Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 26 (28.6.1901)
- Article
- Der Schekeltag in Deutschland
- Date
- 1901-06-28
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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:Nr..26 „Die #AWelt" Seite 5 auch stets von gutem Erfolge begleitet gewesen ist; denn wir zahlen jetzt fast 100 Anhänger hier und in der Pro vipz. Zwei Vereine „Ahawath Zion" und „Dorsche Schelom Zion" •werben für den Zionismus, Gesinnungsgenossen wirken bis nach Ostfriesland hinauf für unsere Ideen, auch im Braunschweiger „Verein für jüdische Geschichte und Literatur14 ha^ ein Mitglied unseres Vorstandes über das Wesen und die Ziele des Zionismus gesprochen. Da unsere Mitglieder Dicht nur in den Versammlungen für unsere Ideen wirken, so kounten wir in der letzten Zeit eine Reihe von Institutionen innerhalb der Vereinigung schaffen, wie hebräische Spracheurse, einen Share-Club etc.. Neugründungen, die den Nachweis für ihre Lebensfähigkeit erbringen. DieSchekeltag s-V ersammlung brachte uns, wie jede frühere Versammlung, eine Reihe neuer Anhänger und trug die zionistischen Ideen wieder in weitere Kreise. Ais Redner begrüssten wir Herrn Dr. Walter Friedem an n aus Berlin, der über das Thema „Der Zionismus in Gegenwart und Zukunft'4 sprach. Die Versammlung war von circa c250 Personen besucht und spendete dem Redner reichen Beifall. An das Referat schlo?s sich eine angeregte Discussion. Der SchekeJtag mahnt zu neuem Schaffen, zur frischen Thätigkeit. Wir hoffen, dass sie eine erfolgreiche sein wird. Der Congress der zionistischen Studentenschaft. Wie bekannt, soll diesen Sommer ein Congress der zionistischen Studentenschaft in Genf stattfinden. Das Programm dieses Congrcsses ist den Lesern der „Welt" bekannt. Es umfasst das ganze Gebiet des Zionismus in theoretischer und praktischer Hinsiclit. Man möchte fast sagen, das Programm ist zu schön, um ausgeführt werden zu können. Es handelt sieh jetzt für uns darum, Stellung zu diesem Congress zu nehmen. Wir wollen vor allem die primordiale Frage, die unwillkürlich schon mancher Zionist sich gestellt hat und stellen musste, beantworten: Ja, wozu denn ein Congress speciell der Studentenschaft? ■ Können denn die jüngeren Elemente nicht ihre Ansichten auf dem allgemeinen Congress vorbringen? Oder soll der noch nicht so alte Zionismus schon seine „Moderne" bekommen?" Wenn wir die Protokolle der Münchener Yorconferenz durchlesen, constatieren wir zwei Grundursachen, die zur Einberufung des Studentencongresses führten. Erstens gibt es wohl einige Elemente unter den Jüngeren, die mit dem nach ihrer Meinung langsamen Fortschreiten des Zionismus unzufrieden sein mögen, die gerne grosse Thaten vollziehen möchten, für die die Schekelsammlung und der Verkauf von Actien der Zionistischen Bank nur Prosa ist, die mit einem Worte das jüdische Volk „organisieren" möchten, und zwar auf fortschrittlicher Grundlage, kurz für die der Plauptwert in der „Culturarbeit" liegt. Die zweite Ursache ist die sehr traurige Thatsache, dass die jüdische Studentenschaft, überhaupt die jüdischen Intellectuellen, fern vom Judenthum steht, nicht etwa aus Egoismus oder Indifferenz, sondern weil vielen der Zionismus zu engherzig, zu beschränkt, zu utopistisch scheint. Wenn wir speciell die jüdischen Intel!ectuellen in Bussland berücksichtigen, so müssen wir zugestehen, dass sie sehr opfermuthig an allen politisch-socialen Bewegungen zugunsten des russischen Volkes theilnehmen. Also nicht etwa aus Mangel an Arbeits- und Aufopferungsfähigkeit stehen sie dem Zionismus fern, sondern wreil sie — einfach gesagt — den Zionismus als eine reactionäre oder utopistische Bewegung betrachten. Wir sehen also, dass beide Ursachen eng miteinander verknüpft sind; sie ergänzen einander. . Beide zusammengenommen rechtfertigen zur Genüge die Einberufung eines zionistischen Studentencongresses. M. - ' ■ Schon die ThaMxjhe, dass die Resolution der Mün- ^^^efe^^fe^ ^4%^; xfess u n s, e r e Intellectuellen auf dem Standpunkte äes Baseler Programmes stellen, beweist zur Genüge, dass von einem Gegensatz zwischen den allgemeinen Zionistencongressen .und dem bevorstehenden Studentencongresse keine Kede sein karm. Genauer gesagt: die zionistischen Intellectuellen unter dem Einfluss der umgebenden allgemeinen Cultur möchten wohl neue Gesichtspunkte, neue Wirkungskreise, neue Kainpfobjecte dem Zionismus zuführen, um dadurch an Einfluss und Wirkungskraft zu gewinnen, aber sie wollen keine Gegensätze innerhalb des Zionismus schaffen. Wir dürfen dabei auch nicht eine sehr wichtige psychologische Thatsache ausseraeht lassen: die meisten jüdischen Intellectuellen sind Zionisten geworden., erst nachdem sie schon eine Art allgemeiner Weltanschauung besessen, nachdem sie irgend ein allgemeines Ideal in sich verarbeitet haben. So schreitet das zionistische und das allgemeinmenschliche Ideal nebeneinander einher. Für einige Zeit mag wohl der Zionismus alle anderen Ideale unterdrückt haben, aber sobald der Zionismus aus dem Gebiete der Rhetorik in dasjenige des praktischen Lebenskampfes hinübergeleitet worden ist, kamen — und das musste so sein — die allgemeinen Tendenzen zum Vorschein. Jedenfalls ist es hier erlaubt, die Meinung eines hervorragenden Mannes, der gerade auf diesem Gebiete von grosser Autorität ist, vorzubringen. Wir meinen Moses Hess, der sein Leben lang gerade für ein allgemein-menschliches Ideal gekämpft hat. Er sagt nun: „Bei den Juden weit mehr noch als bei. Nationen, die auf ihrem eigenen Boden unterdrückt sind, muss die nationale Selbständigkeit jedem politisch-socialen Fortschritte vorangehen. Ein gemeinsamer heimatlicher Boden ist für sie die erste Bedingung gesünderer Arbeitsverhält nisscu. Und weiter: „Die jüdische Volksmasse wird sich an der grossen geschichtlichen Bewegung der modernen Menschheit erst dann betheiligen, wenn sie ein jüdisches Vaterland haben wird."*) Trotzdem ist das Bestreben nach einer Synthese des zionistischen — rein nationalen — und des socialphilosophischen — allgemein menschlichen — Ideals sehr berechtigt, besonders bei der studierenden Jugend. Dieses Bestreben ist, unserer persönlichen Meinung nach, das Hauptmotiv des bevorstehenden Congresses in Genf. Von diesem Standpunkte betrachtet, wird der Congress von eminenter Bedeutung sein, und zwar in vielfacher Hinsieht. Erstens könnte durch diese Synthese ein Mittel gewonnen werden, um die sehr zahlreiche jüdische Intelligenz (besonders in Kussland) zionistisch zu machen. Es ist die Thatsaehe nicht wegzuleugnen, dass der Zionismus als eine r e i n nationale Bewegung inmitten einer Epoche, wo der Kampf um eine bessere Zukunft der ganzen Menschheit ausgefochten wird, manchem jüdischen Intellectuellen etwas beschränkt erscheinen mag, schon abgesehen von der Ausführbarkeit des zionistischen Ideals. Die Aufhebung des Dualismus zwischen- Zionismus und Universalismus wird ganz sicher dazu beitragen, die idealistische jüdische Intelligenz dem Zionismus näher .zu bringen, resp. ihn „allgemein-menschlicher" zu machen. Es ist klar, dass die Propaganda unter den jüdischen Intellectuellen nur von jüngeren, „intellectuellen" Zionisten am besten geführt werden kann. Der bevorstehende Congress soll eben dazu beitragen, unsere zionistische Jugend zu organisieren, behufs einer intensiven Propaganda innerhalb den'-jüdischen Intellectuellen. Dass dadurch neue Kräfte dem Zionismus zugeführt werden, liegt auf der Hand. Zweitens kann und wird durch diese Synthese ein Boden für eine fruchtbare praktische, „real-politische" Thätigkeit geschaffen worden. Denn wenn wir auch, für ein nationales Ideal kämpfen, so tlnm wir es doch mit internationalen Mitteln, die der «11gemein-inenschlichen Civltur entlehnt sind. Umsomehr, als das zionistische ideal nicht nur nicht anschlichst, sondern uns geradezu zwingt, nur^auf ß§})\ realen Bodei^,(jauf ' '-~ : .■■ Mi :>K> :*t ■! ,vi.' . i- -i.- *) M. Hess: „PtOm und Jerusalem", II. Anfinge, SS. -'92—94.