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Die Welt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Article
Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
Date
1901-06-28
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „®le Welt«* Nr. 26 so z. B. führten .sie die wachsame Polizei dadurch hinters Licht, dass sie Kopftücher nach der Farbe ihres Haares anhatten, das sie nach dem Verbote der Regierung nicht mehr hätten abschneiden dürfen, u. dgh m. Die damaligen Behörden schienen sich aber auch keinen Spass daraus zu machen. Angefangen vom Bezirksl'onimissür und bis zum Minister des Innern hinauf pflegten Cirouläre auf Circuläre zu folgen, worin zu wieder hol tenmalen die Wichtigkeit der Durchführung dieser Zwangsmassregeln erörtert wurde. Die höheren Behörden pflegten den untergeordneten Commissären Vorwürfe zu machen, wenn sie auf der Strasse vielen Juden mit „Peies" begegneten, während die „Peies"-Steuer einen ziemlich geringen Ertrag hätte; es wurde den Schneidern bei strengster Strafe verboten, lange Kleider nach der jüdischen Mode zu nähen, den Rasierern und Rasiererinnen das Scheren der jüdischen Frauen untersagt : sogar die Länge der besteuerten „Peies" v;urde gesetzlich festgesetzt (nicht länger als 21/« Zoll). Besonders schwer aber war die Lage der jungen Recruten. Monatelang mussten sie sich in den Kellern und auf den Dachböden verstecken, bis die „Fänger" fort waren; einige Juden sind auf ein sicheres Mittel gekommen: da nämlich untersagt war, verheiratete .Männer zur Militärpflicht heranzuziehen, so pflegten sie ihre Kinder schon mit .10—12 Jahren zur Trauung zu führen. Ks war mm dann keine besondere Rarität, ein junges jüdisches Ehepaar mit vollem Ernst „Steinehen spielen" zu sehen. Mit Recht bemerkt Dubnow von dieser Zwangs-Assimilation: „Lex facit crimen" — in diesem Falle aber sind sowohl die Lex als auch das Crimen der Feder eines grossen Satirikers wert"*). Und auf diese Weise wollte die Regierung jener Zeit mit Feuer und Schwert c'ie Aufklärung in die Reihen der Kehila-Judenschaft einführen. . Diese Zeit weckt in uns die Erinnerung an eine andere, ähnliche Periode, wo der .»aufgeklärte Absolutismus" mit eben denselben Mitteln die europäische Aufklärung ins Christenvolk hineinzubringen bestrebt war. Nur hat sich die Geschichte in Bezug auf die Juden erst ein Jahrhundert später copiert. „Aber all diese Massregeln — bemerkt Dubnow an einer anderen Stelle — welche eher den Charakter einer StrafexecutioK als den bürgerlicher Reformen tragen, konnten zu den Resultaten nicht führen, welche man von ihnen erwartete. Sie verschüchterten nur die Juden und flössten Üinen einen Schrecken vor den Absichten der Regierung ein." Selbst das oben erwähnte Comite" des Jahres 1840 ist zu demselben Schluss gesangt: es blieb zwar uherschüttert bei der damals herrschenden Meinung über die jüdische Religion und de» Talmud, es hat aber zugleich die vollständige Erfolglosigkeit des Straf Systems im Bekämpfen des Fanatismus anerkannt, indem es in seinem Memorandum u. a. sagt: „Unsere Gesetzgebung erreicht ihr Ziel nicht, da sie mittelst polizeilicher Beschränkungen bezw. Aufmunterungen wirkt . . . Wenn dieses Volk (sc. das jüdische) alle Arten der härtesten Verfolgungen überstanden hat, ohne seine fanatischen Grundsätze zu ändern, so kann man allerdings nicht hoffen, dass polizeiliche Beschränkungen es zwinken könnten, sich von seinen religiösen Ueberzeugungen loszusagen. Die Juden ertrugen mit Märtyrergeduld die strengsten Verfolgungen in West- Europa und haben doch den Typus ihrer Nationalität unverändert erhalten, bis die regierungen sich die Mühe gaben, die Ursachen, welche die Juden von der allgemeinen Gesellschaft trennen, gründlicher kennen zu lernen, um auf diese Ursachen schon in ihren Anfängen einwirken zu können." Diese neue Auffassung der jüdischen Frage" zog aber doch nicht die Abschaffung des früheren Systems nach sich, wie es zu erwarten gewesen wäre, sondern führte nur die Uniänderung der Zwangs-Assimilation" in eine neue Forin herbei, die Form des Zwangs- und zugleich Prämierungs-Systems. Es wurde nämlich einerseits der Fanatismus verfolgt, andererseits die Aufklärung i.iit verchiedenen Privilegien prämiiert. Diese Periode, welche bis zu den achtziger Jahren dauerte, wollen wir eingehend im nächsten Artikel besprechen. (Fortsetzung folgt.) *f^Bo^stscnho^ 190Ü. H. Stewart Chamberlain und seifte Beurtheilting des Judenthums.*) Von Bernard Tag. III. Wir kennen jetzt, mein Freund, e i n Motiv, von dem aus Chamberlains Anschauung über die Religion des Judenthums einigermassen begreiflich erscheint: es ist dies die hohe Bedeutung, die er dem Mythologischen beimisst. Nur bin ich vielleicht zu rasch darüber hinausgegangen, und so will ich einiges nachholen, um den Standpunkt Chamberlains zu beleuchten. Die Mythologie, diese Halbschwester der Religion und Philosophie, hat es ihm nun einmal angethan; aber beim Himmel, nicht ihm allein. 'Als der älteste undneueste Ausdruck menschlicher Empfindung und Vorstellung wird ihre Anziehungskraft auf den Geist des Denkers ebenso sehr wie auf das Gemüth des Dichters von ungeschwächter Wirkung sich erweisen: es liegt über der Urzeit des menschlichen Geschlechts ein geheimnisvoller Schimmer, in dem unsere geistige Kindheit in bald helleren, bald dunkleren Nebelbiidern gar wunderbar leuchtet. Hier kann der Dichter unbeschränkt walten; der Zauber seiner einbildenden Kraft erschliesst ihm und uns diese Welt der ersten Ahnungen und vermag sie als eine Welt für sich gegen das ganze All souverän abzuschliessen. In den Denkmälern ältester Zeit, in ihren Ueb er Lieferungen, so weit sie auf uns gekommen, in ihrer Poesie und Kunst, die wir in Torsos und Fragmenten, aber auch in vollendeten Werken besitzen, können wir jene Welt unmittelbar anschauen, aus erster Quelle schöpfen. Und in den Nachbildungen und Nachempfindungen späterer Künstler und Dichter sprudelt uns eine zweite, nicht minder reine Quelle entgegen. Ja, diese letztere wirkt mitunter viel stärker auf uns ein, weil sich uns die tiefe Sehnsucht des Dichters nach jener goldenen Zeit gar leicht mittheilt. Das subjective Verhältnis Chamberlains zum Mythologischen kanu uns darum nicht anders als sympathisch berühren; aber ohne Zweifel wäre seine Wirkung eine grössere, jedenfalls ungeteiltere gewesen wenn er, was er zu sagen hatte, namentlich über die Welt der Juden, es uns als Dichter, als Künstler ge sagt hätte. WeisstDu, an wen mich Chamberlein hier erinnert? An Friedrich Nietzsche. Unter den Künstlern unserer Zeit hat die Sehnsucht nach einer untergegangenen Welt in keinem mächtigere Accorde angeschlagen, als in Nietzsche. Sein Erstlingswerk, „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", wirkt ja geradezu wie ein schwungvoll erhabener Dithyrambus auf die Menschen und Götter Griechenlands. Aber er wirkt nicht durchgängig also; denn Nietzsche ist wohl ein Enthusiast des Hellenenthums, aber doch kein Hellene. Halb ist er Jünger des Diogenes, halb Jünger — Schopenhauers. Diese Vereinigung griechischer Begeisterung und Kunst undSchöpenhaue r'seher Metaphysik hat,- was die Form jenes Werkes betrifft, einen der denkbar seltensten Contraste hervorgebracht Der spätere Nietzsche empfand denn auch diesen Contrast nur zu gut; und in einer Selbstkritik seines Jugendwerkes macht er sich mit beissendem Spotte über jene gewaltsame Vereinigung lustig, bemerkt aber ganz ernst, seine junge Seele hätte nicht reflectieren, nicht philosophieren, „sie hätte singen sollen, diese Seele". Und einen ähnlichen Eindruck empfangt man bei Chamberlain. Der Glanz seiner Sprache, die grosse Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit seiner Gedanken vermögen uns über vieles hin wegzuheben, hinwegzutäuschen; aber je mehr man sich in sein Werk vertieft;, desto häufiger wird die Wirkung desselben getrübt, desto stärker treten die Widersprüche hervor zwischen der Form, die er seinen &Usführirngen gegeben hat^und dem Inhalte derselbenv? ^Da^anj^glau^ei icli, krankt *) Siehe „Die Welt" Nr. 22 und 24.

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