Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Article
- Brünner Brief
- Date
- 1901-06-28
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 „Die & Welt* Seite 7 zuerkennen -und zu respectieren. Der Umstand, dass sie numerisch erstarken und an moralischem Einflüsse in der jüdischen Bevölkerung zusehends gewinnen, ist der beste Beweis, dass sie den richtigen Weg wandeln. Zeichen dieses Umschwunges hat gerade die letzte Zeit öfter gegeben. Als im vorigen Monate der erweiterte Cultusgemeindeausschuss;gewählt wurde, damit er über die Frage der Anstellung eines neuen Kabbine rs, der Erbauung eines jüdischen Gemeindehauses usw. entscheide, haben die Wahlmaeher des Cultusvorstandes aus freien Stücken, ohne jegliches Zuthun der Zionisten, einige als unsere eifrigen Parteigänger bekannte Männer in die Liste aufgenommen und zur WaM ernpföhlen. Der Herr Landesrabbiner D o c t o r Pja-czek, der vor drei Jahren am Versölmungstage eine Predigt, hielt, die durch Form und Inhalt einzig dasteht unter den antizionistischen Enunciationen der Protestrabbiner, die. an persönlichen Beschimpfungen der Zionisten ,das Unglaublichste leistete und von Entstellungen des Zionismus strotzte, ist auch anderen Sinnes geworden und hat sich beeilty den so masslos Angegriffenen ein reuiges „pater peccavi" zur Kenntnis zu bringen. -Und wenn die Sooialdemokraten, die sich den Zionisten gegenüber gar so stolz und protzig geberdeten, die für die zionistischen Handelsangestellten-Organisationen nur ein mitleidiges Lächeln übrig hatten und im Jargon des Herrn Austerlitz die Brüntier Zionisten als ^Häuflein verzogener Bourgeoisiesöhnchen" stets, ignorieren zu dürfen glaubten, jetzt ihren Parteidünkel aufgeben und bei einer wirtschaftlichen Action der Hande^angestellten und Privatbeamten auch die zionistische Organisation, wenn auch widerwillig, zu beachten und heranzuziehen sich veranlasst sehen, dann ist dies gewiss eine Anerkennung unserer Stärke und ein bedeutender moralischer Erfolg. In der verflossenen Woche hat eine Veranstaltung zugunsten der brotlosen palästinensischen Arbeiter un - sere Position bedeutend gefestigt und den Zionisten viele Sympathien erworben. Es war die Theatervorstellung, bei der Dr. ,11erzls: „Das neue Ghetto" zur Aufführunggelangte. Die Zahl jener, die über solche Veranstaltungen und die sie ankündigenden Plaeate sich aufregen und von Provokationen der Christen faseln, ist geringer geworden. Eines so feigen Duckmäuserstandpunktes beginnen sich unsere Juden allmählich doch zu schämen. Der Theaterabend brachte den Veranstaltern einen unbestrittenen Erfolg. Im; Theatersaale im Schreibwalde hatte sich ein äusserst zahlreiches Publicum versammelt, welches mit lebhaftem Interesse dem Stücke folgte und den Darstellern volle Anerkennung und reichen Beifall zollte. Die Aufführung stand hoch über dem Durchschnittsniveau der Dilettantenvorstellungen. So lautete das allgemeine Urtheil. Das Zusammenspiel war vortefflich. Das Hauptverdienst an dem überaus gelungenen Abend gebürt dem Herrn Schauspieler E g o n Brecher, der auch die Kegie inne hatte. Sein Wasserstein verrieth grosse schauspielerische Begabung und tiefes Verständnis für die feine Psychologie dieser Börseanerfigur. Herr Z e i s e 1 als Dr. Samuel und Herr Redlich als Peter Vednik boten dilettantische Prachtleistungen und ernteten neben Herrn Brecher auf offener Bühne stürmischen Beifall. Die Damen Kr a f f t, B o r r e, S chmi d 1 und die Herren Mei s e 1, G o 111 i e b, Sonderling spielten in lobenswerter Weise. Die Vorstellung wurde auch von den Brünner Zeitungen „Tagesbote" und „Correspondent" sehr günstig besprochen. Die Saison morte, der anderwärts in den Sommermonaten das Vereinsleben verfällt, macht sich in unseren Organisationen weniger fühlbar. Der „Zion" veranstaltet am 29. d. eine grosse Versammlung, in der Herr Doctor M'e n c z el Jaus" "Özefnowitz referieren wirdi Im Vereinslocal der. „Emunah" herrscht ein sehr reges Vereinsleben, und die Ausbildung der Mitglieder, Curse und Vorträge finden eifrige Pflege. Die Einrichtung einer Centralstellenvermitthmg, die Förderung und Ausgestaltung des Verbandsorganes „Jüdische Volksstimme" und die Schaffung eines Conditionslosenfonds bilden das arbeitsreiche Programm der Verbandsexecutive. Seine Durchführung bedeutet eine ernste socialpolitische That und ist auf's innigste zu wünschen. Zu den fünf zionistischen Vereinen, die wir in Brünn besitzen, ist vor kurzem der „Verein jugendlicher jüdischer Arbeiter" hinzugekommen, der ca. 50 Mitglieder zählt und eine sehr stramme Organisation zu werden verspricht. Auch eine 14 Mitglieder zählende Section weiblicher Angestellten hat sich in der „Emunah" gebildet. So wird ohne viel Tam-Tam ernst und unablässig gearbeitet und aus eigener Kraft der Angestellten eine zionistische Organisation geschaffen, die heute schon als mustergiltig gelten kann. Dass es der energischen zionistischen Agitation gelungen ist, den Brünner Juden eine verständnisvollere Auffassung jüdischer Fragen beizubringen, beweist am besten die Gründungsgeschichte der jüdischen Lesehalle und Toynbeehalle. Im Vorjahre war die Gründung durch Intriguen aller Art vom Cultusvorstande, der unter dem Commando seiner liberalen Hintermänner handelte, verhindert worden. Heuer stehen die Gegner betroffen vor der Thatsache, dass eine Lese- und Toynbee-Halle existiert und gedeiht und der beliebteste jüdische Verein in Brünn ist und unter diesem moralischen Drucke können sie einem so nützlich und erfolgreich wirkenden Unternehmen die Unterstützung nicht versagen. Der Sommerschlaf der Toynbee-Halle wird am 30. d. durch ein grosses Volksfest unterbrochen, das für, sie veranstaltet wird, und für welches sich in allen jüdischen Kreisen regstes Interesse kundgibt. Die Brünner Zionisten stehen und wirken auf einem schwierigen Posten. Aber sie können mit ihren Erfolgen zufrieden sein. Das Gesetz der Trägheit und Beharrlichkeit spielt in der Politik eine grosse Polle und kann nur durch fortwährende zielbewusste Arbeit überwunden werden. Die Ueberzeugung, dass wir unsere heutige Stellung und Stärke nur unserem radicalen Vorgehen, unserer jedem Lavieren und Pactieren abholden Taktik verdanken, ist unsere Hiebt schnür für die Zukunft. Für uns gibt es nur ein jüdisch-nationales Bekenntnis: den radicalen politischen Zionismus — ohne Compromisse mit offenen Gegnern oder falschen Ereunden. N". Pariser Briefe. Von A. Ludvipol. I. Paris, 20. Juni 1901. Die „Deutschen mosaischer Confession" wollen ihre israelitische Allianz haben, aber noch schwächlicher und feiger als die Franzosen israelitischen Bekenntnisses, hatten sie schon Furcht vor dem blossen Namen: „Israelitische Allianz" und gaben ihrer Vereinigung den Titel Hilfsverein. Sie setzen es sich zum Ziele, wie sie in ihrem Aufruf erklären, die Hilfe für die rumänischen Juden zu organisieren. Sehr wohl, aber sie wollen auch ihren bedrückten Brüdern die deutsche Sprache und die deutsche Cultur zuführen. Die Gründer des Hilfsvereins versichern uns, dass dieser letztere mit der „Alliance Israelite" gemeinsam kämpfen, aber für sich allein marschieren — das will wohl sagen arbeiten — werde. Getrennt marschieren und vereint schlagen — das ist schon die Formel, unter der man die blasse Furcht vor dem Antisemitismus verbergen will. Muth gehörte ja nie zu den hervorragenden Tugenden der guten, zitternden Seelen unserer Assimilanten. Wir haben also jetzt vier israelitische Allianzen: Die eine, die von Paris, wird die französische Sprache und Cultur vermitteln; die andere, die Londoner, (Ica) wird die englische Sprache und Civilisation verbreiten; die Wiener Allianz und der Berliner Hilfsverein werden sich in die Sorge theilen, die Juden zu Anhängern der deutschen Sprache zu machen.