Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-07-05
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315933-3398111--26926-3398183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Är 37- „Die # Welt** Seite 9 Bürger zu classificieren seien. Zu den ersten seien die Juden zu zählen, die sich die europäische Aufklärung aneignen, sich mit Handwerken und Ackerbau beschäftigen werden etc.; diese Juden sollen auch dementsprechend verschiedene Rechte, und Privilegien gemessen. Hingegen seien die übrigen Juden, die bei ihrem Fanatismus und ihren verdächtigen Beschäftigungen bleiben, als unnützliche Bürger anzusehen, und ihre Hartnäckigkeit sei durch verschiedene Beschränkungen zu bestrafen: Diese ungebildeten Fanatiker sollen wie bisher in den Dörfern und an der Grenze nicht wohnen dürfen, ihnen sei die Bekleidung öffentlicher Aemter nicht gestattet, für sie hätten die Strafgesetze der früheren Zwangsassimilations-Periode in ungeschwächter Kraft bestehen zu bleiben. Es wurde sogar der Antrag gestellt, dass nach dem Beispiele Oesterreichs 15 Jahre nach der Eröffnung der jüdischen Regierungsschulen keinem jungen Juden die Erlaubnis, zu heiraten, ertheilt werde, der kein Schulzeugnis vorzeigen könse; hingegen genössen die „Aufgeklärten" dieses angenehme Recht ganz unbeschränkt. .,Auf diese Weise", — schliesst das Memorandum — „indem man sämmtliche Theile dieses Projectes in Einklang mit dem Grundprincipe der Reformierung des jüdischen Volkes bringen und dazu noch Zwangsmassnahmen vornehmen wird, kann man hoffen, das Ziel der Regierung, wenn auch nicht sehr rasch, so doch ganz sicher zu erreichen und dadurch eine zahlreiche Classe von Bürgern zum Besten des Reiches zu reformieren/-' Graf W oro.nzow, einer der aufgeklärtesten und einflussreichsten Staatsmänner jener Zeit, trat diesem Projecte mit Entschiedenheit entgegen und sprach der Regierung offen seine Meinung aus, dass solche Eintheilung der Bürger in nützliche und un nützliche ungerecht sei und auch zum gewünschten Ziele nicht führen werde. Er schreibt in seinem, dem Kaiser Nikolaus I. „unterthänigst unterbreiteten" Memorandum u.a. folgendes: „Ich wage es zu glauben, dass diese Massregel auch dem Interesse des Staates schädlich und allzu streng ist. Einerseits werden hunderttausende von fleissigen Händen ihrer Thätigkeit entzogen werden, welche für den Kleinhandel und das Kleingewerbe von grossem Nutzen ist und welche zu ersetzen es jetzt keine Möglichkeit gibt, auch lange noch keine geben wird; andererseits werden die Wehklagen einer so ungeheuer grossen Anzahl von Unglücklichen, die von den traurigen Folgen dieser Massregeln betroffen werden, zur Verurtheilung unserer Regierung sowohl bei uns als auch ausserhalb der Grenzen Russlands dienen." „Ich wage es zu glaubenschreibt er an einer anderen Stelle, „dass schon die allgemeine Benennung „Unnützliche" für mehrere hunderttausende Menschen, die nach der Bestimmung des Allerhöchsten von uralten Zeiten her im Reiche leben — an und für sich streng und ungerecht sei/ Graf Woronzow empfahl, überhaupt keine neuen Zwangsmassnahmen in Bezug auf die Juden anzuwenden, da sie schon ohnedies in ihren Rechten beschränkt seien, sondern für die Eröffnung vieler nützlicher Schulen zu sorgen, welche „günstige Folgen nach sich ziehen und das Reich jedenfalls viel welliger kosten werden als die jetzt vorgeschlagenen Massnahmen41. Solche liberale Meinungen wurden auch von anderen aufgekiärten Christen wie auch von den einflussreichen jüdischen Culturträgern jener Zeit ausgesprochen. Die Zeit aber, da diese menschenfreundlichen Absichten den Weg zur ofTiciellen Anerkennung seitens der Regierung finden konnten, war noch nicht gekommen. Es wurde nur das eine erzielt, dass die Benennung „Unnützliche1* durch eine höflichere: „die keine prod.ictive Arbeit leisten", ersetzt und die Repressalien ein wenig gemildeit wurden; die vollständige Abschaffung der Zwangs-Assimilation war jedoch nicht erreicht, daher kcmtite auch das" tii cht erreicht werden, das& die gesammte russische Judenseha'ft den Bestrebungen der Regierung mit vollem Vertrauen entgegensehe. Die Massregeln der Regierung behielten in den Vorstellungen der frommen Juden noch immer den Charakter von "rrnTü"? diese Frommen giengen der „Aufklärung" auch weiterhin sorgfältig aus dem Wege, und die Regierung hörte nicht auf, die Hartnäckigen zu verfolgen, bis die Zeit der Sechzigerjahre anbrach, eine Zeit, deren historische Rolle sowohl im Leben des russischen Stammvolkes als auch in dem der russischen Juden von ungeheuer grosser Tragweite ist. Bevor wir aber zu dieser Zeit übergehen, wollen wir im nächsten Artikel die Frage zu beantworten suchen, warum eigentlich die russischen Regierungen jener Zeiten, die sich zur Frage der culturellen Hebung des russischen Stummvolkes so gleichgiltig verhielten, für die Aufklärung der Juden so lebhaftes Interesse bekundeten. (Fortsetzung folgt.) Pariser Briefe. V o n A. L u d v i p o 1. II.*) Ein Mitarbeiter des „Univers Israelite", der soine Artikel mit der Chiffre R. T. unterzeichnet, hat das Bedürfnis gefühlt, die jüdischen Millionäre den bösen Zionisten gegenüber in Schutz zu nehmen. Er schreibt in einer der jüngsten Nummern des ,,Univers": Diese Zionisten schlagen uns vor, uns freiwillig von unseren andersgläubigen Mitbürgern abzusondern. Sie suchen uns ■weiszumachen, dass die Juden niemals von den Christen als Gleichgestellte würden behandelt werden und dass es für uns besser wäre, dem Lande, das unsere Ahnen seit Jahrhunderten bewohnen, untreu zu werden und das rein jüdische Banner zu entfalten. Als nun die Mehrheit der französischen Juden ihr Abneigung gegenüber diesen Bemühungen kundgab, da wetterten unsere guten Zionisten gegen die jüdische Finanzaristokratie, die an nichts als au ihr Geld denke, sowie gegen die faule und verderbte Bourgeoisie." Sie brandmarkten, nicht ohne den Schein der Berechtigung, gewisse Fehler, die bei den reichen Israeliten zutage treten. Selbstverständlich inusste man, um den Angriffen mehr Wucht zu geben und die flammenden Tiraden zu rechtfertigen, mit Verallgemeinerungen arbeiten. Dies war das sicheiste Mittel, den Protesten, die nicht ausbleiben konnten, von vornherein zu begegnen. Nachdem unsere jüdischen Nationalisten die Masse; der französischen Juden beschimpft hatten, wandten sie sich an die übrige Judenheit, die sie aufforderten, die treulosen französischen Glaubensgenossen sich selbst zu überlassen und sich mit denRussen und Rumänen zu verbünden, um nach Palästina zurückzukehren." Wir unsererseits haben wahrhaftig nichts dagegen, wenn Herr B. T. bei den „Treulosen" zurückbleibt. « Der Präsident des Central-Comites der „Alliance israelitc universelle", Herr Narcisse Leven, hat an die Gründer des „Deutschen Hilfsvereines", von dem ich in meinem letzten Briefe sprach, .nachstehendes Schreiben gerichtet: „Wir sind geneigt, alle neuen Institutionen freundlich aufzunehmen, die dem Wohle unserer Glaubensgenossen gelten, ihre Mitarbeit anzunehmen und ihnen die unsere zu widmen. In der Leidensgeschichte des Judenthums gab es keine Krise, wo die „Alliance" nicht ihren Appell an alle Kräfte, au jegliche Art von Opferwilligkeit hätte ergehen lassen. Arbeitet man nicht eben jetzt im Vereine mit den Comites und Gemeinden aller Länder, um die entsetzliche Noth der rumänischen und russischen Juden zu mindern? Wenn Ihr Werk nicht anderes will, als dieser Hilfe eine grössere Ausdehnung, mehr Zusammenhang und System zu geben, dann hat es unsere Zustimmung ohne Vorbehalt. Doch beim Lesen ihrer Zuschrift mussten wir daran denken, dass Sie auch, ja sogar hauptsächlich, sich mit der moralischen Situation der du den Europas und Asiens zu beschäftigen gedenken. Nun, das ist eine sehr delicate Sache, für die wir Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen .möchten. Das ist eine Aufgabe, der sich, wie Sie wissen, die „Alliance"' seit 42 Jahren widmet. Unterstützt von den Juden aller Länder, besorgt sie diese Arbeit mit einer Ausdauer und einem Erfolge, die auch Sie anerkennen müssen. Sie besorgt sie in Gemeinschaft mit den Israeliten Deutschlands. Diese sind ihre Mitarbeiter seit Gründung der ..Alliance", und sie haben zu ihrer Entwicklung mächtig beigetragen. Ihr Antheil ist ein groser bei all dem, was die „Alliance"' gegen Unduldsamkeit und religiöse Verfolgungen unternommen hat, bei allen *) Vergl. Nr. 26.