Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Article
- Der Congress der zionistischen Studentenschaft
- Date
- 1901-06-28
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Dte # Welt" Nr. 26 dem das jüdische Volk sich momentan befindet und noch einige Zeit sich befinden wird, zu wirken, für die momentane, Verbesserung der ökonomischen, geistigen und moralischen Lage des Judenthums zu arbeiten, um es dadurch unserem Ziele näher zu bringen. Mit einem degenerierten Volk ist nichts anzufangen; das jüdische Volk muss erst für das neue Leben auf eigenem Boden vorbereitet werden. Wie in allen grossen Bewegungen, haben auch die Zionisten ihr Maximal- und ihr Minimalprogramm, das die momentanen Bedürfnisse der jüdischen Masse berücksichtigen muss. Nebenbei bemerkt, die Propaganda wird am intensivsten geführt nicht mit dem Ideal, sondern mit dem Minimalprogramm, besonders dann, wenn die Erfüll ang des Ideals in fernerer Zukunft liegt. Dieses zionistische Minimalprogramm kann aber nur durch die Erforschung der allgemeinen Verhältnisse bedingt sein. Jedenfalls darf dieses Minimalprogramm nicht zum Selbstzweck werden; deshalb muss es immer vom Standpunkte unseres zionistischen Ideals beleuchtet werden. Die Synthese des Zionismus und der allgemein-menschlichen Ideale einerseits und der gegebenen realen Verhältnisse, unter denen die Juden leben, andererseits wird unser bester Wegweiser auf dem Boden der praktischen Thätigkeit sein. Und so hoffen wir, dass der bevorstehende zionistische Studentencongress dazu beitragen wird, unserer Jugend grosse Arbeitskreise zu schaffen. Wir haben noch sehr viel zu thun; die zionistische Arbeit ist kaum noch in ihren Anfängen. Da soll und muss die Jugend eingreifen. Zum Beispiel: zwei Fragen müssen unbedingt in kürzester Zeit gelöst werden. Wir meinen die Erforschung Palästinas und die der ökonomischen Lage des Judenthums. Die erste Frage bezieht sich auf unser Maximal-Ideal, die zweite auf unser Minimalprogramm. Wir wollen Palästina eolonisieren, ohne das Land genau zu kennen. Da werden unsere jungen Ingenieure, Chemiker, Äerzte, Naturforscher, Socialpolitiker. grosse Arbeit leisten können. Thatsächlich ist diese Frage ein CardinalpunJet des Programms des bevorstehenden Gongresses. Andererseits, um zu wissn, wie man momentan die ökonomische Lage des Judenthums verbessern kann, müssen wir zuerst die gegenwärtige Lage kennen. Wir kennen sie leider nicht. Auf dem Studentencongress soll ein Programm zur Erforschung der ökonomischen Lage unseres Volkes ausgearbeitet und vollführt werden. Da wird unsere zionistische Jugend vonnutzen sein. Sie wird alle statistischen Daten sammeln, die Vertheilung des jüdischen Volkes nach den verschiedenen ökonomischen Kategorien und Berufen erforschen, das Normalbudget einer jüdischen Arbeiter-, Handwerker- oder Krämerfamilie untersuchen, die all ergeeignetsten Mittel zur Verbesserung der Lage der JSTothleidenden ausspüren, mit einem Worte, sie wird alle Materialien sammeln, um eine gesunde Realpolitik treiben z,u können. Und noch eins: Es ist bekannt, wie gross manchmal die .Gegensätze zwischen Alt und Jung in den allgemeinen Congressen bezüglich mancher Fragen sind. Diese Gegensätze sind gefahrvoll: wir müssen sie ausgleichen. Dazu ist aber nothwendig, dass die Jungen unter sich diese heiklen Fragen durchberathen. Wir sind sicher, dass dann diqse Rederei auf den allgemeinen Congressen, die eigentlich immer resultatlos bleibt, aufhören wird. Mit einem Worte, von welchem Standpunkte man auch die Sache betrachten mag, müssen wir anerkennen, dass ein Congress der zionistischen Intellectuellen von grösstem Xutzen sein wird. Wir fordern deshalb alle Freunde der Sache auf, an Eldena Ji£n.geoB.gr$ßse theilziunehmen., Wir meinen . dadurch d'er Verwirklichung unseres Ideals näher zu treten. •' Pr. D. Pasmanik. Das Bureau zur Vorbereitung des Jungcongresses richtet hiermit an die Vereine die Bitte, ihre in Bezug auf den Congress gefassten Beschlüsse baldmöglichst zukommen zu lassen, an die Herren Referenten, die sich bereit erklärt haben, Vorträge für den Congress zu übernehmen, die Hauptthesen derselben, behufs rechtzeitiger Mittheilung an die Vereine, dem Bureau zur Verfügung zu stellen. Wir können den Vereinen gegenüber nicht oft genug betonen, dass ein energisches und pünktliches Arbeiten angezeigt ist, wenn der Congress auf der Höhe seiner Aufgabe stehen soll. Wir empfehlen dringend den akademischen Vereinen, ihre Stellungnahme zum Congress noch vor dem Antritt der grossen Ferien zu beschliessen. Alle Zuschriften sind an Herrn Dr. Ch. Weizmann (2 Rue de TEcole de Chimie 2, Geneve, Suisse) zu richten. Landes-Conferenz der galizischen Zionisten. Zu unserem vorwöchentlichen Berichte sind noch nachstehende Thesen und Resolutionen nachzutragen: Thesen zum Referate: Die Lage der jüdischen Colonisten und Arbeiter in Palästina. (Referent: Dr. S. Rappaport, Lemberg.) 1. Eine auf Feldarbeit berechnete Colonisation kann nur dann Erspriessliches leisten, wenn die bei derselben beschäftigten Arbeiter wenigstens eine fünfjährige praktische Thätigkeit auf diesem Gebiete aufzuweisen haben. 2. Neben der Feldarbeit muss unbedingt die Hausindustrie als Ergänzung der Feldwirtschaft gepflegt und gefördert werden. 3. Die specielle Leitung der Colonien muss (im Gegensatze zur bisherigen Praxis) ausschliesslich in den Händen fachmännisch gebildete r und praktisch erfahrener Männer liegen. . 4. Soli neben dem ökonomischen auch das ethische Niveau der Colonisten auf jüdisch-nationaler Grundlage gehoben werden, so muss in den zu den Colonien gehörigen Schulen hauptsächlich auf die Pflege der jüdischen Geschichte, hebräischen Sprache und Literatur Gewicht gelegt werden. Zu diesem Zwecke müssen die Zionisten aller Länder sich bestreben, die Leitung der Schulen in eigene Hände zu nehmen. 5. Das Genossenschaftssystem in den Colonien ist nach Thunlichkeit zu vermeiden, es muss dahin gewirkt werden, dass jeder Colonist in seinem Besitze selbstständig werde. 6. Es müsse mit dem bisnun herrschenden Bevormundungssystem der Colonien definitiv gebrochen und an dessen Stelle ein neues, nach Vorschlag der „Chowewe Zion", eingeführt werden. Resolutionen: I. Die Conferenz beschliesst, ihr Bedauern über das Vorgehen der „Ica" in den jüdischen Colonien in Palästina auszudrücken, und hoffe, dass dieselbe, angesichts der allgemein über dieses Vorgehen im jüdischen Lager herrschenden Erbitterung, einlenken und an die Wiederherstellung der Colonien schreiten wird. II. Die Conferenz fordert sämmtliche jüdische Cultusgemeinden Gaiiziens auf, sich der Resolution 1 anzuschliesen. IIL DieConferenz fordert die Verwaltung der Jüdischen Colonialbank auf, nach Möglichkeit — mit Rücksicht auf die verzweifelte Lage der brotlos gewordenen Arbeiter — in Bälde ihre Thätigkeit in Palästina aufzunehmen. IV. Die Conferenz drückt ihre wärmste Sympathie der Thätigkeit der „Chowewe Zion" aus und schliesst sich ihren Forderungen an. V. Die Conferenz beschliesst, sämmtliche Gesinnungsgenossen aufzufordern, beim Ethrog- (IfliriK') Einkaufe ausschliesslich Ethrogim palästinensischer Herkunft zu benützen. Brünner Brief. Seit den letzen Cultusgemeindewahlen hat sich, in der öffentlichen Meinung bei der Beurtheilnng der politischzionistischen Propaganda und Tendenzen ein unverkennbarer TJmpchwnng vollzogen. Manbeginnt die Brür^er iZionisten als mitentscheidenden Factor in allen fragen äes öffentlichen und gesellschaftlichen jüdischen Lebens an-