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Die Welt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Article
Die Zudringlichkeit
Date
1901-06-28
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die "'$£'Welt" Nr. 26 abgelehnt, aber die Bekanntschaft war .gemacht. Der bald darauf zur Festigung derselben in der Villa Zborewitz unternommene Besuch entsprach allerdings diesem Zwecke nicht vollständig, da die Herrschaft sagen Hess, sie sei momentan nicht daheim; Frau Veilchenfeld hatte jedoch die Obersts so lieb gewonnen,, dass sie fest entschlossen war, den Besuch zu wiederholen. ..Ach, wie bedauerte ich, lieber Herr von Zborewitz, bei Ihnen damals niemand angetroffen zu haben," richtete sie nun an den Cadetten das Wort. „Meinen Mädchen hat es ebenfalls sehr leid gethan." „Gewiss, sehr leid,4' bestätigten diese, schienen jedoch über die Freude des Wiedersehens alles frühere Ungemach vergessen zu haben. Doch das Unglück schreitet schnell. Den armen Mädchen sollte es nicht gegönnt sein, sich lange des Alleinbesitzes ihres Gefangenen zu erfreuen. Mit den Worten: „Ah, da ist ja der Herr von Zborewitz,'* hatte sich Frau Zweigenthal genähert und, dem Cadetten herzlieh die Hand schüttelnd, den Weg gesperrt. Frau Zweigenthai war eine mächtige Dame, über sie hinwegzukommen nicht so einfach. So entsehloss man sieh denn, die „jungen Leute" vorausgehen zu lassen. Frau Veilchenfeld konnte ihrer Genossin nicht genug erzählen, was für entzückende Leute die Obersts wären, bis Frau Zweigenthal, schier gelb vor Neid, sich empfahl, jedoch nicht, ohne vorher den Cadetten zu beauftragen, zuhause recht herzlich von ihr zu grüssen. „Gott, wie zudringlich," bemerkte Hilda. „Echt jüdisch," fügte Martha mit verächtlichem Zucken der Nasenflügel hinzu. Der Tag beginnt zu sinken. Auf der Esplanade ist die Gesellschaft zum Abendconcert versammelt. Niemand fehlt. Auch Veilchenfelds nicht. Wie hatten die Damen die Zeit zwischen der officiellen Mittags- und Abendpromenade verbracht? Die Natur bietet hier dem empfänglichen Gemüthe eine Hille von Freuden. Von hohen Bergen umrahmt, still und friedlich träumt der See. Wie herrlich* auf seinen tiefblauen Wellen schaukelnd, mitzuträumen den schönen Traum! Und die Spaziergänge! Auf schattigen Wegen gelangt man mühelos zu den mannigfachen Aussichtspunkten. Da liegt die Gebirgswelt in ihrer edlen Grossartigkeit. Und doch., all die Schönheit der Natur vergebens verschwendet! Du mögest noch so viel Liebreiz entfalten, zu Marthas Anerkennung kannst du es nicht bringen. Imponieren kannst du ihr nicht, und zur Schwärmerei sind die Veilchenfeld'schen Mädchen zu gescheit. Wenn du hier Besonderes leistest, erfüllst du schliesslich nur deine Pflicht. Man zahlt ja den Aufenthalt theuer genug. Was uns in unserer Einfalt geniessenswerth erscheint, damit hatten also die Damen heute ihre Zeit nicht vertrödelt. Sie wuss ten sie vernünftiger anzuwenden und hatten sich für den Abendcorso entsprechend vorbereitet. Dank dieser Vorbereitungen erschienen die beiden Mädchen nun in völlig verändertem Aufzuge. Nichts, auch gar nichts in ihremAeussern war sich gleich geblieben; weder Hut, noch Sonnenschirm, noch Schuhe, noch Handschuhe. Auch Mama hatte eine vollständige Metamorphose durchgemacht. Sogar die güldene Kette, die sie vorher geschmückt hatte, war durch eine andere — wenn auch ebenso kostbare — ersetzt worden. Diesmal schien ihnen jedoch das Glück nicht hold. Vom Geschlechte Zborewitz hatte sich niemand hergewagt, und ein Ersatz war in dieser Gesellschaft nicht zu finden. Auch Frau Zweigenthal schien verstimmt. Sie grüsste kühl und fremd. Das war eben das Merkwürdige an dieser Gesellschaft. Einer glich dem anderen aufs Haar und einer verachtete den anderen; folgt mathematisch: ein jeder musste Grund dazu haben. Am nächsten Tage, beim Mittagsconcerte war eine gewisse Unruhe in der Gesellschaft bemerkbar. Es musste etwas vorgefallen sein. Veilchenfelds fehlten. Bald jedoch sollte sich das Iläthsel lösen. Auf der staubigen, längs der Esplanade führenden Strasse rollte das Veilchenfeld'sche Familiengespann daher. Tief im Wagen lehnt Mama. Die Edelsteine erstrahlen im magischen Glänze. Neben ihr thront Martha. Sie würdigt die Gesellschaft nicht eines Blickest •/.?Gegenüber ait^t IJilda. Alle drei sind in grosser Besmchstoilette. ' Niemand' zweifelt an dem Ziel der Reise. Es ist die Villa Zborewitz. „Die Herrschaft könne heute niemand empfangen," meldet der Diener, „sie rüstet zur A b r e i s e." „Zur Abreise!?" Mit Staunen und Schrecken wird die Kunde vernommen. „Jawohl, zur Abreise," fährt der Diener fort. „Der Herr Oberst meint, man könne hier nicht ruhig leben, man werde fortwährend belästigt." Mama hatte noch die Geistesgegenwart, zu fragen, wohin denn die Reise gehe. „Nach Norderney," lautete die nicht sonderlich höflich gegebene AntAvort. Im Triumph waren sie gekommen, enttäuscht fuhren sie von dannen, die Damen Veilchenfeld. „O diese Zweigenthal!" knirschte Martha, denn sie zweifelte keinen Moment daran, dass einzig und allein Frau Zweigenthals Zudringlichkeit es war, die die Obersten-Familie von hier vertrieb. Des Abends, beim Mahle, erklärte Frau Veilchenfeld, sie könne Iure nicht länger bleiben; ihre angegriffenen Nerven benöthigten vor allem der Ruhe und diese sei hier nun einmal nicht zu linden. „Ja, fahren wir weg," bat Hilda. „Und wohin denn!" forschte Papa. „Nach Norderney," schlug Martha vor. Hilda und Mama stimmten freudig zu. Die Vorbereitungen zur Abreise waren bald getroffen, und drei Tage darauf befand sich die Familie Veilehenfeld auf dem Wege nach Norderney. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Im Gegensatz zur österreichischen Presse haben sich die angesehensten auswärtigen Blätter mit der Audienz Dr. Herzls beschäftigt. Insbesondere finden wir, dass die französische, englische und amerikanische Presse dem Ereignis besondere Beachtung geschenkt hat. Londoner Blätter sendeten Specialberichterstatter zu Dr. H e r z 1, die ihn über die Audienz interviewen sollten. Viele Blätter benützten den Anlass, um ihren Lesern ausführliche Mittheilungen über den Stand der zionistischen Bewegung zu bieten. Fast sämmtliche Blätter sehen in dem Empfang Dr. Herzls ein bedeutungsvolles Ereignis und nennen sie einen grossen Erfolg der Zionisten. Ausführliche Mittheilungen brachten u. a.: „Morning Leader", „Daily Mail", „Westminster Gazette", „Daily Chronicle", „Soir" (Brüssel), „Est Republieaine", „Times", „Western Mercury" (Plymouth), „Courrier duMexique" (Mexico), „The Daily News", „Gazette de FOoise", „New-York tribune", „Patrie", (Montreal), „Review New-York", „Morning Post", „Telegraaf" (Amsterdam) u. v. m. Der Berichterstatter des „C o m p t a n t" veröffentlicht in einjßm langen Artikel ein Interview, zu dem ihm Dr. Herzl in London Gelegenheit bot. Dr. Herzl erklärte u. a.: „Palästina ist ein Land, das mit modernen Methoden leicht cultiviert werden kann. Wir werden nicht alte, ausgetretene Wege gehen. Wir sind entschlossen, uns alle Erfahrungen der neuen Wissenschaft zunutze zu machen." „Und sind alle Grossmächte Ihrem Plane wohlwollend gesinnt?" „Sie haben sich ihm nicht entgegengesetzt, nicht eine einzige von ihnen." „Können sie mir erklären, was den deutschen Kaiser bewegt, ein Interesse an der Bewegung zu nehmen?" Dr. Herzl sagte lächelnd: „Weil er ein bedeutender Mann ist." „Und warum unterstützt der Sultan die Bewegung?" Herr Z a n g w i 11, der daneben stand, warf dazwischen: „Weil er erwarten kann, einen Zuwachs an Einkünften aus einer der ärmsten Gegenden seines Landes zu erhalten." „Und was ist mit Russland?" „Ich habe," sagte Dr. Herz 1, „ein Memorandum zum persönlichen Gebrauch des Czars geschrieben, der es gelesen hat. Ich kann sagen, dass er kein Gegner der Bewegung ist." Kennen Sie die Anschauungen der britischen Regierung?" „Nun, ich kann darüber nichts sagen, aber es ist sieher nicht in ihrem Interesse, unserer Bewegung sich entgegenzusetzen, die ja auch das Problem von East-End zu lösen berufen ist." Aehnlieh äusserte sich Dr. Herzl einem Interviewer des „Jewish Chronicle" gegenüber. Der Interviewer sprach von Gerüchten, die über den Empfang umgiengen, als wäre Dr. H e r z 1 nicht als Leiter der zionistischen Bewegung empfangen worden. „Ich kenne diese Geschichten und* Gerüchte," sagte Dr. Herzl lächelnd, j*,ieh bin dieser. Art von «Angrifft n immer' unterworfen; ich setze dem nicht einmal Dementis entgegen. Sifc kefmem

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