Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Article
- Wölwele
- Date
- 1901-07-12
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 28 „Die & ältere Bruder kaufte und bis zum nächsten Markttage zuhause behielt — das sollte die Mutter bestimmt haben. — Er war wohl sehr lenge dagewe&en, vielleicht gar eingeschlummert. Plötzlich überlief ihn ein Schauer und er erwachte aus seinen Träumereien. Wie Eis rann es durch seine Adern, und ein förmlicher Schüttelfrost erfasste seinen kleinen Körper. „Erst war mir zu heissj nun ist's mir zu kalt," dachte Wölwele, während er sich fast zusammenrollte vor innerem Frost» „Ich muss wieder laufen, da wärm' ich mich" . . . Aber jetzt wollten die Beine nicht —sie waren so seltsam schwer geworden — mit grösster Anstrengung hob er einen Fuss um den anderen und zitterte dabei, dass die Zähne nur so aneinander schlugen. „Vielleicht vergrab' ich mich im Schnee?" — Augenblicklich stand das Bild des erfrorenen Knechtes vor ihm, den man im Frühjahre, als der Schnee schmolz, im Felde gefunden hatte. „Was würde die Mutter dazu sagen!" Nein, er musste laufen. Die Schule konnte nicht mehr weit sein, wenn er den Weg nicht verfehlt hatte. Jetzt hörte es auch allmählich zu schneien auf, und wirklich, dort . . . sehr weit zwar . . . aber doch schon auf der freien Flüche, dem Auge sichtbar, erhob sich das stattliche Schulgebäude, am Eingange zum Städtehen. . Wölwele fühlte, wie ihm eine Centnerlast vom Herzen fiel. Dafür war aber der Kopf umso schwerer. Wie ein Stein, so drückte er ihn nieder, und drinnen gieng's herum wie ein ganzer Bienenschwarm, hämmerte es wie der Dorfschmied, brannte es wie Feuer. Immer langsamer bewegte sich der Kleine, die Augen unverwandt auf die Schule gerichtet . . ♦ Dort aber steht an dem blanken, grossen Fenster, das auf die weite Feld- und Wiesenfiäche schaut, der Herr Director und sagt soeben zu dem „Fräulein", der Hilfslehrerin: „Na, ein so böses Wetter haben wir hier noch gar nicht gehabt. Es sind kaum fünf Kinder in jeder Classe, und ich glaube, wir machen heute Feierabend." „Ja, wenn schon der kleine Schnitzer aus Malanka nicht gekommen ist, dann muss es arg sein," bestätigte das Fräulein. „A propös — Schnitzer," sagte der Director, „ich habe Ihrer Bitte gemäss bereits bei dem Ouratorium angefragt, ob er ein kleines Stipendium bekommen würde, um das Gymnasium besuchen zu können. „Nun?" fragte das Fräulein erwartungsvoll. „Noch keine Antwort da."' „Ach, Herr Director, es ist solch ein prächtiger Junge, von so seltener Begabung. Und — das sage ich Ihnen, Herr Director — sobald ich nur leben bleibe, soll aus ihm etwas Tüchtiges werden." „Sehen Sie mal dort, Fräulein," rief plötzlich der Director. Sie blickten beide auf die schneebedeckte Flur, die jetzt ruhig dalag mit klarem Ausblicke. Und auf dieser glatten Decke bewegte sich ein drolliges Etwas. Es sah aus wie ein kleiner Hut Zucker ohne Emballage — bald blieb es stehen und verschmolz in eins mit dem weissen Grunde, bald bewegte es sich langsam vorwärts, bald lief es einige Schritte, um dann wieder stehen zu bleiben. Da, jetzt stolperte das seltsame Ding, kollerte auf den Schnee — selber ein Schneehäuflein, das nun von dem schweren Fall gleichsam auseinanderfiel, einen dunklen Kern enthüllend. Ein Schrei entfuhr den Lippen der Lehrerin. Blitzschnell rannte sie zur Thüre hinaus, hinunter zum Hausmeister: „Schnell Michajlo, nehmt den Handschlitten, da vorne im Felde liegt der Junge .... Ihr sollt dafür . . . ." Seit zwei Tagen — viel früher als, er erwartet — wohnt nun das arme Wölwele in einer schönen Stube — ohne Hahn, Katze und Kälbchen. Leider weisser nichts davon— denn, er liegt todtkrank, in Fieberphantasien, und neben ihm steht das gute Fräulein» „Ich behielt ihn bei mir" — erklärte sie dem 4^'zte — „denn im Dorfe müsste er sterben." Der Doctor schüttelte den Kopf: „Mein liebes Fräulein, ich £iU:'(L'hijö/irdfU$ihviajdi »er :traej;i MeiJ;in5*ssen," muirmelt er leise, ^ie um dem iaitMdigbnt(Herze'nr ndeht wen zu thun. >< ' Weit" Seite;i3 „Was wollen Sie?" fügte er, gleichsam entschuldigend hinzu. „Lungenentzündung in einem zarten, durch mangelhafte Ernährung her abgekommenen Körper — er wird kaum den morgigen Tag erleben." Das Fräulin erbleichte. Ihre Hände gruben sich ineinander. Es ist nur ein ganz junges unscheinbares Menschenleben, das da vor ihr wie ein kleines Lichtlein dem Verglimmen zustrebt — aber sie hatte doch als die Purste und Einzige mit verständnisvollem Blick in dieser schwachen Kindesbrust, hinter der wachsbleichen Stirne und in den grossen, tiefen Augen verborgene Quellen geahnt für eine grosse, strahlende Flamme. , „Er hätte vielleicht Herrliches ersonnen und vollbracht," dachte das „Fräulein" mit thränenden Augen, Wölweles glühende Wangen streichelnd, während sie in stiller Nacht an dem Krankenbette sass — und nun? . . . „Kein Dorfgeher will ich werden" — rief der kleine Kranke plötzlich überlaut, indem er sich mit der Kraft des Fiebers aufrichtete. Die Lehrerin fasste ihn behutsam und versuchte ihn in die Kissen zurückzudrücken. Da . . . ein heftiges Zucken des kleinen Körpers, die Arme recken sich gewaltsam . . . dann sinken sie schlaff herab, ein Händchen fällt auf die Brust, der Kopf neigt sich kraftlos zur Seite . . . Fünf Secunden hatte es gedauert, und das „Fräulein" sieht zum erstenmale — erschrocken und tiefbekümmert — wie Leben und Bewegung, Gedanken und Sprache auf einmal erstarrt zur Leiche wurden. „Vielleicht hätt' ers vollbracht und. wäre etwas Rechtes worden, vielleicht . . . ." flüstern die Lippen des Mädchens, während es mit tiefer Wehmuth in das Gesichtchen Wölweles starrt, der an jüdischer Armut und Xoth gestorben ist. . . . f\us dei) Voranzeigen. Wien. („Jüdischer Verein jugendlicher Arbeiter.") Sonntag den 14. Juli d. J., 2 Uhr nachmittags, findet im Restaurant Kühn, IL, Rembrandtstrasse 18, die constituierende Versammlung des „Jüdischen Vereines jugendlicher Arbeiter" statt. — Tagesordnung: 1. Situations- und Rechenschaftsbericht. 2 Verlesung der Statuten. 3. Wahlen in die Vereinsleitung. 4. Referat des Gesinnungsgenossen Alfred W e i s s b e r g e r : Die jüdischen Arbeiter und der Zionismus. 5. Aufnahme neuer Mitglieder. 6. Eventuelles. G e%i nnungsgenossen, erscheinet zahlreich! Mitglied kann jeder jüdische Arbeiter und Angestellte im Alter von 14—24 Jahren werden. Einschreibgpbür 10 kr., Monatsbeitrag 10 kr. - Spenden für die Bibliothek des „Jüdischen Vereines jugendlicher Arbeiter in Wienu : Geza Klinger Kr. —.60, Bernhard Grünhut Kr. 1.—, R. Gross Kr. -.60, X. Y. Kr. -.30, J. P. Kr. -.20, Egon Lederer Kr. 1.—, A. Weissberger Kr. —.40, Paul Laufer Kr. —.40, Edmund Feiwel Kr. —.50, Julius Eisenschreiber Kr. 1.—, N. Deutsch Kr. —.50, Robert Schwab Kr. —.60. Summe Kr. 7.10. Um weitere Spenden wird dringend ersucht^ Berichte. Wien. Zum Feriai-Leiter der Jüdisch-akademischen Verbindung „Libanonia" wurde stud. techn. Alfred Buchbinder gewählt. Adresse: IL, Novaragasse 42. Wien. Im Betiocale des Vereines „Osseh Chessed" (IL, Schiffamtsgasse 5) fand am Sonntag eine höchst interessante Religionsprüfung statt. Obmann Siederer begrüsste die Erschienenen, und Prof. Dr. Liebreich begann sofort seine Conversation mit den Kindern, die schlagfertig antworteten und grossen Eifer für die hebräische Sprache bekundeten. Dies zeigt sich auch darin, dass das glänzende Resultat in circa 58 Lehrstunden erreicht wurde. Zwei Mädchen, deren Eltern nach Palästina gehen, erlernten die Umgangssprache privatim in etwa 3 Monaten. Auch die Uebersetzungen aus dem Deutschen fielen fast fehlerlos aus. Zum , Schlüsse richtete unser Gesinnungsgenosse Herr Norbert Rappaport an die lernbegierigen Knaben eine aneifernde und belobende Ansprache. Herr Liebling dankte für die uneigennützige, erfolgreiche Thätigkeit dem Herrn Dr. Liebreich, der sich dadurch auch um die nationale Öache, um den Zionismus verdient macht. Die an die Kinder Vertheitten Prämien (natiomdeEtttbleme')örhMten. nur noch die freudige Stimmung. v - ,t }r<;T,