Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Article
- Die jüdische Eva
- Date
- 1901-07-05
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „DSe # Welt" Nr. 27 1 leichter, sieh selbst nach freiem Belieben eine Sage zurechtzulegen. Z. B. dass Judith in der unzugänglichen Burgruine, Ghetto genannt, weile* da&elbst das Dasein einer verstossenen Königin friste, und dass mancher Stein in ihrem Ruinenasyl aus dem Salomonischen Tempel herrühre; und dass man durch ein spinnenumwobenes "Fensterlein — wenn man den Tag und die Stunde nicht versäumt — ihre weissen Hände sehen könne, wie sie sich über Lichtern weihend erheben. Aber nur einmal im Jahre, am Tage der Verbannung, lege sie ein Stirngeschmeide an, mit fast zweitausend schwarzen Perlen . . . Jedes folgende Jahr füge sie eine solche Perle hinzu. Die schwarzen Perlen bringe ihr der ewige Jude von den Ufern des Todten Meeres. Denn der ewige Jude suche und wandere — die ewige Jüdin aber weile und warte . . . 6. Ach, es ist nur ein Gleichnis, die richtige Sage ist nicht so gut gemeint. Die richtige Sage weiss von der hasslichen „ewig tanzenden" Herodias zu berichten, von der Befana, der Dona Bruta, der Besenreiterin, der Vogel- und Kinderscheuche . . . Und im Ghetto gibt es lange keine „Ewig-tanzende" mehr, an ihrer Stelle nur — ein Haufen Asche . . . Anfänglich war es ein Häuflein, allmählich wurde es zum Haufen, so gross wie der Sandhaufe am Meere. .... Es war eine Mondnacht und die Asche längst kalt. Da bemühte sich zur Ruine eine vornehme Gesellschaft von Damen und Herren. Sie waren von dem weit schmerzlichen Wunsche beseelt, den etwaigen Bewohnern der Trümmer Freiheit, Gleichheit und wahre Geschwisterliche anzubieten. Aber keinTrostbedürftiger war zu linden, ausser einigen Mäusen und einigen Fledermäusen .... Die Herrschaften Hessen dar ob tief die Nasen hängen, beschnüffelten eine blaue Blume, magnetisierten den Mond mit verzückten Blicken, belausehten das meilenlange Echo ihrer Seufzer und wollten schon am Schutte vorüber. Da stolperte ein Dichter — (Dichter waren sie alle) — über eine noch unverkohlte Rippe. Er hob sie sinnend aus der Asche, recitierte geisterhaft die Gräberscene aus „Hamlet", dann noch eine selbstverfasste Ballade und vertiefte sich in ein tieferes Grübeln, aus welchem er sich mit der Frage an eine Dame erholte: — Diese Menschenrippe da — aus dieser Menschenasche da — dem häuslichen Herde zum Opfer zu bringen — vielleicht entsteigt noch der Vogel Phönix, o Lucinda! . . . — Quoi donc! war die Antwort, — in der That, blauer Heinrich, das wäre christlich-romantisch! . . . 7« < Das Bein brannte nun am Salonkamin, der Kreis der Poetischen starrte stimmungsvoll ins Feuer. Und richtig, etwas sehr Romantisches trug sich zu . . . Ein himmlisch-blauer Schein erfüllte allmählich die dämmernde Stube, und dem lodernden Ofenschlunde entstieg ein reizend-rothhaariges Feuergespenst .... Der Dichterkreis gerieth in hellen Freudentaumel, umkreiste, umtanzte, um jauchzte die herrliche Flaramengeburt, ihr zujubelnd: — Asphasia! Asphasia aus semitischer Rippe! .... Jeder halbwegs unsterbliche Geist wollte der Perikles der schöngeistigen Hetäre sein. Und diese Hess sich von all dem erdichteten Geistesüberfluss angähnen und bethören. Des Nachts umschwärmte man die alte Ghetto-Ruine, und es klang dann ein Reigenlied: .... Mendelssohns Töchter tanzen zur Nacht den ReüYn .... 8. Bis eines Tages ein Fremdling mit verwittertem Gesichte und zerrissenem Gewände in den Salon eindrang, auf die Salonprinzessin zuschritt und ihr tief in die Stirn eine grosse schwarze Perle drückte, so dass sie vor unsäglichem Schmerze qualvoll aufschrie: Ich lebe! . . . Der Dichterkreis zerstob unter Verwünschungen und Alarmrufen. An den Salonwänden aber gewahrt man ungezählte, gleichlaufende Zickzacke und ein langsames Bersten wurde hörbar. — Die beiden waren wieder im Ghetto .... Hinaus! — rief der Wanderer. 9. Hinaus, hinaus in die Freiheit! — rief s i e aus dem Grunde ihrs Lebensdranges — und stellte sich in die Vorderreihen der grossen Menschheitsbewegung. Hinaus, hinaus in die Freiheit! — rief sie aus der Tiefe ihres Schicksalsdranges — und eroberte die vordersten Bühnenbretter. Hinaus, hinaus in die Freiheit! — rief sie aus dem Innersten ihres Weisheitsdranges und besetzte die vordersten Lehrbänke, der Hochschulen. 10. Ihr Geist gesundet, ihr Gemüth kräftigt sich, ihr Herz fühlt grösser, ihr Auge blickt reiner, ihr Urwesen findet sich wieder. Nun aber .... Nun aber blickt sie um sich, sie hält die Heerschau ihres Volkes . . . Und dann, mit thränenfeuchtem Auge spricht sie zum Judensohn wie Rachel einstens zu Jacob: Gib mir Söhne, denn ich sterbe! . . . — Denn ich bin krank vor Liebe! . . . spricht sie mit Sulamith — — Wahrlich, im Angesichte des Todes, im Angesichte des Hunger-, des Seuchen-, des Schlachten- und des Feuertodes hat sie ihre Söhne geboren, denn ihre Liebe ist stark wie der Tod, wie der vierfache Tod! .... Nun höre Pharao! Das hebräische Weib ist ein hartes Weib, und ehe die Wehemutter zu ihr gekommen, hat sie geboren! (Exodus IL, 19.) Ja — hinaus, hinaus zu meinem Volke! — ruft es aus dem Allerheiligsten ihres Mutterdranges, und sie verjüngt ihres Stammes Krone .... Zurück zu meiner Scholle! — ruft es aus der unsichtbar schaffenden Wurzel .... 11. Auf, auf, meine Freundin! Meine Liebliche! Denn sieh! Die Regenzeit ist vorüber, Die Blumen zeigen sich am Boden, Die Sangeszeit ist da — Schon hört man in unserem Lande Der Wandertaube Stimme .... (Schir Ha-Schirim II, 10.) ^HbüiK. (Für Form und Inhalt dieser Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung.) Selir geehrter Herr Redacteur! Wieder bitte ich um ein Plätzchen für mich. Ich hoffe aber, dass ich mich hier zum letztenmale mit Herrn Richard Rappaport beschäftigen werde. Für mich existiert dieser Herr von nun an nicht mehr. Er hat meine präcise Frage, ob er in Prossnitz sich geäussert, er könne Enthüllungen über die „Jüdische Colonialbank" machen, nicht beantwortet. Dafür wurde er im „Jüdischen Volksblatt" grob, beschimpfte mich und meinte, dass er mir als einem ihm Unbekannten nicht Rechenschaft zu geben brauche. Ich bin nicht grob, lege aber dafür zwei Thatsachen vor, die den Freunden und* Genossen beweisen mögen, ob mich Herr Richard Rappaport kennt und kannte. Darnach wird sich wieder ergeben, was die Worte dieses Herrn wert sind. 1. Anlässlich der Agitation für die Cultuswahlen lud ich Herrn Richard Rappaport zu einer Versammlung des Einzelvereines „Fünfhaus" des „Zion". Wir Zionisten haben damals mit der Volkspartei zusammengewirkt. Die Versammlung war am 17. November. Nachdem sich Herr Rappaport persönlich durch meinen Freund, Herrn Samuel Mohr, wegen seines Nichtkommens hatte entschuldigen lassen, that er das schriftlich in einem an mich gerichteten Briefe vom 14. December 1901. Der Brief liegt bei mir zur gefälligen Ansicht. Damals wusste also Herr Richard Rappaport, wer ich bin, wo ich bin und was ich bin. 2 Bei der schon früher, d. i. in einem früheren Briefe, erwähnten Versammlung des Einzel verein es „Fünfhaus* des ,Zion" waren die Herren P i 1 p e 1, Plaschkes