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Die Welt · 1901-07-12 · 28 (12.7.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
28 (12.7.1901)
Article
Ein "Augenarzt" in Jerusalem
Date
1901-07-12
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 38 „Die # Welt?' Seite 7 Jahres entlassen miisste ^— aus Gründen, die sich durch das Folgende von selbst ergeben werden. Was den. Dr. Kent betrifft, so ist er für die jüdischen Patienten nahezu unzugänglich, da der Andrang der Fellachen vor seinem Ordinationszimmer stets ein so grosser und geradezu lebensgefährlicher ist, dass es den jüdischen Patienten, zumal den Frauen und Kindern, unmöglich ist, vorzukommen. Die Fellachen stellen sich schon um Mitternacht an der Queue an und warten in dem Gedränge neun Stunden bis zur Oeffimng des Locales. Da können nun selbstverständlich die jüdischen Patienten bei ihrer meist sehr schwächlichen Körperconstitution nicht mitthun. Es bliebe für sie also Herr Dr. L. Eothstein übrig. Das ist ein sehr interessanter Mensch, den wir ein wenig näher kennen lernen wollen. Wir haben in der „Welt" übrigens schon das fragliche Vergnügen gehabt, die Bekanntschaft dieses Herrn zu machen. Ehe er nämlich wohlbestallter Augenarzt in Jerusalem wurde, spielte er in Alexandrien äk „Emissär geheimer russischer Zionsvereine" eine gär nicht zweifelhafte Eolle. Wir finden darüber in Nr. 26 der ,,Welt^ vom Jahre 1898, S. 11 f., in einer CorrespoMenz aus Alexandrien folgende interessante Auf Schlüsse : „Wir'thün alles mögliche, um jedem, der es hören will; zu versichörn, dass der Zionismus . . . sein laut und deutlich ausgesprochenes Ziel mit Mitteln, die er aller Welt hekanntgegeberi hat, verfolgt, und dass er keinerlei „geheimen"1 Plan hat. Diese geheimen Pläne hat man uns öfter entgegengehalten"; wenn wir die Leute fragten, wieso sie zu ei ne-r solchen Meinung gekommen, antworteten sie gewöhnlich, sie hätten mit einem gewissen Dr. Rothstein gesprochen, der'sioh'Mer,'als unsere Agitation anfieng, als Emissär ,,geheimer>fiLssisc]ier Zionsvereine" ausgab'. Natürlich liolieh wir diesen Mann als das erklärt, was er ist, als einen Sch windler, der' Vm - Trüben fischt und lediglich schmutzige Privatzwecke' verfolgt." Für „geheime Gesellschaften" und ähnliche'Heimlichkeiten hat Herr Dr. Rothstein überhaupt eine grosse Vorliebe. In Jerusalem gründete er einen jüdisch-religiösen geheimen „Orden" unter dem mystischen Namen ■'"TftSf) 3 ttfrV Als aus dem inneren Leben, dieses „Ordens" einige sehr verdächtige Einzelheiten in .die Öffentlichkeit drangen, veröffentlichte der Cliacham-Baschi in Gerneinschaft mit dem Rabbinatscollegiiim in den palästinensischen Blättern eine „Warnung" vor dem Beitritt zu diesem Gehen mhunde. Doch das „Rein-Menschliche" an Herrn Dr. Eothstein interessiert uns weniger als seine ärztliche Thätigkeit. Der Herr Oeulist richtet die Augen seiner Kranken durch Einpinselung mit 20procentigeri Lapislösungen und. darüber systematisch zugrunde. Auf diese Weise hilft er der "Natur nach und verschafft sich immer neues „Material" . . . Schreiber dieser Zeilen sah selbst ein Originalrecept - des Herrn. Dr. Eothstein, in dem dieser eine 20procentige. La-, pislösung verschreibt. Es wird aber von vertrauenswürdiger Seite behauptet, dass er unter Umständen auch. -10bjs.Jfiprocentige Lösungen verordnet. Nun. vergleiche manhiozu die Gutachten zweier namhafter Wiener Special isteii, die wir hier wörtlich folgen lassen: I. Heber eine Anfrage wegen der Behandlung von Trachomen erkläre ich gerne, dass ich die Behandlung mit La- . pislösungen, die über 5 Procent sind, also 30 oder 40 Procent enthalten, für äusserst schädlich und gefährlich halte. Ich seihst benütze ineist 1 Procent, selten 2 Procent (Argentum nitricum). 8. VII. 1901. Universitätsdocent Dr. Topolansky. IL Ich erkläre über eine diesbezügliche Anfrage, dass ich in meiner Praxis nie eine andere als eine zweiprocentige Lapislösung benütze, dass ich es für unerlaubt und verbrecherisch halte, eine 30- bis 40procentige Lapislösung bei Augenkrankheiten welcher Art immer zu verwenden, dass in ganz Europa es keinen namhaften Augenarzt gibt, soweit meine Kenntnisse reichen, der eine stärkere als höchstens Sprocentige Losung verwenden würde. AVien, 5. Juli 1901. Dr. S. Klein, Docent an der k. k. Universität, Abtheilungsvorstand der Poliklinik, Augenarzt des Spitales der isr. Cultusgemeinde etc. etc. * . Unter solchen Umständen ist es nicht zu verwundern, dass die jüdischen Augenkranken, denen es nur irgendwie möglich ist, lieber die weite, beschwerliche und kostspielige Reise-nach Europa unternehmen, als dass sie sich von einem derartigen Charlatan behandeln Hessen. Wieviele arme Kranke gibt es aber, für die eine Eeise nach Europa zu den Unmöglichkeiten gehört! Die verschiedenen jüdischen Landsmannschaften (qi^i^) sowie einzelne Private in Jerusalem haben schon einigemal vergebliche xAnstrengTingen gemacht, die jüdischen Philanthropen in Europa für diese Zustände zu interessieren und mit deren materieller und moralischer Unterstützung einen tüchtigen europäischen Specialisten für die jüdischen Augenkranken .Jerusalems zu acquirieren. Vielleicht geben diese Zeilen den x\nstoss• dazu, dass in dieser Angelegenheit endlich einmal ernsthafte Schritte unternommen werden. M.. Z. H. Stewart Chamberlain und seine Berutheiliing des Judenthums. *) Von Bemar d Tag. r: IV. Gewiss, mein Freund, eine ganz bestimmte Autorität ist es, die ich dort vor Augen hatte; eine Autorität, auf diö -wir uns alle bei jed weder wichtigen Gelegenheit mit Recht und mit Vorliebe zu berufen pflegen: Goethe. Mir kann -nichts erwünschter sein, als wenn Chamberlain bei dem Versuch, seinen Begriff von Religion und die "Religion , des Judenthums dem Leser anschaulich zu machen, an eine bedeutungsvolle Bemerkung Goethes anknüpft.- Im vierten .Buch von „Dichtung und Wahrheit", in jenem Abschnitt, wo Goethe, seinen jugendlichen Studiengang darlegend, von der Wirkung spricht, welche die Bibel auf ihn geübt hat, flicht er in seine schlichte Wiedergabe der schlichten biblischen Erzählung" folgende Betrachtung ein: „Die allgemeine, die natürliche Religion -bedarf eigentlich keines Glaubens : dehn die lieberzeng-ung, dass ein grosses, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns fasslich zu machen, 'eine solche Ueberzeugung drängt sich einem jeden auf; ja, wenn er auch den Faden derselben, der-ihn durchs Leben - führt, manchmal fahren liesse, so wird er ihn; doch gleich und überall wieder aufnehmen können. Ganz-anders verhält sieh's mit der besonderen Religion, die uns verkündigt, dass jenesgrosse Wesen sich eines Einzelnen, eines Stammes, eines- Volkes, einer Landschaft entschieden und4 vorzüglich annehme.'Diese Religion ist auf den Glauben gegründet, der unerschütterlich sein muss, wenn er• nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder Zweifel gegen eine solche: Religion ist ihr tödtlieh. Zur Ueberzeugung kann man zuriiekk^hren^ aber nicht zum Glauben." Darin werden wir ganz ohne' 'Einschränkungmit Chamberlain überein- *) Siehe „Die" Welt* Nr. u2% °24 und. 26. " In dem Aufsatze in Nr. 26 wolle corrigiert werden : S. 10, Spalte % Zeile 14 soll es heissen : statt „älteste und neueste Ausdruck" ^- „älteste und nai vste Ausdruck"; Zeile 89, anstatt „die Welt der Juden" — „die Welt der Inder"; Zeile 49, anstatt „Jünger des Diogenes" — „Jünger des Dionyäp s".

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