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Die Welt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Article
Zur Lage der russischen Abgebrannten
Date
1901-06-28
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26;,Die #c Welt44 Seite 9 ter" wird aber nur derjenige betrachtet, dem wenigstens etwas abgebrannt ist, uns aber schenkt niemand seine Aufmcrksamkeit, niemand interessiert sich für unser Schicksal. Wir sind sozusagen nackt geblieben, ohne alle Mittel, da die hiesigen Privatlehrer für den Ferialmonat nicht gezählt werden. Für den nächsten Monat aber haben wir noch nichts bekommen. Einigen von uns ist es nicht einmal mög- * lieh, eine Portion Brot zu bekommen, da bei der Vetheilung der Lebensmittel jämmerliche Raufereien vorkommen, an denen theilzunehmen wir nicht geeignet sind. In Anbetracht dessen ersuchen wir ergebenst die Redaction der „Budustschnostj", unsere kummervolle Mittheilung abdrucken lassen zu wollen. Mögen gute Leute widmen, so viel als ihnen möglich ist mit der Bestimmung für uns. Die Redaetion ersuchen wir, die eingelaufenen Summen hieher per Adresse des Dr. Wolfsolm und zu seiner Verfügung zu übersenden. "Uns und unseren Familien steht ein unvermeidlicher Untergang bevor, wenn uns gute Leute nicht auf obenerwähnte Weise heraushelfen werden. Haben Sie Mitleid mit uns 1 (Gez.) M. Gurfmkel. Darauf folgt eine Nachschrift, in welcher es heisst: Ich bestätige, dass das Obenerwähnte der Wirklichkeit entspricht. Brest, am 15. Maj. Folgt die Unterschrift und das Siegel des Gemeinde-Rabbiners ^u Brest. Wir brauchen diesen kummervollen Worten nichts hinzuzufügen. M öge nicht nur die russische, sondern die gesammte jüdische Welt diesen Nothschrei vernehmen und mit einer schleunigen Hilfe den vielen Hungernden beistehen! J. Wolowsky. Skizzen aus dem Leben der russischen Juden *) Von Jaeob Schon*. II. In der jüdischen Geschichte der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts sind zwei ihrer Gegensätzlichkeit wegen auffallende That- , Sachen in Bezug auf das Verhalten der russischen Regierung den . russischen Juden gegenüber zu constatieren. Ein ernstes Wollen , und Streben der Regierung, die chinesische Mauer, die das Juden- , Ghetto von der gesammten Menscheit trennte, zu stürzen einerseits ■—, andererseits wiederum eine staunenerregende, vollkommen falsche Auffassung, der historischen Momente,, welche zur Entstehung und zur Fortdauer des Ghettos beitrugen,, trotzdem diese' Momente sozusagen zum Greifen deutlich vor Augen standen. Nicht im ewigen Golus, nicht im elenden Schicksal der Juden, nicht darin, dass sie in allen Ländern Sclavenrechte hatten, nicht in der Abgeschlossenheit der Juden vom allgemeinen Staats- und Gesellschaftsleben, mit einem Worte nicht in den tristen Ghetto- Bedingungen, welche ursprünglich jedenfalls nicht von den Juden herrührten, sondern den Juden auf den Hals geladen worden waren, — wollte man die Ursachen des Ghettos* d. h. ihres abgesonderten Kehila-Lebens erblicken, sondern gerade im Gegentheil sämmtliche Ursachen dieses, ganzen historischen Uebels, das unter dem Namen Golus bei den Juden bekannt ist, wollte man ausschliesslich der jüdischen Religionslehre, hauptsächlich aber der des Talmuds zuschreiben. Es ist geradezu unglaublich, was für mystische Vorstellung der russischen- Staatsmänner vom Talmud hatten, als wä«re er ein geheimnisvolles, von Schreckensbildern erfülltes Buch — gerade so, wie einst zur Zeit der Christen-Verfolgungen das Evangelium bei den Heiden Schrecken und Angst hervorzurufen pflegte. Selbst dann, als die Zwangsmassnahmen zur Aufklärung der Juden, welche entsprechend dieser Auffassung der jüdischen Re£ ligion von der Regierung unternommen wurden, als unzweckmässig anerkannt werden mussten — wie wir im Folgenden sehen werden —• und man die Npthwendigkeit einsah, neue mehr, rationelle Mittel auszuarbeiten—;..isejlbst dann hat sich die Meinung der russischen. ^taai^WL.ain^r: über die^ jüdische Religion*uind den Talmu^ *) Vergl. Nummer 2,6, nicht geändert. So lesen wir z. ß. in einem officiellen Memorandum, welches von dem im Jahre 1840 auf Befehl des Kaisers Nikolaus I. in Petersburg gegründeten „Comite für die Ausarbeitung von Massnahmen zur radiealen 'Reformation der Juden in Russland" ausgegeben wurden, folgende Erklärungen: „Die Talmud- Lehre, die bei den Juden die tiefste Verachtung zu den Völkern anderer Religionen nährt und ihnen jeden Verkehr mit fremden Völkern untersagt, bietet den Juden folgende Vorschriften . . Darauf folgt eine ganze Reihe von Grundsätzen, die angeblich im Talmud enthalten sind: die Juden haben den Aufenthalt in jedem anderen Lande ausser Palästina als Golus zu betrachten; sie dürfen deshalb auf die Interessen dieses Landes keinen grossen Wert legen;, sie sollen keiner anderen Macht gehorsam sein, ausser der der Rabbiner; es wird ihnen erlaubt, falstzw schwören. Entführungen und verschiedene andere Missbräuche, die zum Schaden der Christen führen können, sind den Juden nicht verboten; Juden müssen schwerer Arbeit ausweichen und nur leichte Verdienste' mittelst Hinterlist und Schwindel suchen; sie dürfen ihr Gut keinem Christen verkaufen, sie dürfen sich nicht an christliche Gerichte wenden, sondern nur an die Rabbiner; wer diese letzte Vorschrift übertritt, ist ein Uebelthäter, den die Rabbiner durch Bannfluch zwingen können, seinen Gegner aus den Händen der Andersgläubigen zu befreien .... „Auf diese Weise — heisst es ferner in diesem Memorandum — sind im Glauben der Juden sämmtliche Grundlagen des aussergewölinliche'i Charakters enthalten, welcher die Juden von den Bekennern anderer Religionen in denGrundsätzen und Formen ihrer Handels-Unternehmungen, in ihrem gesellschaftlichen und privaten Leben trennt und der die Hauptquelle der Unordnungen ist, welche sowohl den Juden selbst, als auch den übrigen Unterthanen des Reiches Schaden verursachen. Nach dem eigenen Geständnis einiger Juden rührt sämmtliches Unglück ihres von den bürgerlichen Gesellschaften verstossenen Volkes vom Aberglauben und Fanatismus her, der durch den Talmud herbeigeführt wird." (S. Monatshefte des .,Woskhod'V April 1001. „Historische Mittheilungen" von Dubnow.) Wir sehen aus dieser Erklärung, welche falsche Vorstellung die damaligen russischen Staatsmänner von der jüdischen Religion, bezw. vom Talmud hatten, und wir werden uns wohl jetzt nicht wundern, wenn entsprechend dieser falschen Auffassung auch Massregeln zur Beseitigimg des Uebelstandes getroffen wurden, welche eher das Uebel zu vervielfältigen, als es zu lindern geeignet waren. Diese Massregeln, welche Dubnow mit dem Namen .•.Zwangs-Assimilation" bezeichnet, äusserten sich darin, dass die Regierung bestrebt war, durch eine ganze Reihe von militärpolizeiliehen Verordnungen die Juden dazu zu zwingen, sich von ihrem religiösen Fanatismus loszusagen und sich Formen einer civilisierten Gesellschaft anzueignen. Zu diesen Massnahmen gehörten unter anderen: die plötzliche Einführung der directen •Militärpflicht unter den Juden, die Institution der minderjährigen ( antonisten, bei welcher jüdische Knaben im Alter von 10—-12. ja sogar von 6—8 Jahren von speciellen „Fängern" von ihren Altern entführt und in besondere Bezirke (Cantone) gebracht zu -werden pflegten, um dort zu Soldaten erzogen zu werden —, die Ausweisung der Juden aus den Dörfern, aus den nahe an der Grenze liegenden Orten und aus einigen sonstigen Städten — die Verfügung, viele jüdische Schriften zu verbrennen, welche für schädliche anerkannt worden waren, ferner das Verbot, jüdische Kleidung, die sogenannten „Peies" (Schläfenlocken) und Scheitelkappen ((Motten) zu tragen etc. etc. Es ist selbstverständlich, dass diese Zwangs-Assimilation keine wirkliche Aufklärung bedeuten konnte, sondern-.nur die Fähigkeiten der Juden im Erfinden von Mitteln schärften, mittelst welcher diese Zwangsgesetze umgangen wurden. Wo es nur .gieng, wurde das Geld in den Kampf gezogen, so entrichteten z. B. die frommen Juden mit Bereitwilligkeit der Steuern, um deren Preis das Tragen der jüdischen Kleidung, ' Peies und, Galotten, erlaubt war. Trotzdem diese Steuer keine gelinge war: sie schwankte nämlich zwischen .5 Ruh., bei Handwera kernend; |50 Ruh. bei. Kau^leu^e^a ,deiN^93iere^^ategpr>en. Ganz besonders energisch vertheidigten die jüdischen Frauen ihre Traditionen und erfanden zu diesem Zweck viele geistreiche Mittel,

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