leben der russischen Gesellschaft lastete, und des späteren „Nihilismus44, der alles zu verneinen, aber nichts Positives zu schaffen wusste, wurde alsbald von einer anderen abgelöst, von der Zeit progressistischer Strömungen, in der die bisherige Staats- und Gesellschafts- Ordnung vollständig umgeändert, und nach neuen Lebensformen gesucht wurde. Zuerst wurde die Leibeigenschaft abgeschafft; und die bisherigen Sclaven wurden zu freien Ackerbürgern, denen von der Regierung auch entsprechende Landparcellen zugewiesen wurden. Dann wurden allmählich verschiedene andere Reformen auf jedem Gebiete des Staats¬ und Gesellschaftslebens eingeführt: die allgemeine Militärpflicht, die Landschafts-Selbstverwaltungen, das öffentliche Geschwornen- und Friedensgericht, neue Universitäts-Statuten u. s. w. u. s. w. Diese für den Fortschritt günstige und segensreiche Zeit hatte auch im Gebiete des geistigen Lebens reiche Erfolge aufzuweisen: überall in den Grossstädten wurden Bildungs- und Aufklärungsvereine ins Leben gerufen, aus deren Mitte Männer hervorgiengen, die die russische Wissenschaft, Literatur und Kunst bereicherten, und auf die Russland bis jetzt stolz ist. Wir nennen hier bloss Turgenjew, Gogol, Gonczarow, Bjelinsky, Dobroljubow, Pisarew, Sehelgunow, Tschernischewsky und Sts che drin. Nur wenige von diesen russischen Geistesheroen sind heute noch am Leben, wie Graf Leo T o 1 s t o j, Michailowsky u. a. Diese Blütezeit der geistigen Regsamkeit und der politischen sowie wirtschaftlichen Reformen musste auch auf das Leben der russischen Juden von grossem Einflüsse sein, und in der That wurden zu dieser Zeit einige ernste Schritte zur Besserung der Lage der russischen Juden unternommen, u. a. auch solche Massregeln, die zur geistigen Hebung der russischen Juden führen sollten. So wurde das Zwangssystem abgeschafft, mit Ausnahme der Beschränkungen am Wohnungsrechte, denen die ungebildeten Juden, die überdies auch keine Handwerker waren, unterworfen blieben» Hingegen wurden denjenigen Juden, die irgendwelche, wenn auch sehr geringe Bildung besassen, grosse Privilegien zutheil, so dass z. B. schon die Absolvierung einer Volksschule genügte, den Militärdienst von sechs auf nur drei Jahre herabzusetzen. Wer eine Mittelschule absolviert hatte, diente nur zwei Jahre, ein „Hochgebildeter" nur sechs Monate. (Dieses Gesetz hatte übrigens nicht nur für die Juden, sondern für die gesammte Bevölkerung Russlands Geltung.) Die jüdischen Schüler fanden eine ganz unbeschränkte Aufnahme in die staatlichen Elementar-, Mittel- und Hochschulen und durften nach Absolvierung ihres Studiums die von ihnen erworbenen Fachkenntnisse ausnützen, respective ihre Praxis ganz ungestört ausüben. Es konnte z.B, damals von Ausweisungen jüdischer Aerzte aus den Dörfern, aus den Curorten, von einer Einschränkung der Anzahl der jüdischen Rechtsanwälte, von einem Percentsatze bei Aufnahme der Juden in die Mittel- und Hochschulen keine Rede sein. Wir begegnen in dieser Zeit gebildeten Juden sogar im Staatsdienste: als Militärärzte, Procuratoren, Untersuchungsrichter u. dgl. f : (Diese fbrts^^ Strömungen hätten, nach der Meinung D u b n o w s, ebenso wie im Westen die Assimilierung eines grossen Theiles der Juden mit der