Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 25 (21.6.1901)
- Article
- Georg Hirschfeld und Fritz Mauthner
- Date
- 1901-06-21
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315931-3397791--26713-3397899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 „Die .jQf-'Welt" Nr. 25 Treue gegen die jüdische Wirklichkeit eine specifisch jüdische Literatur von zugleich künstlerischer und nationaler Bedeutsamkeit zu schaffen, sind gegenwärtig eine ganze Anzahl hochbegabter junger Poeten an der Arbeit: Der Berliner Georg 11 i r s r h f e 1 d, dessen jüdische Milieudramen: „Zu Hause", „Die Mütter4' und „Agnes Jordan" doch als Kunstwerke schlechthin in den weitesten Kreisen Beachtung gefunden; der Kusse M. J. B e rdycze w s k i, von dem eine sehr feine Novelle: „Daneben" vor einigen Jahren in der „Neuen Deutschen Rundschau" erschienen und von dem gerade jetzt die Leser der „Welt" eine prachtvolle, stellenweise von Gottfried Keller'schem Humor erfüllte Erzählung gemessen; der Galizier Efraim Frisch, von dem kürzlich eine zarte Erzählung: „Das Verlöbnis", die im Feuilleton der „Vossischen Zeitung" erschienen, verdiente Aufmerksamkeit erregt hat. Dies mögen Gesichtspunkte sein, die doch immer dargelegt zu werden verdienen, wenn ein einflussreicher und auch wirklich in ästhetischer Beziehung bedeutender Kritiker mit seinem kritischen Richtschwert in die junge, neue Anpflanzung hineinsäbelt, Lector Friedmann. Lector Friedmann feiert am 4. Tamuz seinen 70. Geburtstag. Eine genaue Darstellung des Lebenswandels und der unzähligen Leistungen dieses in Ehren ergrauten Mannes zu geben, geht über den Rahmen unseres Blattes hinaus. Wir wollen uns nur auf einige wichtige Daten beschränken — die wichtigsten aus seinem Leben und Wirken. Geboren wurde Mayer Friedmann in Bodolo, einem kleinen ungarischen Städtchen im Miskolczer Comitat. Bis zum Tode seines Vaters, der in das neunte Lebensjahr des Jubilars fällt, blieb er in seinem Elternhause, von da ab ist er theils bei seiner Tante in Odida, theils in der Jeschiba. Schon im zartesten Alter wurde er mit Bibel und Talmud vertraut, in denen er sich bald so heimisch machte, dass er mit 17 Jahren schon in der Umgebung den Ruf eines Gelehrten bekam. In seinem 23. Lebensjahre erhielt er eine Berufimg nach Taja zum Gemeinderabbiner, er schlug jedoch diese Berufung aus, weil er alles eher als Rabbiner werden wollte. Er glaubte am besten für das Judenthum wirken zu können, wenn er Lehrer würde. Indes fügte es ein Zufall, dass er, der Jeschiba-Bocher. der vielleicht nie geträumt hat von Acker und Wiese, Landwirt ward, und gar bald lebte er sich in seinen Beruf so ein, dass er ein ebenso guter Landwirt als Gelehrter vrar. Seinem Ideale jedoch, Lehrer zu werden, hatte er noch immer nicht entsagt. Als ihn äussere Umstände veranlassten, von der Landwirtschaft zu lassen, wendete er sich seiner Lieblingsarbeit zu.;.J£r beginnt zu lehren. Von Stadt zu Stadt ziehend, sei es aus eigenem Antriebe, sei es auf Einladung seiner Bekannten, hält er in den Bethäusern bald biblische, bald, talmudische Vorträge. Friedmann fühlte sich in seinem Element. Doch bald sollte das anders werden. Die Orthodoxen, die Ueberfromnien, hatten es schon lange scharf auf ihn, hat er ja seiner Frau erlaubt, eigenes Haar zu tragen und jetzt wagt er sich gar heran an das heilige Buch und den Talmud, in die er modernen Geist hineinträgt. Die Schuld ist erwiesen, Friedmann ist ein Ketzer, er sei nicht der Meir, sondern des Acher-Elischa ben Abuja*). Vergebens waren die Unschuldbetheuer ungen Friedmanns, vergebens die Zeugnisse vieler Rabbiner, dass Friedmann gleich gottesfürchtig als gelehrt sei. Friedmann blieb der Ketzer und wer ihn unterstützt, ist sein Genosse. Angesichts solch trauriger Verhältnisse sah er bald ein, dass seines Bleibens in Ungarn nicht mehr sei, er entschloss sich daher nach Wien zu gehen, wohin ihn der Name Jellinek besonders zog. Da er aber wusste, dass er mit dem jüdischen Jargon und mit den wenigen Brocken der ungarischen Sprache schwer Zutritt finden Aver de in jene Kreise, um derentwillen er sein Heimatland verliess, begann er in seinem 30. Lebenjahre „deutsch" zu lernen und brachte es in drei Monaten so weit, dass er sich einer Prüfung in die vierte Volksschulclasse unterzog und ein Zeugnis mit ausgezeichnetem Erfolg erhielt. Mit diesem Document und mehreren Rabbinerzeugnissen ausgerüstet, begab sich Friedmann nach Wien. In Mannheimer fand der junge Gelehrte einen Protector, der väterlich für ihn sorgte. Mit einem Heisshunger stürzte sich nun Friedmann auf das bis dahin ihm unbekannte Gebiet der modernen Wissenschaften. Classische Philologie, Physik, Mathematik und Philosophie, all das hörte und studierte Friedmann an der Wiener Universität, an welcher er als ausserordentlicher Hörer inscribiert war. Er vernachlässigte jedoch dabei seine talmudischen Studien nicht, vielmehr reifte in ihm jetzt der Entschluss, den „Sifre" zu ediren. Jellinek, der gar bald Friedmanns Kraft erkannte, stellte denselben als Leiter in dem soeben ins Leben gerufenen Beth Hamidascii an. Hier beginnt die eigentliche Wirksamkeit Friedmanns. Durch sein gediegenes Wissen und seine ausgezeichnete Vortragsweise zog Friedmann die Leute förmlich in das Beth-Hamidrasch. Hier sassen in den Bänken Leute aus verschiedenen Classen und Ständen, der gelehrte Rabbiner neben dem schlichten Handwerker, der Reiche neben dem armen Hausierer. Alle verstand er für seine Vorträge zu interessieren, jedem etwas zu bieten. In erster Reihe suchte er seinen Zuhörern jüdischen Geist einzuimpfen, oder das, was wir jüdisch-nationales Bewusstsein nennen. Seit Tag und Jahr bereitet daher Friedmann den Boden vor, auf dem die zionistische Saat gedeihen kann. Doch viel klarer und deutlicher tritt dieses Streben, „das Judenvolk dem Judenthum zurückzuführen", in seinem Einflüsse auf die Erziehung der Wiener jüdischen Jugend hervor. Es ist eine Freude, zu sehen, mit welchem Fleiss und Eifer die fortgeschritteneren Mittelschüler an dem von Lector Friedmann geleiteten Unterricht in Bibel und Talmud , theilnehmen. Die meisten dieser Schüler, die später auf die Hochschule kommen, sind die gesinnungstüchtigsten Zionisten. In demselben Sinne wirkt auch Friedmann als Lehrer an der isr.-theol. Lehranstalt. Er ist es, der, neben dem allseits geächteten Reetor dieser Anstalt, den nationalen Sinn in den Zöglingen dieser Anstalt zu wecken sucht. Lector Friedmann hat sich stets frei und offen zum Zionismus bekannt. Ja, noch mehr, er steht an der Spitze einer zionistischen Institution — des hebräischen Sprachvereines, an dessen Entstehen er ein grosses Verdienst hat. Für all diese Arbeit ihm Dank zu sagen ist überflüssig, denn Friedmann liebt sein Volk und stellt sich ihm zur Verfügung. Möge es ihm vergönnt sein, noch lange zu Ehren seines Volkes zu wirken. * Dem seltenen Kenner dos jüdischen Schrifthump, dem einzigen Midrarch- und Hagada-Gaon der Jetztzeit, dem *) Eliseha ben Abuja, ein Abtrünniger, war ein■ Lehr«r{ sdes Tanaiten Meir.