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Die Welt · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
27 (5.7.1901)
Article
Pariser Briefe
Date
1901-07-05
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 27 Werken des sittlichen und geistigen Fortschrittes, die die „Alliance" in verschiedenen Ländern der Erde gestiftet hat, Werken, die dem Judenthum und den Juden zur Ehre gereichend In allen Theilen Deutschlands wurden ComitSs gebildet. Diese haben noch heute in ihrer Mitte Mitarbeiter, die schon in der ersten Stunde da waren. Sie sind durch eine lange Erfahrung überzeugt, dass das, was die Stärke der „Alliance" ausmacht, in der Ausscheidung aller politischen und religiösen Meinungsverschiedenheiten und in der Einheit des Werkes liegt. Sie denken ebenso wenig daran, sich von uns zu trennen, wie wir von ihnen. Wenn Sie nun geneigt scheinen, aus politischen Erwägungen oder vielleicht aus Furcht vor unseren Feinden, den Namen „Alliance" zurückzuweisen, werden darum unsere Anhänger nicht auch fernerhin glauben, dass sie unserem Gedanken treu bleiben, jede politische Differenz beseitigen, alle ihre Kräfte und ihren ganzen guten Willen der „Alliance" zur Verfügung stellen müssen zur Emancipation, zur sittlichen Hebung der Juden und zur Erhaltung einer ganzen Reihe von Institutionen, die seit 40 Jahren zu diesem Zwecke gegründet wurden? Bas sind die Gesichtspunkte, die wir Ihnen entwickelt hätten, wenn Sie uns Gelegenheit gegeben hätten, Ihr Project des „Hilfsvereines" kennen zu lernen, bevor Sie es zum Beschlüsse erhoben haben. Thatsächlich haben wir vor Empfang Ihres Briefes vom 21. Mai keine Nachricht von Ihnen erhalten. Wir sagen Ihnen heute unsere Meinung mit jenem Freimut h, den wir Männern Ihrer Art schulden, die beseelt sind vom guten Willen und von dem aufrichtigen Wunsche eines Einvernehmens mit der „Alliance". Wir haben unsererseits die Ueberzeugung, dass der gemeinsame Wille unserer Glaubensgenossen, die Juden zu stützen und zu erziehen, uns einträchtig diesem Ziele, so gut als es nur geht, wird zustreben lassen". Es ist unnöthig, die Worte zu unterstreichen, die dem Gefühle der Bitterkeit-Ausdruck geben, welches Herrn Leven diesen Brief in die Feder dietiert hat. Die Correctheit und vollendete Hüfliclhkeit geben diesen Sätzen einen noch schmerzlicheren Klang. Herr Leven gehört nicht »mehr zu der jungen Generation französischer Juden. Er war unter den ersten Gründern der „Alliance", die zumindest das Recht haben, die jüdische Solidarität in Anspruch zu nehmen. Wir verstehen ja wohl, dass Herr Leven, am Abende seines Lebens^ das er der „Alliance Israelite universelle" geweiht hat, einen tiefen Schmerz empfindet, wenn er sieht, wie eben diese „Alliance" zerstückelt und zerfetzt wird. Dieser Soli merz muss um so tiefer sein, als sich Herr Leven doch bestimmt darüber Rechenschaft geben muss, dass das Lossagen der deutschen Juden von einem von französischen Juden geleiteten -Unternehmen vollkommen der Logik der Ereignisse entspricht. Wahrhaftig, man muss zu dieser Folgerung gelangen. Die deutschen Juden blieben der „Alliance Israelite" auch nach dem Kriege treu. Jetzt sind 30 Jahre seit dem Kriege vergangen, und sie halten den Augenblick für gekommen, sich von ihr loszulösen. Was muss daraus geschlossen werden? Dass das Prinzip der Assimilation bei unseren Brüdern in Deutschland einen Höhepunkt der Entwickelung erreicht hat, derart, dass sie, um die Consequenz mit ihren Gedanken und Aspirationen einzuhalten. Deutsche sein wollen, bevor sie Juden sein wollen. Darum wollten sie mit einer französischen Vereisrigung brechen und ihre deutsche haben. Man muss sich also bei dieser Secession an das Prinzip halten. Hält man aber selbst treu an diesem Prinzip fest, kann man die „Deutschen mosaischer Confession" nicht dafür tadeln, dass sie „Nur- Deutsehe" sein wollen und keinen Antheil wünschen an einem Werke, dessen Name, Devise und Symbol von ihnen fordert, erst Juden und dann Deutsche zu sein. Wohl, wenn wenigstens die „Alliance israelite universelle" bei ihrer Thätigkeit den Weg eingeschlagen hätte, den ihr der französische Name, die hebräische Devise "Dnsn bxiw ba« und das jüdische Symbol der fest verschlungenen zwei Hände gewiesen haben, dann hätten sie heute unzweifelhaft das Recht, den deutschen Juden einen Vorwurf zu machen, dass sie abseits marschieren. Allein sie selbst folgt schlechten Einflüssen und geht so ihrem Untergange entgegen. Gestern kehrten ihr die englischen Juden den Rücken, heute sind es die deutschen Juden, die fahnenflüchtig werden. Auf der anderen Seite schwächt sich das Prestige der „Alliance" im Orient von Tag zu Tag. Unsere Freunde im Orient wenden sich immer mehr dem Zionismus zu. Die „Alliance" hat nur ein Mittel, ihr Prestige zu erneuern; sie muss sich dem Zionismus anschliessen. Sie würde damit nichts anderes als ihre strenge Pflicht erfüllen. Es gibt heute nur eine lebende und lebengebende Kraft im Judenthum: das ist der Zionismus, Einem brausenden Bregstrome gleicht er, dessen mächtigen Sturz kein Damm aufzuhalten vermag. Alle diese deutschen „Alliancen" und französischen „Hilfsvereine" werden sich vom Strom mittragen lassen müssen oder — sie werden untergehen. Sie haben die Wahl. Ueber anthropologische, physiologische und pathologische Eigenheiten der Juden. Von Dr. M. Kretzmer (Griwa-Semgallen). (Vortraggehalten in der Sitzung der Aerzte des Illuxtfschen Kreises am 26. Jänner 1901.) Die Anthropologie ist die Lehre von der speciellen Naturgeschichte des Menschen. Sie beschäftigt sich mit dem Studium des lebenden Menschen und des Menschenskelets zur Bestimmung ihrer Stelle in der Natur. Die Beziehungen der äusseren Körperformen stimmen in der Mehrzahl der Fälle mit dem inneren Inhalt des Typus überein. Es gibt sichere äusserliche Merkmale, mit Hilfe deren wir die Eigentümlichkeiten der Easse und Nationen studieren können. Zu diesen Merkmalen gehören: die Farbe der Haut, der Haare, der Pupillen, der Wuchs und das Gewicht und Mass der einzelnen Körperteile. Sehr wichtig für die Unterscheidung der Eigentümlichkeiten ist der Kopfindex, d. h. das Verhältnis des grössten Breitendurchmessers des Schädels zu seinem Längsdurchmesser; dieses Verhältnis haben die Anthropologen Broca und Retzius durch die Formel ausgedrückt: Grösster Breitendurchmesser X 100. Längendurchmesser, Schädel mit dem Kopfindex 75 und weniger nennen wir dolichocephal, mit dem Index 78—80 mesocephal und mit dem Kopfindex mehr als 83 brachycephal. Wie verhält sich zu diesen anthropologischen Merkmalen die jüdische Nation? Nach historischen Angaben und Ueberlieferungen zählt man die Juden zur semitischen Gruppe der Tcaukasichen Rasse. Schon im grauen Altertum hat sich der jüdische Typus ausgebildet, wie wir es jetzt leicht an den Abbildungen der Juden auf den ägyptischen und assyrischen Denkmälern sehen können, welche Abbildungen man sofort von denen der anderen Völkerstämme unterscheiden kann. Der Judenstamm hat durch seine Äbschliessung von anderen Stämmen in alter und neuer Zeit, durch seine Auswanderung aus dem Heimattande und durch seine Zerstreuung in die anderen Erdtheile Eigentümlichkeiten ausgebildet und fort erhalten, wie uns dies von keinem anderen Menschenstamme bekannt ist. Der Grundton und Leiter dieses Stammes war der Glaube an Einen Gott, die Erhaltung dieses Glaubens mit den mosaischen Gesetzen und Gebräuchen, und deshalb Abschliessung von anderen Stämmen. In der That ist den Juden eine unter sich ähnliche, charakteristische Gestalt eigentümlich unter allen geographischen Breiten und Längen und unter den mannigfaltigsten socialen und politischen Verhältnissen. Anthropologisch haben die Juden folgende charakteristische Merkmale : Der Wuchs ist nicht gross, 162—165 cm. durchschnittlich. Sie haben einen langen Eumpf und kurze Gliedmassen. Die Farbe der Haare und Pupillen ist grösstenteils dunkel (brünett), Blonde und Rothaarige kommen bei den Juden selten vor. Nach den Messungen von KopernitzJcy, DybowsJci, Blechmann, TaTko-Grinzewitsch, Ihow, Jacobs und Spülmann an galizischen, littauischen, rigaischen, österreichischen, kleinrussischen und grossrussisehen Juden ist die Kopfform bei den Juden grösstenteils brachycephal (Index 82—83), dolichocephale kommen nur in 5% der Fälle vor. Der Haarwuchs am Gesicht und Körper ist reichlich, oft kraus. Die Stirn ist breit, der Interorbitalraum klein, die Augen äusserst lebhaft, die Nase ist ziemlich gross,

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