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Die Welt · 1901-06-28 · 26 (28.6.1901) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
26 (28.6.1901)
Article
Pariser Briefe
Date
1901-06-28
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die Welt" Nr. 26 Und so endet denn ein Werk, das in der Absicht begründet wurde, die Solidarität der Judenschaft zu stärken, ein Werk, dem dessen Gründer als Devise das schöne Wort vorigesetzt haben: Qi^Qn ^fcHttP UTld dem sie das Symbol gegeben haben :. Zwei Hände, die sich umschlingen. Das ist die Strafe für die Sünden, die man selbst begangen hat. Die „Alliance Israelite" stirbt an ihren eigenen Fehlern, sie stirbt, weil sie zu einer blossen Filiale der „Alliance Francaise" herabgesunken ist, sie stirbt, weil sie. anstatt nach ihrer eigenen Devise sich zu formen, den Schlangenweg der Assimilation ohne Grenzen gegangen ist. Sie ist unrettbar verurtheilt, weil ein böser Geist seit etwa dreissig Jahren sich ihrer bemächtigt und sie ihrem Untergange zugeführt hat. Sie ist heute nichts mehr als ein einfacher Hilfsverein in Paris, der nicht mehr das Recht hat, 'den ruhmvollen Titel einer „Alliance Israelite Universelle" zu führen. Sie hat die jüdische Fahne im Stiche gelassen, nun überlässt das jüdische Volk sie selbst ihrem traurigen Schicksal. O, ich verstehe gar wohl den unendlichen Jammer, den ein höflicher und correcter Brief verhüllt, wie er vom Präsidenten der „Alliance Israelite Universelle", Herrn Narciss Leven an, jene Herren vom ».Deutschen Hilfsverein" gerichtet wurde. Wahrlich, wir empfinden durchaus keine Freude, wenn wir die Auflösung eines Werkes constatieren, das, wenn seine wahre Bestimmung erkannt worden wäre, die schönste und bedeutungsvollste Rolle in der unaufhaltsamen Bewegung hätte spielen können, die jetzt das jüdische Volk drängt, sich zu organisieren, sich neu zu gestalten und wachzurütteln aus der Starrheit eines langen Exils. Die Ohnmacht dieser vier israelitischen Allianzen zeigt sich gerade in dieser Woche mit einer nicht zu überbietenden Klarheit. Der „Univers israelite" schreibt über die Conferenz der israelitischen Gesellschaften: „Wie wir angezeigt haben, fand am 17. Juni eine Conferenz der Delegierten der bedeutendsten europäischen israelitischen Gesellschaften statt, zu dem Zwecke, Massnahmen zu treffen, um die verzweifelte Situation der rumänischen Juden zu bessern. Die Conferenz wählte zu ihrem Vorsitzenden Herrn Narciss Leven, den Präsidenten der „Alliance Israelite Universelle", zu Stellvertretern im Vorsitze Sir Montefiore aus London, Deutsch de Hatvan aus Budapest und P1 o t k e aus Frankfurt. Das Endergebnis der Berathung dieses Tages hat die Conferenz in Resolutionen zusammengefasst, die wortwörtlich im Nachfolgenden wiedergegeben werden: „Die zu Paris am 17. Juni 1901 tagende Conferenz hat von mehreren Berichten Kenntnis genommen, welche alle das tiefe Elend der rumänischen Juden bezeugen, jenes Elend, welches sich unter dem doppelten Einflüsse beschränkender Gesetze und der ökonomischen Krise, die das Land getroffen, entwickelt hat. Verschiedene Vorschläge, die dahin gehen, diesen entsetzlichen Notstand zu verringern wurden studiert und discutiert, insbesondere in Hinsicht auf jene Hilfsinstitutionen, die derzeit bereits bestehen, wie z. B. Volksküchen, Einrichtung von Werkstätton, Darlehenscassen u. s. w. Es wurde beschlossen, auch weiteihin diese Institutionen zu unterhalten, die grosse Dienste während einer Krise geleistet haben, deren Ende noch nicht abzusehen ist, und einen neuen Appell an die jüdische Hochherzigkeit zu richten, diese Institutionen zu stützen." „Man wird bemerken," fügt „rUnivers" hinzu, „dass die; oben im Wortlaute gebrachte Resolution nichts von Massnahmen spricht, die ergriffen werden müssen, um die Noth der rumänischen Juden zu heilen. Sie schweigt sich vollständig aus über die politische Seite der Frage und erzählt nichts davon, welche Mittel man in Anwendung zu bringen gedenkt, um die Bukarester Regierung dazu zu veranlassen, die Bedingungen des Berliner Vertrages zu respectieren und unseren bedauernswerten rumänischen Brüdern den Vollgenuss ihrer bürgerlichen und politischen Rechte zu sichern. Der Grund für dieses Stillschweigen ist ganz einfach der: Man erzählt uns von Entscheidungen über diesen Punkt nichts, weil man keine Entscheidung gefällt hat. Die Conferenz ist auseinandergegangen, ohne dass sie sich an den Gegenstand, dessentwegen sie einberufen worden war, herangemacht, geschweige denn ihn behandelt hätte. Nicht als ob die politische^Lage der rumänischen Juden nicht erörtert worden wäre. Im Gegentheile, sie gab Gelegenheit zu einer .Discusslon und sehr interessanten Reden« Man sprach lang und nicht schlecht, goldene Worte, aber es sah nichts heraüs. Döcbr-rieft*,' "wir 'täu^ch^n'' uns. Es gab doch einen'1 Abschluss.-Nach längen Debatten kam man überein — eine Commission zu wählen. Die Mitglieder dieser Commission, die über ganz Europa zerstreut sind, werden sich darüber zu einigen haben, was geschehen soll, wenn sie überhaupt je der Meinung sind, dass irgend etwas geschehen müsse. Arme lumänische Juden!" * Vergessen wir nicht, dass diese Worte in einem Blatte zu lesen sind, welches dos officielle Organ des issaelitischen Consistoriums ist. Sollte das „officielle" Gewissen derer, die man „das französische Judenthum" nennt, schon aufgerüttelt sein? Wir könnton uns darüber freuen. Doch es wäre eine vorschnelle Freude, wie man aus meinem nächsten Briefe erkennen wird. Zur Lage der russischen Abgebrannten. Das durch die Hungersnoth und ihre natürlichen Folgen, wie Handelskrisen, Krankheiten etc., hervorgerufene Elend der Juden Süd-Kusslands hat in der letzten Zeit noch eine erschreckende Steigerung erfahren durch die Feuersbriinste, welche sich im Rayone des Niederlassungsgebietes so oft wiederholen. Wie den Lesern der „Welt" schon bekannt ist, sind von diesem Unglück Brest-Litewsk, Pinsk und andere Städte und Städtchen Busslands betrof fen worden. Nun bringt die letzte Nummer der „Buduslschnostj" eine telegraphische Meldung von einem: neuen derartigen Unglück. Dr. med. Halpern telegraphiert dieser Zeitung aus Golowanowsk vom 4. (17.) Juni: „Heute ist das Städtchen Pokotilowo (Bezirk Umanj) abgebrannt. Tausende von Leuten befinden sich unter freiem Himmel, obdach- und brotlos. Das Unglück lässt sich nicht beschreiben. Um Gotteswillen fordern Sie gute Leute um. Hilfe auf." Ausser diesen directen Abgebrannten — ich finde keinen richtigeren Ausdruck — die unmittelbar vom Feuer betroffen worden sind, indem ihr Vermögen, beziehungsweise ihr Hausbesitz zugrunde gerichtet und sie selbst an den Bettelstab gebracht wurden, gibt es noch eine Menge von in directen Abgebrannten. Denen ist ihr Vermögen zwar nicht verloren gegangen — aus dem einfachen Grunde, weil sie keines besassen, sie sind aber nichtsdestoweniger von den Feuersbrünsten schwer betroffen, weil ihnen jede Arbeitsmöglichkeit, bezw. jeder Verdienst bei den ehemaligen reichen und wohlhabenden Eigenthümern, jetzt aber bettelarmen Abbrändlern entzogen wurde. Zu diesen unglückliehen Arbeitlosen sind an der ersten Stelle die armen Lehrer und Melamdim zu zählen, auf deren Dienstleistung man gewöhnlich zu allererst und am leichtesten verzichtet. In welcher Lage sich diese Unglücklichen befinden, das kann man dem Nothruf entnehmen, den die Lehrer und Melamdim der Stadt Brest-Litewsk an die' „Budustschnostj" (s. Nr. 23) richten: „Wir, die hiesigen unglücklichen jüdischen Repetitoren und Melämdim haben niemand, an den wir uns in unserer jetzigen schrecklichen Lage um Hilfe wenden könnten. Das Feuer, von dem unsere Stadt am- 28. Arpil heimgesucht wurde, übertraf den Brand des Jahres 1895 sowohl seiner ungeheuren Grösse als auch seinen zerstörenden Wirkungen nach. Jenes zerstörte grösstenteils die Armen- Viertel. Dagegen richtete der Brand diemal im Verlaufe von 5 Stunden die Reichen-Viertel mit sämmtlichen Handelshäusern, mit dem Kauf hof zugrunde, nnd nur weniges wurde gerettet. Unbeschreiblich ist die Lage unserer sämmtlichen Einwohner überhaupt, wir aber, die Privatlehrer, sind vom. Elend besonders hart getroffen. Die Abgebrannten, die erst vor kurzem Reiche waren, suchen ihre Reste zusammen und stiften irgendwelche Mittel für die Arbeit. Zimmerleute, Maurer, Tischler, Tageslohnarbeiter u. dergl. werden bald Arbeit bekommen; andere Handwerker können auch hoffen, ihre Vierdienste zu finden. Nur .unsere Lagei ist. verzweiflungsvollyi DieujEMero-können jetzt nicht an den Unterrieht ihrer Kinder denken, und auf diese Weise haben die Lehrer nichts zu thum Als „Abgebrann-

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