Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Article
- Zangwill
- Date
- 1901-07-05
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 „Die ^Welt- Seite 13 zählt, trägt zur Versöhnung bei. Denn das ist ja dass Herrliehe am Juclenthuni, dass die Liebe zu ihm fortschreitet mit der vermehrten Wissenschaft von seinem Leben. Erschöpfend in Schulbeispielen fuhrt Zangwill seinen Lesern jeden Stand, jeden Beruf und jeden Typus des Judenlebens vor und indem er die Seelen der Kruste entledigt, die das Gohis angesetzt hat, dünken uns seine Erzählungen wie das Märchen vom Königssoim, der die Gänse führt. Eine Wirkung Zangwills besteht darin, dass jeder Jude ohne Bedürfnis nach philosophischer Vertiefung nach dem Lesen seiner Werke sich beeilen wird, sich des Wustes von Vorurtheilen, die leider die Neuzeit bei uns aufgespeichert hat, zu entledigen, und auf die Hand, die er dem jüdischen Bruder bietet, sein Herz zu legen. Sie rufen seinem Mitleid mehr zu als seinem Zorn. Die Liebe zum Judenthum, in ihrer nothwendigen Folgerung bethätigt, ist der Zionismus. In seine Thätigkeit greift oft lähmend die Erscheinung der Verdrossenheit ein, die wir im Judenthum zu bemerken glauben. Darnach scheint es, als ob das ewige Unglück das Gefühl der Ohnmacht hervorgerufen hätte. Zangwill aber beweist uns, welche Fälschung die öffentliche Meinung ist, die als solche im Gentrum der Städte künstlich präpariert wird. Die von seinem scharfen Blick entdeckte Psychologie der Massen aus den stillen Vorstädten lässt die ganze Lebendigkeit und Thatkraft unseres unschätzbaren Menschencapitals erscheinen. Eine freudige Ermunterung für die arbeitenden Zioiiisten ist auch die von ihm bewiesene Thatsache, dass kein Pöbel unseren Argumenten seinen Aberglauben entgegensetzt. Mag die Materie die Juden heben oder drücken; das Buch der Bücher, der Väter Lehren und Sprüche haben sie durchwegs zu Aristokraten des Geistes erhoben. Wenn nun Zangwill das Volk schildert: im Unglück wahrhaft gross und in dessen so langer Dauer glänzend erhalten, im erdrückten Körper den hohen Geist, den eisernen Willen, den eifrigen — wie sehnsüchtig schön lässt er die Vorstellungen unserer erreichten Ziele erscheinen, wenn das jüdische Volk zuhause für sein Leben arbeiten wird und nicht gegen seinen Tod. Gebt Zangwills Volk das Glück der Erde und mit uns jubelnd wird er rufen: „Wie schön sind deine Zelte, o Jacob, und deine Wohnungen, o Israel.u Einer von den zahlreichen Söhnen der herrlichen Mutter Kahel, schreibt Zangwill ihre Geschichte, kundig des leichtf Hessen den Wortes. Seine Brüder aber wissen seiner Familienliebe Dank. Es sah jemand jüngst zwei Zionisten Arm in Arm dahinwandeln, angeregt durch den Anblick monumentaler Bauten. Sie standen in dem Alter, wo das überschüssige Blut auch bei Tag im Kopfe Bilder erzeugt, die bestenfalls erst die Zukunft verwirkliehen wird. Die Kritiker der reinen Vernunft nennen das Träumen. Aus einem Traumbild heraus sprach einer von den Colonnaden um die Akademie der Wissensehaften in Juda. Da wurden die Männer genannt, deren Bild spätem Gedächtnis dastehen werde. P]iner der ersten Kamen war: Zangwill. J. Upfimny. Die jüdische Eva. 0 1 e i o Im i s s e vo n Anfiel m L u t w a k. 1. Du bist so unvergleichlich wie die gelobte Heimat! .„Denn der Duft deines (Jewandes ist wie der Duft des Libanon ..." Du unsichtbare,, allgegenwärtige, mitwandorude Heimat! . . . Du Unsichtbare! . /t . 2. Unsichtbar ist nur. Holt und was sieb mir in Träumen offenbart; doch — wie ^«fyLUjie,..ich .fip^.^wigjcejj;..«minor jiind wie horche icb<7,u meinen Träumen! — > Unsichtbar ist mir das Zelt unserer Irrfahrt — von einein lichterlosen Himmelszelte überspannt; doch — wie hänge ich an dem beweglichen, schicksalsreichen Hause! Fast wie der Blinde an dem Kinde, das ihn bei der Hand zu besseren Menschen führt. Unsichtbar ist mir das höchste Segel des Schiffes unserer Sündflut; aber am. schiefen Mastbaumo bäumt sich meine blinde Liebe gegen das finstere Gewitter auf, welches noch über den Wolken mein Segel zerfetzt. — Also unsichtbar ist alles, was meine Seele liebt und also unsichtbar ist mir Judiths Seele. Unsichtbar und wunderbar ihr Schaffen gleichwie das Auge, das Haus, der Traum, ein Cott-- •> o. Wir sind wie der Sand — der (rlühwind ist unser Gebieter. Hin blutiges Spiel, wie er seine Sclaven in wirbelnde Kreis peitscht, von Strand zu Strand, von Zeit zu Zeit, von Wüste zu Wüste. Wir sind die fliegende Wüste . . . Aber an dem seltenen Tage der Erschöpfung, da das fluchbeladene Schicksal in athemlosen, taubstummen Schlaf versinkt, geschieht ein» stilles Wunder am Meere. — Die Sonne leuchtet so gross und milde, wie ein Vollmond. So hell ist dieser Tag, wie nur eine Sabbathsoinmernacht am See Genezareth. Auf den (Jewässern zittern tausend morgenrothe Zukunftsahnungen — — Und siehe,, inmitten der tiefsten Meeresstille regt sich's am Strande wie von unterirdischem Beben — wie im Schlaf erhebt sich der Sandhaufe, eine Diamantenstaubwolke — und schwebt und wogt und wiegt sich ein Goldtraum .... Denn es tönt durch den nachthellen Tag ein wundersames Wiegenlied aus unsichtbarem Munde — — Kindlein, es schlummert diesen Tag, E.s ist ein Tag zum Schlafen, Zum Schlafen, zum Schlafen, Der Tag ist lang und kurz die Nacht, Und wenn's erwacht — Ist ein anderer., anderer, anderer Tag Im Hafen — — — Der singende Mund heisst aber: Juda's Mutterseele. 4. Der Teufel führt uns zum Heidenweibe und dieses zu fremden Göttern. Dann kommt ein Moses, ein Prophet, ein Esra oder Nehemia, und sucht das Ungeziefer auszumerzen. Dies ist beinahe die kurze Geschichte der langen Geschichte . . . Judith abera Judas Eheweib — wie hat sie dem Treubrecher vergolten? Hat sie sich etwa gerächt an Judas Haupte? — Mit nichten! Hat sie sich am Haupte ihrer Rivalin gerächt? — Mit nichten! Der Apokryph verriith die Rache ihres grossen Herzens: Holofernes' Haupt brachte sie in Judas Lager und nahm von ihm die Furcht . . . Fürwahr, sie weis noch einmal so listig zu sein wie Delila, aber tausendmal so liebreizend wie Königin Waschti.! . . . Im Frieden geht sie unter dem Koseruf Rebecca-Sulamith einher. Im Kriege überrascht sie den eingeschläferten Feind — Jael-Deborah. In der Fremde verschleiert sie sich zu einer Esther-Uadassa, und wenn sie heimkehrt, enthüllt sie sich wieder als das Mädchenherz Ruth, als die Musterseele Rachel . . . Doch bevor sie in die Fremde gezogen — da stand sie dem verblassten Abendsterne gleich über den wankenden Zinnen Zions, noch ihren Haarsehnnick opfernd für den glücklichen Ausgang des allerletzten Schwert kämpf es . . . 5. Die heldenbestrickende Jungfrau, die t od verachten de Heldenmutter, die psalmsingende Prophetin — gieng (so wollte es scheinen) im Flusse der Zeiten zugrunde. Eine spanische, eine provencalische Romanze, eine italienische Novelle, eine deutsche Räuber- oder Klosterlegende, ein byzantinisches Serailmärchen wollte ie vielleicht hie und da der Versehollenheit entreissen. Irgendwo, irgendwann wollte das Volk die ewige Jüdin auf der Landstrasse gesehen haben, doch mag dem ({erächte, welches vage wie ein Irrlicht schleicht, niemand trauen. Es ist so übrigens