Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 28 (12.7.1901)
- Article
- Das jüdische Weib
- Date
- 1901-07-12
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 28 nur ein mildes, stolzes und freudiges Gefühl von erfüllten Pflichten. Die spärlichen Volkslieder der östlichen Juden, die von der Liebe handeln, haben alle einen so schwermüthigen Ton. Sie wissen nichts von der schönen leidenschaftlichen Liebe, wo die Gedanken der Liebenden ununterbrochen wie Amoretten oder geflügelte Engelsköpfchen zu einander ihre Flügel heben, und von der Liebe nichts, wo bei jeder Umarmung, bei jedem Kuss immer zugleich ein weisses Sternchen vom Himmel auf die PJrde niederfällt und ein lautes, knisterndes Geräüsch macht. Ein sinnliches Gefühl wäre wie eine stark gespannte metallene Saite in ihrem Innern, die, auch wenn sie kaum angeschlagen wurde, sich wuchtig und beinahe dröhnend zusammenzog und ihrem ganzen Wesen einen vollen und starken Klang geben konnte. Wenn der Lauf des Menschenlebens wirklich so kahl und dürr, und die fröhlichen Menschen ihn nur durch ihre immer wieder ausgesprochenen Empfindungen aufbauschen, so mochte die Gabe zu dieser Lebhaftigkeit eben eine wunderbare Gabe und Gnade sein. — So wollte er Nettehen umwandeln und wie eine Bettlerin, die in dürftigen, grauen Gewändern an einer Mauer oder Treppe gekauert hatte, umkleiden. So wollte er das Instrument ihrer Seele dergestalt stimmen, dass es fähig wurde, die süsse, wonnige Melodie der Liebe wiederzugeben und damit das rosige Glück zu gemessen, das ihr sonst hätte versagt bleiben müssen....... Wölwele. VonRosaPoraeranz. „Wölwele, heut' gehst Du nicht in die Schul," sagte die lahme Chane zu ihrem elfjährigen Söhnchen, in halb befehlendem, halb bittendem Tone. Man merkte es ihr an, sie war von vornherein von der Nutzlosigkeit ihres Verlangens überzeugt. „Geh' heut nicht, Kindleb, es is ein Wetter, um keinen Hund hinauszujagen." „Gott behüt, Mutter, die Schul darf man nicht auslassen. Gerade heut könnte das Fräulein etwas erklären oder erzählen — und wenn ich nicht dabei war?" fragte Wölwele mit einer Miene, als ob Tod und Leben davon abhienge. Und noch rascher als gewöhnlich fuhr er in die Kleider, stürzte zum Wasserzeug, uniyseine Morgentoilette zu machen, holte seine Bücher hervor und richtete sie, wobei es nicht ohne Geräusch und Unruhe und Verwirrung abgieng. Die niedrige Bauernhütte, weiche die arme jüdische Witwe mit ihren Kindern im Dorfe bewohnte, war so winzig klein, dass Wölwele durch eine einzige hastig ungeschickte Bewegung die Ofenbank umstürzte, wodurch ein Hahn — Chanes Capitalsanlage — aus seinem friedlichen Schlummer erwachte, krähend aufflog und einen Topf mit Milch zum Umkippen brachte, während Wölwele gleichzeitig, vor der stürzenden* Bank zurückspringend, einen Korb mit Eiern umstiess und mit Entsetzen gewahren musste, wie die kostbare Jahrmarktsware, nach allen Richtungen kollernd, in die Brüche gieng. „Die Schul soll verbrannt werden," kreischte Chane zornerfüllt auf bei dem Anblick des Schadens. Der Kater auf dem Ofen fuhr, von dem Lärm erschreckt, auf, und ohne sich lange zu besinnen, sprang er miauend von seinem erhöhten Platze gerade auf das Bett und auf den Kopf des kleinen Mädchens. Neues Zetergeschrei .... Chane sammelte behutsam die zerbrochenen Eier vom Boden, indem sie unausgesetzt über ihre Entwertung klagte und dafür die Schule und nur die Schule verantwortlich machte. Das arme Wölwele stand da zerknirscht, gekränkt über den Schaden, den er angerichtet, noch mehr aber über die Schmähungen, die sich über seine geliebte Schule ergossen. Miteinem kurzen Seitenblick nach den Topfscherben und der Milchlache am Fussi&o4f$a'feP^$ ^jß^igP-krt ul cU11 Mantel — eine Spenge der Baron Hirsch-Stiftung und — das einzige gute Kleidungsstück auf seinem kleinen, mageren Körper. Die Mütze über die Ohren ziehend, die Bücher unter dem Arme, huschte er zur Thüre hinaus und war im Schneegestöber verschwunden, bevor Chane sich nocn. vom Boden erhoben hatte. „Wölwele," rief es eine Weile später von der Hütte her, „Wölwele, komm zurück, wer geht in so einem Wetter?!" Aber Wölwele hörte nichts mehr; der war bereits zum Dorfe hinaus. Er musste tapfer ausschreiten, denn das Missgeschick des heutigen Morgen hatte eine arge Verspätung zur Folge, und die Schule wrar weit — im nächsten Städtchen — eine knappe Meile von seinem Heimatsdorfe entfernt. Nach dem echt ostgalizischen Froste in der Nacht hatte es gegen Morgen plötzlich zu schneien begonnen. Wie ein phantastisches weisses Meer, das in der Luft zwischen Himmel und Erde w'ogt, gleichsam beide verbindend, nuteten die grossen, weissen Flocken nach allen Seiten, die winzige Gestalt Wölweles einhüllend, ihm ins Gesicht schlagend, so dass er zuletzt die Augen schliessen musste. Das konnte er ganz gut machen. Der Weg war ihm bekannt „wie seine Tasche"; seit zwei Jahren legte er ihn täglich zurück, mit der Regelmässigkeit und Pünktlichkeit eines Uhrwerkes — im fabelhaften, wieder nur in Ostgalizien möglichen Koth und Morast des Frühlings und Herbstes, in der Glut des Sommers und jetr't im Frost und Schnee des Winters. Doch unbeschadet der Unbill der Witterung und des Weges hatte ihn noch stets der Gedanke, „zur Schul" zu gehen, mit einem wahren Glücksgefühle erfüllt. Wie er an diesem Morgen, mit geschlossenen Augen so übers Feld gieng, die Beine mühsam aus dem tiefen Schnee ziehend und voreinander setzend, wobei ihm die Schösse des langen Mantels hinderlich waren — dachte eben Wölwele an das grosse Glück. „Wie," sagte er sich, „wenn die „Baron-Schule" in dem Städtchen nicht errichtet worden wäre?!" Ach, dann hätte er gewiss, wie sein älterer Bruder, ein Dorfgeher werden müssen. Wölwele kam das Weinen an, sobald er sich diesen Beruf nur vergegenwärtigte. „ISein" — nun fieng er an laut zu denken — „ich will mit Gottes Hilfe ein Doctor werden". „Wenn man ein Doctor ist, dann hat man viele, viele Bücher und thut sein Lebelang nichts als lernen und lernen", dachte das naive Wölwele. „Das Fräulein hat zwar gesagt, dass es lange, sehr lange dauert, und dass man sich „viel plagen" müsse, um ein so grosser Mann zu werden, aber Wölwele lachte im Stillen über die Angst des guten Fräuleins. „Lernen — kann doch keine Plage sein". Das ist ja eben das Schönste^ was er auszudenken vermochte. Nur — wenn doch die Schule ein bisschen näher wäre und . . . und . . . wenn man noch dazu imhier ein Töpfchen warmer Cichorie vor dem Schulgang trinken könnte. Im Winter friert man sonst so sehr, es ist so bitter kalt, viel schlimmer als er sich'« gedacht. Auf einmal empfand es der Kleine. Seine Füsse und Hände warn halb starr. Das Gesicht that ihm förmlich weh. So zwickten Wind und Kälte die Nase und die ganz blau gewordenen Wangen. Er hob die Schösse des Mantels ein wenig hoch. Er begann zu laufen, um sich zu erwärmen. Dabei sah er keine fünf Schritte weit, denn der Wind wirbelte die Schneeflocken so pfeilschnell und dicht durcheinander, dass ein riesengrosses Linnen daraus entstand, welches, in geringer Entfernung vor Wölweles Augen flatterte und ihm jede Aussicht versperrte. Er lief, lief, lief bis er ganz aussei* Athem und ganz in Schweiss geraten war. Er setzte sich in den Schnee. Um nicht an das böse Wetter denken zu müssen, sagte er halblaut ein kleines Gedicht her, das just für diesen Tag aufgegeben war. Aber bald kam ihm wieder der „Doctor" in den Sinn . „Ob ich wohl dann meiner Mutter ein Haus werde kaufen können?" überlegte er. „Ja gewiss! Weil sie jetzt so heftig über die Schule schimpft — just darum will ich ihr dann ein so schönes Haus kaufen, wie die Schul." Nun musste Wölwele aber selber über den dummen Gedanken lachen. So ein Haus, das ist ja ein Palast! Nein, so viel vermag nicht einmal ein Doctor. Ahr das .stehtj fest: eia^uStuhe /ganz ■Mewtdifaijsybb. und das kleine Schwesterchen -r-.nieht ziisamna^n tföitv^ dein- Hahn, der Katze und manchmal auch einem. Kälbchen, das der