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Die Welt · 1901-06-21 · 25 (21.6.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
25 (21.6.1901)
Article
Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
Date
1901-06-21
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Dfe % Welt" Nr. 25 öffentliche Anstalten in dem Sinne, dass sie vom Kahal, beziehungsweise von den von der Gemeindeleitung ernannten Directoren verwaltet wurden. Die Gemeinde gab die nöthigen Gelder für die Erhaltung der Schulen her, zahlte die Lehrer etc. Private Initiative in Hinsicht auf die Eröffnung von Bildungsanstalten gab es damals nicKf und konnte es auch nicht geben, weil die Gemeindeleitung es nicht zugegeben hätte. Sie wollte die Oberhand und den Einfluss in den Schulen haben, um im Sinne einer streng religiösen Erziehung der Jugend wirken zu können.' Nun aber wirkt die immer zunehmende Abgeschlossenheit des Kahals auoh auf die Schulbildung schlecht ein. Diese Bildung ist in ihren ersten Formen'erstarrt und wird nicht weiter entwickelt. Richtig bemerkt Herr Pap er n y von der späteren Periode in der Kahal-Schulen-Büdung; „An die Steile der klaren und systematischen Lehre kommt Casuistik, die gesunde Logik räumt ihren Platz der verwickelten Sophifctik; die Texte dienen nicht mehr dazu, den wahren Sinn zu erklären, sondern nur den Verstand zu schärfen (Pilpul)." Nicht nur solche Wissenschaften, wie. Philosophie, Mathematik, Medicin werden vom Programme sorgfältig ausgeschlossen, sondern sogar solche unschuldige Gegenstände, wie jüdische Grammatik. Sogar die Bibel wurde in den Kahal-Schulen strengstens verboten. So gieng es weiter, bis nicht bloss in der Theorie, sondern auch im praktischen Kahal-Leben viel mehr auf das Aeussere des Rituals gelegt, während der moralische Inhalt der Religion vernachlässigt wurde. Die besten Juden jener Zeit hörten nicht auf, auf diese Anormalitäten im Kahal-Leben hinzuweisen. Diese kühnen Cultui träger aber mussten im Kampfe mit dem Aberglauben der Rabbiner verlieren, da man kein Mittel schonte, die oft den Rabbinern entgegentretenden Ketzer zu verfolgen. Zu Lebzeiten war das Anathem die Strafe dieser edlen Culturträger, nach ihrem Tode wollte sie die „Chewra-Kadischa" nicht beerdigen. Das war der culturelle Erbbesitz, den die polnischen und lithauischen Juden auch nach Russland mit sich gebracht haben, welchen sie den von langeher in Russland lebenden Juden eineigneten und übermittelten, den die meisten russischen Juden bis zur zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts sorgfältig fortpflegten und fortpflanzten, obwohl unter der russischen Regierung die Autonomie der Gemeinden in vieler Hinsicht verloren gegangen war, die jüdischen Gemeinden meistens den allgemeinen Staatsgesetzen unterworfen wurden etc. Der Geist aber und die Ueb erliefer langen des Kanal-Lebens erhielten sich unerschüttert weiter und hatten noch immer den grössten Einfluss auf die jüdische Cultur und auf die Entwicklung der Formen des jüdischen gesellschaftlichen Lebens. Die russische Regierung, war bemüht, diesen Einfluss zu bekämpfen — wie sie den Kampf führte, werden wir im nächsten Artikel sehen. Lebensdauer und Sterblichkeit bei den Juden. Die Anhänger der Theorie vom'Ausweichen, Sichducken und Verkriechen, um so die Schmach des Jahrhunderts, wie sie sagen, der Jahrhunderte, wie wir sagen, den Antisemitismus, verleben zu lassen — diese Leute nehmen die Statistik vom Werden und Sterben der Juden wohl nur seufzend zur Kenntnis. Denn dass die grössere Zahl die Reibfläche verbreitern muss, sehen sie wohl selbst ein. Die relative Gesundheit unseres Volkes ist umso staunenswerter, als im Leben der Massen selbst den primitivsten Forderungen der Hygiene nicht im geringsten entsprochen \vird. Nur die Satzungen der Religion reden da als willkommener Factor ein Wörtchen drein und werden in ihren Einwirkungen auf die Gesundheit durch die Rasseneigenthümlichkeiten der Juden, Sittlichkeit und Massigkeit, wirksam unterstützt. Einige interessante Zahlengruppen, die wir jetzt über das physische Lebensverhältnis zwischen Juden und Ariern anführen, stammen aus einem Aufsatz Von Dr. Mauria Fisch b e r g in New-York,*) In London erreichen die Juden ein Durchschnittsalter von 49 Jahren, gegen 39 bei den Christen. Von den Kindern von 1—5 Jahren sterben bei den Juden 10 Percent, bei den Christen 15 Percent. In Budapest sind die Ziffern der Erwachsenen 37 gegen 26, das Verhältnis bei den Kindern ist das gleiche, während es in Amsterdam durch die Zahlen 8,85 Percent zu 11,52 Percent ausgedrückt wird. In letzterer Stadt sterben zwischen. 20 und 50 Jahren 6 Percent Christen und 3 Percent Juden, in Brandenburg vom Tausend 29 Christen gegen 20 Juden. Diesen Verhältnissen der Grossstädte steht ein äquales zur Seite, auch wenn die nichtarische Bevölkerung der jüdischen gegenüber durchaus alle Vortheile der Lebensführung hat. Für Massach ussetts in den Vereinigten Staaten hat man bei einem Alter von erreichten 25 Jahren für einen Juden eine Lebensdauer von noch 45 Jahren berechnet, für einen Christen nur 39. Und dabei ist zu bedenken, dass für die Tabelle meist nur russische und polnische Juden in Betracht kommen mit ihrer erzwungenen Genügsamkeit für Wohnung, Ruhe und Nahrung. Die Statistik A m erikas hat aber eine sehr interessante Thatsache zutage gebracht. Es ist nämlich die Zahl der Eheschliessungen, damit auch der Geburten und Todesfälle, percentuell eine niedrigere bei den Juden als sonst bei den Amerikanern. Auch ist dortzulande die Fruchtbarkeit der Mütter eine anfallend niedrigere (3,5 Percent zu 5,5 Percent in Europa). Von den Gründen hievon ist nur die Thatsache bekannt, dass das Heiratsalter meist ein sehr hohes ist. In Europa und Algier ist die Zunahme der jüdischen Bevölkerung relativ um ca. 6 Percent höher als die der christlichen. In den Todesursachen spiegelt sich ein klares Bild des Judenlebens ab. Sie gehen meist am Elend zugrunde, an Erkrankungen des Nervensystems, der Knochen und Gelenke. Die' Krankheiten, die Alkohol und Infection hervorrufen, treten verhältnismässig und absolut sehr selten auf. Nervenzerrüttungen stellen in die Irrenanstalten im Verhältnis doppelt sor viel Juden als Christen und wüthen in ihren Folgeerscheinungen erschreckend oft bei uns. Dieauffallendsten : dieser Folgen sind die-Zuckerkrankheit und die Erblindung. Die günstigeren Verhältnisse unter den Juden in Bezug auf Tod und Leben finden wohl ihre Erklärung in dem endlosen Kampfe, den die Juden seit Jahrhunderten um ihr Dasein ausfechten, und der nur die Zähesten und Ausdauerndsten hat leben lassen. Die jüdischen Colonien in South-Jersey. Das statistische Bureau in New-Jersey hat ein Büchlein herausgegeben, das sich mit dem gegenwärtigen Stande der jüdischen Colonien in South-Jersey befasst und wieder einmal ein grelles Licht auf die gehässigen Phrasen unserer Feinde wirft, die behaupten, dass der Jude in seiner Umgebung nur schmarotze und sich der schweren körperlichen Arbeit, wo er nur könne, entziehe. Die Bemerkungen aus derart massgebender und objectiver Quelle dürften unsere Leser wohl interessieren, weshalb wir die wichtigsten Stellen der Brosenttre im Nachfolgenden citieren: „Im Jahre 1884 begannen die Ansiedler, welche meistens aus russischen Familien bestanden, die den grausamen Verfolgungen der Achtzigerjahre entronnen waren, ihre landwirtschaftliche Thätigkeit. Die Resultate, die bis zum heutigen Tage erzielt wurden, bilden eine Kette stetig steigenden Aufschwunges und Fortschrittes in den moralischen, socialen und materiellen Verhältnissen der Leute. Kann der Jude mit Erfolg Landwirtschaft betreiben? lautet eine gar oft aufgeworfene Frage, die m den meisten Fällen mit „Nein" beantwortet wird; doch eine sorgfältige unparteiische Prüfung der in diesen Colonien geleisteten Arbeit führt zu einem ganz anderen Resultate. Dem Besucher fällt sofort viel Schönes auf, besonders die Nettigkeit der Häuser und die mit den modernsten Errungenschaften ausgestatteten Wirtschaftsgebäude. Sehr erfreulich ist das von Jahr zu Jahr sich steigernde Ergebnis der Ernte. Die Administration der Colonien ist in einem derart ausgezeichneten Zustande und verräth so viel Verständnis, dass man ruhig behaupten kann: Nicht nur besitzt der Jude die *) Vgl. hiezu einen Artikel von Eshner in Nr, G von „Ost und West",

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