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Die Welt · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
27 (5.7.1901)
Article
Die Zukunftsbangen
Date
1901-07-05
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 27 „Die $ Welt" Seite 3 deutscher Staatsbürger jüdischen Glanbens die jüdischen Akademiker Berlins zu sich geladen. Wohl 400 Studenten waren erschienen. Die meisten waren natürlich Zionisten oder uns sehr nahe stehende Freunde. Natürlich: denn zu jüdischer Berathung sammeln sich die Stumpfsinnigen und Indifferenten eben nicht. Und Zionisten sind nun 'mal immer da zu finden, wo jüdische Fragen nicht von den Geschäftssemiten, sondern von anständigen und ehrlichen Männern berathen werden. Insbesondere hat es uns der Verein mit dem goluslangen Namen angethan. Wir kommen ihm immer näher. Nicht dass wir uns mauserten! Der Verein hat sich, nachdem er sich seine deutschnationalchauvinistische Hypertropie abgewöhnt hat, mehr und mehr zu einem jüdischen entwickelt. Seine naiven Versuche, dem Antisemitismus durch Denunciationen und Klagen gegen Strolche, Idioten und Verbrecher zu wehren, hat er glücklich eingestellt. Zu einer tieferen Auffasung von Wesen und Ursache des Zionismus haben sich seine Leute aber noch nicht durchentwickelt. Daher ist ihre Abwehrfähigkeit heute in Wirklichkeit nur eine mitteleuropäische Redensart. Die Bedeutung des Centraivereines liegt vielmehr ausschliesslich nach der organisatorischen Seite hin. Er hat unter seiner Fahne nahezu 100.000 Juden zusammengef asst. Und wrenn diese Zahlen auch mehr. . akademischen Wert haben, so dürfen wir Zionisten doch nicht ferne stehen. Dabei darf es sich für uns nicht um zwecklose Kraftproben handeln. Es muss unsere Aufgabe sein, diese Organisation innerhalb der ihr gesetzten Grenzen mit zionistischem, das heisst mit bedingungslos jüdischem Geiste zu erfüllen. Es darf nicht Ziel bleiben, den Staatsanwalt aufzustacheln gegen schreibendes Gesindel. Vielmehr jene geistige Elite der deutschen Nation, die sich mit Ekel von der Assimilationswuth der Juden abwendet, deren nationale Empfindungen beleidigt werden durch das überpatriotische Gethue unserer Gläubigen, deren stille philantropische Gesinnungen sich abwenden von dem Treiben der jüdischen Feuerwehrausstellungs - Heiligen mit ihren verwaisten und daher so laut schreienden Knopflöchern — die wollen wir: nicht denuncieren, sondern durch Selbstbewusstsein und jüdischen Nationalstolz zu unseren Freunden machen. Das ist eine Arbeit für den Zionismus in seiner weiteren Fassung, das heisst: für den Zionismus der Zionisten, der sich leider von dem „Zionismus" unserer unbelehrbaren Gegnern recht sehr unterscheidet. Denn der Zionismus will nur die Sicherung der Fortexistenz unseres Volkes und seiner nationalen und kulturellen Eigenart. Nun, der Staatsbürgerverein ist für uns reif geworden. Der neue Zionismus und seine Organisation sind fast zu gleicher Zeit in die Oeffentlichkeit getreten. Jetzt dürfen wir es mit der Freude des echten Juden — nicht etwa mit der kleinlichen Befriedigung des Parteimannes — behaupten : Wir haben gesiegt. Der Staatsbürgerverein war mit destructiven Absichten aufgetreten. Er wolte das Judenthum in Deutschland end giltig entnationalisieren. Schon sein Name sollte damals ein Kampfprogramm sein. In seiner Broschüre „Staatsbürger oder Schutzjuden", die den Anstoss zur Begründung des Vereines gegeben hat, schrieb Rafael Loewenfeld als ersten Leitsatz: „Wir sind nicht deutsche Juden, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens". Dabei war das Wort „jüdischen Glaubens" zu einer sinnlosen Phrase geworden. Sie ist es in diesem Zusammenhange auch heute noch geblieben. In der Akademikersitzung interpretierte der Vorsitzende diesen „jüdischen Glauben" dahin, dass dazu auch alle diejenigen gehören, die überhaupt jeden Glauben verwerfen. Freilich erst in der Debatte schien den Herren klar zu werden, dass die Bezeichnung „jüdischen Glaubens" doch wohl nicht die zutreffende ist. Ja, der Vorsitzende dieses Vereines, der die Juden entnationalisieren sollte, gab zu, dass er im Princip nichts dagegen hätte, wenn der Verein hiesse: „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und jüdischer Nationalität". Ihn störe daran nur die abermalige Verlängerung — in „seinem ästhetischen Empfinden". Dem dürfte vielleicht abgeholfen wrerden durch den Namen: „Verein deutscher Juden". Das ist kurz und ästhetisch. Aber was wird Herr Loewenfeld dazu sagen? Nicht genug mit dieser Enthüllung; wir konnten aus dem Staunen nicht herauskommen. Immer wieder und mit allem Nachdruck ward betont, dass auch die Zionisten verpflichtet wären, in den Verein einzutreten und mitzuarbeiten. Die Zionisten, die an der Auferstehung unseres Heimatlandes arbeiten? Ich war sprachlos! Und vor lauter Sprachlosigkeit nahm ich mir wieder die alte Programmschrift des Staatsbürgervereins vor und las auf Seite 10: „Wer noch in seinem Gebete die alte Formel braucht: Im kommenden Jahr in Jerusalem — ist das ein Staatsbürger?" . . Ueberhaupt scheinen sich neue Anschauungen unter den leitenden Staatsbürgern auszubilden, die genau zu dem entgegengestezten Pol hinneigen, als dem, woher sie ausgegangen. Wohl sind sich die Herren immer noch nicht über gewisse Grundbegriffe: Volk und Keligion, Judenthum oder Deutschthum klar. Allein sie sind zetzt auf dem besten Wege. Ihr immanentes jüdisches Gefühl ruft ihnen zu: Betone und stütze dein Judenthum! Das Deutschthum herauszukehren, das ist nicht nöthig, weil es in seinem Einfluss auf uns schon ohnehin übergewaltig ist imd unser Judenthum in uns gefährdet — auch ohne dass wir es eigens wollten. So ergibt sich denn für die Zionisten — soweit sie Gegenwartsarbeit treiben wollen — ein weites Feld für ihre Bethätigung. Man wird sie mit offenen Armen empfangen. Die Zukunftsbangen haben es eingesehen, dass nur noch auf der zionistischen Jugend die Hoffnungen des deutschen Judenthums beruhen. Wenn sie es zuvor nicht gewusst haben, die Akademiker Versammlung hat es sie gelehrt. Da konnten sie jene traurige Sippe wieder sehen, die sich unter der Flagge der „Finkenschaft" und ähnlicher Verbände „ästhetischer Juden" zusammenknäuelt. Sie sprachen in der A7ersammlung, wie Erzantisemiten es nicht schlimmer vermöchten: Von jüdischen Unmanieren und jüdischer Arroganz. Eines Vorzuges aber dürfen sie sich rühmen: sie sind bescheiden. Sie bescheiden sich damit, dass ihnen Vorschläge unterbreitet wrerden, nur in bestimmter Procentzahl Juden zu dulden. Sie bescheiden sich mit den äussersten Winkel, in den sie gequetscht werden. Aber sie sind glücklich darüber, weil sie doch gleichberechtigt sind. In der Versammlung wurden Einzelheiten mitgetheilt, dass man wieder so recht sah: es hat niemals ein schwärzeres Golus gegeben, als in der Zeit der Emancipation. Auch der Staatsbürgerverein war einst so eine Golusblüte. Um so erfreulicher ist es, dass die wirklich guten Juden in ihm ihn zu einer Pflanzstätte jüdischen Lebens von innen heraus ummodeln werden. Sie werden die Zionisten dann allezeit zu Hilfe und Mitarbeit bereit finden. Um die Zukunft aber brauchen sie nicht zu bangen. J. Eauphe. Die vierte Jahresversammlung der amerikanischen Zionisten. (Fourth Annual Convention of the Föderation of American Zionists,) (Originalbericht der „Welt".) Erster Tag. (Vormittagssitzung») Philadelphia, Pa., 16. Juni 190h In der mit zionistischen Emblemen und Flaggen prächtig decorierten Tagg 'sehen Halle traten die amerikanischen Zioni*

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