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Die Welt · 1901-06-21 · 25 (21.6.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
25 (21.6.1901)
Article
Die jüdischen Colonien in South-Jersey
Date
1901-06-21
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr: 25 „DUu# Welt" Seite 9 Fähigkeit zum Ackerbau, er hat sie auch, wenigstens in diesen Colonien, auf das Glänzendste bewiesen. Der Bericht fährt sodann fort: Der Ackerbau wird mit grösster Sorgfalt betrieben. Die Weincultur gedeiht. Die Reben sind gesund und stark und das Ernteergebnis ein beträchtliches. Der Wein-Erzeugung wird wenig Aufmerksamkeit gewidmet, da es sich in viel höherem Grade verlohnt, die Trauben in frischem und gesundem Zustande auf den New-Yorker Markt zu bringen. Die Auswahl und Verpackung der Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren wird mit grösster Sorgfalt ausgeführt, so dass sie bereits auf den amerikanischen Märkten einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Die in der Colonie Alliance gepflanzten Kartoffeln erfreuen sich in New-York" derartiger Beliebtheit, dass sie per Fass um 25—50 Cents höhere Preie erzielen als die anderen Waren. Die Landwirte von Alliance haben einen prächtigen Viehstand, speciell ihre Kühe gehören der besten Rasse an, auch ihr Geflügel steht auf hoher Stufe. Da der Kuhstand und die Geflügelzucht die wichtigsten Factoren für den Lebensunterhalt der Colonisten bilden, wendet ihnen der jüdische Landwirt die grösste Aufmerksamkeit und aufopferndste Pflege zu. Spezielle Details über die Ernteergebnisse liegen nicht vor, doch steht fest, dass die Obstzucht im Jahre 1899 eine Einnahme von 40 000 Dollars erzielt und die Kartoffelernte 18 000 Dollars lieferte, eine verhältnismässig enorme Summe im Vergleich zu dem geringen Umfange der Colonie, die im Ganzen 1100 Acres Land umfasst, wahrend die später gegründete Colonie Woodbine ein Ausmass von 5300 Acres hat. Die Industrie ist in Alliance noch nicht so weit vorgeschritten als in Woodbine. Bemerkenswert ist vor allem die im nördlichen Theile von Alliance, der sogenannten Bootmanvilie, gelegene grosse Kleiderfabrik, die 55 Arbeitern Beschäftigung gibt. Der Bericht schliesst mit folgenden Worten: Die Colonie Alliance hat einen schweren Kampf zu bestehen gehabt, aber sie hat das Experimentier-Stadium glücklich überwunden und befindet sich jetzt auf dem besten Wege. Sie steht seit kurzem unter der Leitung des Baron Hirsch-Fonds, der jetzt eine Summe von 10 000 Dollars für die Errichtung von zwanzig neuen Gebäuden und verschiedener öffentlichen Anlagen ausgeworfen hat." Georg Hirschfeld und Fritz Mauthner. Von Robert Jaffe. Gelegentlich der ersten Aufführung von Georg Hirschfelds ,,.Jungern Goidner" schrieb Fritz Mauthner, der bekannte Parodist und Romanschriftsteller, gegenwärtig zugleich Theaterkritiker des ..Berliner Tageblatt", dass als ganz eigenthümlich auch die Vorliebe Hirschfelds für eine jüdische Nuancierung seiner Gestatten auffallen müse. „Wenn Georg Hirschfeld," meinte er, „ein preussisches Offieiercorps darzustellen hätte, würde er auch noch jüdische Gestalten entdecken." Dies mag nun eine wirklich witzige Bemerkung sein, wie denn Mauthner gewiss der witzigste und fröhlichste unter den gegenwärtigen Schriftstellern in Deutschland ist. Aber dieser an und für sich so geistvolle Witz mag doch eine bedenkliche Nachbarschaft mit denen der „Fliegenden Blätter" haben, in denen früher etwa die Farbenexperimente des genialen Ludwig von Hof mann verspottet wurden und in denen jetzt alle Regungen und Strebungen der modernen Psyche cariciert, der Schusterjunge dem Lehrherrn gegenüber auf das „Recht der Individualität" pocht u. s. w. Es braucht nun doch nicht pedantisch und steifleinen zu sein, wenn man solchem munteren Witze die langsame, ernste Wahrheit entgegenzusetzen sucht. Dabei könnte der Ausgangspunkt unserer Betrachtungen, der „Junge Goldner", gar wohl ausser Betracht bleiben. Denn die beiden Hauptgestatyen, die als jüdische charakterisiert, der alte und der junge Goldner, sind nicht einmal mit Zwirnsfäden an die besondere Stanimesart der «Juden festgebunden, und wenn die Episodenfigur des Doctor Juliusburger in der That auf eine täuschende Weise das Gehaben und Gebaren eines quecksilbrigen jüdischen Arztes wiedergibt, so dürfte damit doch noch wenig für die Stammespsychologie oder dergleichen geleistet worden sein. Aber was daraus an allgemeinen Betrachttingen herzuleiten wäre, mag von dieser Ausschliessung durchaus nicht berührt werden, Für die Dichter ist nämlich, gleichsam noch in den unterirdischen, kaum von einer Grubenlampe erleuchteten Bergwerksgängen ihres Bewusstseins, das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit noch bedeutend fühlbarer und schmerzlicher als für alle anderen, für die jungen Kaufleute, Juristen oder Mcdiciner. Gibt es nicht irgendwo ein Wort, dass träumend die Juden Zion wiederfinden werden? Die Dichter spüren beim Sehaffen, an ihrem kleinsten Werkchen, immer wieder, was das Fehlen des Heimatsbodens bedeute. Was den Schöpfungen der Dichter ihren Zusammenhang mit der Ewigkeit gibt, mag doch der Zusammenhang mit dem lebendigen, wirklichen Leben eines Volksganzen sein. Nicht nur literaturhistorisch, sondern auch historisch, wiewohl das erstere das zweite im allgemeinen begründen und sichern mag. Aber was in der Literaturgechichte noch übergangen werden könnte oder keine besondere Glorie hätte, kann in einem vaterländischen Geschichtswerk einen umso schöneren Platz erhalten. Ob der einzelne Dichter mit einem centnerschweren Druck im Herzen in den Giebelgassen seines Wohnstädtchens umhergieng, oder ob er vor Herzensseligkeit, die er kaum noch ertragen und bändigen konnte, nach den goldenen Sternen strebte, wenn das, was von ihm au wirklichen Schöpfungen zurückblieb, nur einen Balken in dem Gebäude einer wahrhaften Volkseultur darstellte, hatte sein kurzes, irdisches Leben den magischen Zusammenhang mit der Sonne, dem Mond und den Sternen, die über seinem Haupte ihr Wesen trieben. In diesem Punkte mag der wesentlichste Unterschied zwischen der eigentlichen und der Unterhaltungsliteratur liegen. Ein Lustspiel von Oskar Blumenthal oder Valabregue, das nicht mehr erstrebt, als durch einen klug aufgebauten Plan von heiteren Begebenheiten den Zuschauer für einige Stunden auf eine unterhaltende Weise über den Sinn des wirklichen Daseins hinwegzutäuschen, unterliegt nicht der Controle durch einen Zusammenhang mit dem wirklichen Leben, und die beiden Lustspielautoren, der deutsche und der französische, werden bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes gewiss nicht von dem Gefühle ihrer jüdischen Bodenlosigkeit berührt. Aber selbst so spielerischen Sachen, wie etwa Goethes „Laune der Verliebten'' oder den „Mitschuldigen" oder Wielands „Oberon, der König der Elfen" bleibt als d e u t - sc h e n Dichtungen ein grösserer Zusammenhang mit weiteren Gesichtspunkten vorbehalten, und wenn ein Korn an wie der „Simplizius Simplizissimus" nicht die historische Bedeutung eines Oulturgemäldes aus dem deutschen 17. Jahrhundert besüsse, so würde er gewiss heute nicht mehr das ausserordentliche Interesse bewahrt haben. Der grosse französische Philosoph Hyppolite Tainc hat in diesem Zusammenhange die leichten Schmetterlingswesen der Poeten sogar wie auf einem ernsten Brette aufgespiesst, und er hat die unermessliche Bedeutung Shakespeares erst in der halbwissenschaftlichen, sociologisehen und nationalen Nebenbedeutung seiner ungeheuren Dichtungen gefunden. Ist es da ein Wunder, dass die jüdischen wirklichen Dichter am meisten nach dem Fleckchen starren, in dem sich das Kunstwerk mit dem allgemeinen Leben der ganzen Nation berührt 7 Schon die Dichter eines kleinen Volkes, wie die Böhmen oder die Dünen, werden infolge des geringen Resonanzbodens, den ihnen ihr Volks thuni gewährt, von einer Art von Schwerniuth gestreift. Bei den Juden wird es gar zu einer tragischen Gewissenssaehe, ob ihre künstlerischen Leistungen, die doch des bei allen wirklichen Völkern selbstverständlichen nationalen Fundamentes entbehren, auch in dem oben dargelegten Taine'schen Sinne stabilisiert seien. Es mag doch ein Unterschied sein etwa zwischen einem, wenn auch stellenweise pedantischen, hölzernen und langweiligen Zola'schen Rougon-Marquart-Romane und einem der blendend witzigen, amüsanten Berliner Romane von Fritz .Mauthner. Ich persönlich kann gestehen, dass mich bei meinem Romane „Ahasver" ein halb inst inktmässiger, halb bewusster Drang nach Stabilisierung der Darstellung zu einem vielleicht kleinlichen, pedantischen und unbehilflichen Naturalismus getrieben hat, und wenn auf den Gemälden der altdeutschen Meister eine gewisse Steifheit und Unbeholfenheit wegen der strengen Treue gegen die Natur, die ihnen zugrunde liegt, sogar einen rührenden Reiz auüben können, so mag hier vielleicht der naive Drang, die Bodenlosigkeit des Juden zu überwinden, etwas Aehnliches bereiten. Durch Ehrlichkeit und

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