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Die Welt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-06-14
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die $l Welt" Nr. U Der Krauskopf nämlich, die verschollene Udele war herangewachsen und wurde so schön, dass es ihresgleichen nicht mehr gab. Wenn man sie sah, musste man stehen bleiben, und wie man eine Weile stand, gierigen die Stunden vorüber. Die Vagabunden zogen mit ihr von Stadt zu Stadt und füllten die Taschen durch ihren Gesang. Am Tage musste sie durch alle engen Strassen wandern, dafür aber konnte sie gegen Abend vom abseits aufgeschlagenen Zelte genügend ins "Freie schauen. Dann pflegte sie ein eigenes Lied zu singen, das auch die Rohesten um sie in eine gewisse Rührung brachte. Niemand von ihnen wagte es je, sie zu umarmen; und wenn man sicli zur Ruhe begab, war ein jeder froh, das Stroh zu ihrem Lager zusammenzusuchen. Das reinste Leintuch, das nur aufzutreiben war, gab man ihr, und ein rother Geselle, der ihr besonders gut war, stellte ihr jeden Morgen den ersten Krug Wasser hin. Und nun waren sie einst nach Wasniessensk gekommen, einer grossen Jahrmarktstadt mit vielem Volke. Es war eine frische Sommerluft, der Bettel gieng reichlich, und der Gesang der Udele. bezauberte die Menge. Da war ein hochgestellter Herr vorbeigegangen, und wie er sie sah, entbrannte sein Herz in grosser liebe zu ihr. Er wollte ohne sie nicht mehr leben; und weil er sehr.reich war, bot er der Schar alles, um sie loszukaufen. Es fiel den Leuten schwer, sie wegzugeben; sie konnten aber dem gelben Glänze nicht widerstehen. Und als sie zu allerletzt es auf das Mädchen selbst ankommen Hessen, redete ihr jener rothe Geselle y.u, mit dem Herrn zu gehen, im Glauben, dass, wenn er ihr sagen wird: „Scheide!" sie durch ein Wunder seinetwegen bleiben werde. Eine Kutsche war vorgefahren und Udele stieg verwundert ein. Die Pferde giengen im Trabe davon; und wie man ein grosses Stück gefahren war, sagte ihr der fremde Herr, dass er sie sehr lieb habe, sie zum Weibe .nehmen wolle und ihr schöne Kleider machen werde. Seine Mutter werde sie auch lieb haben, sie sei eine Gräfin und wohne in einem prächtigen Schloss. Udele hatte Angst davor. Den ganzen Abend gieng die Fahrt über Berg und Thal; und wie der Morgen anbrach, waren sie in einen stillen Hain gekommen. Da stand das weisse Kloster der frommen Schwestern; Udele sollte dort zur Taufe erzogen werden. Man gab ihr ein Zimmerchen neben der Kapelle; sie sass die Tage über am Fenster und weigerte sich, zu thun, was man ihr sagte. Des Morgens und des Abends kam die Oberin zu ihr hinauf und faltete die Hände über die irdische Schönheit. LTdele sass da und weinte. Und nun war der Sonntag gekommen. Die Glocke rief zur Frühmesse; grosser Friede lag in der Luft; und bald vernahm man das andächtige Orgelspiel. Tief und mit frommer Milde kamen die Töne und erweckten die Herzen. Udele öffnete leise die Thür; die schwarzgekleideten Schwestern in schneeweissen Schleiern stimmten den Gesang an: „0, Herr, Deine Gnade!" Die gelben Wachskerzen schimmerten; und die Mutter Gottes mit der Zauberkraae auf dem Haupte stand da mit ausgestreckten Händen. Udele sagte: „Ja". Nun begriff Turnowa, als es dieses vernahm, was das Orakel damals mit dem zerbrochenen Krug gemeint hatte. ... Zu anderer Zeit hätte man den Deutsch auf ewig verwünscht. Da man aber auch zugleich erfuhr, dass der Mann der Udele beim obersten Gericht in Kiew sitze, dachte man: Wer weiss die Wege des Herrn? So eine Jüdin hat grosse Gnade in den Augen der Völker, und wenn sie noch so schön ist, geht's bis zum König . . . * * * XVIII. Turnowa hatte bereits eine zweite Esther, es fehlte aber noch der Mordechaj. Kein anderer, als Jechiel Jakob Nathans wäre so geeignet, die Mission, nach Kiew zu fahren, auf sich zu nehmen. Jechiel aber war ein unentbehrlicher Bestandtheil der Synagoge; und so besann man sich, Herscheie Kosak hinzuschicken, der wieder dazu wie geschaffen war. Nun liegt aber Kiew sehr weit, schon nahe an Petersburg am Dnjepr. Uebersehreitet man den Dnjepr, ist man bald am Schwarzen Meer; und jenseits des Schwarzen Meeres erheben sich gleich die finsteren Berge, wo die zehn Stämme'wohnen. Jene Menschen sind so gross, dass, wenn ein Unseriger zu ihnen kommt, sie ihn einfach in die Tasche stecken. Zu solch einer Reise muss man ein schönes Geld haben. Woher aber dieses nehmen? Alle üblichen Vorschläge kamen an die Reihe. Zuerst wollte man das Papier und die Schreibsachen verpachten, als das aber nicht gieng, dachte man daran, den Eintritt in die Badeanstalt um einen Groschen zu vertheuern. Andere meinten, man solle lieber den Schächtern ihren Lohn kürzen; sie müssen ja gar nicht alle Tage Fleisch essen. Auch wäre einfach die Forderung an einen jeden ergangen, einen Theil zur Reise beizusteuern, würde man tausenderlei Ausreden gefunden haben: Schliesslich, warum soll gerade dieser oder jener der erste sein? „Warum schreit Ihr? Oeffnet lieber, selbst die Taschen." „Oeffne Du, der kann schön reden." „Schweige, Deine Mutter war eine Fresserin." „Still, still, Juden, Ihr wollet Euch schon wieder schlagen." Nun musste man zum letzten Ausweg schreiten. Am nächsten Sabbath verschloss man während des Betens heimlich die Synagoge, und man liess niemanden heraus, bis man ihm sein. Gebetkleid abnahm. Die Leute murrten und schrieen, so etwas wäre noch nie dagewesen. Im Grunde aber wusste man wohl, dass schon oft Aehnliches vorgekommen war. Was sollen Juden thun, wenn sie zum allgemeinen Wohle Geld nöthig haben? Jedenfalls ist es noch Sabbath, und man braucht nicht sofort zu zahlen. Die einigen hundert Gebetkleider lagen da, wie ein Berg, dessen. Abtragen wohl nicKt lange auf sich warten lassen wird, da man doch ohne Gebetkleid nicht beten kann. Und wahrlich, wie milder Sabbath vergieng und der Abend kam, gab es schon ein Gelaufe und ein unnützes Sehelten. Man suchte auf alle mögliche Weise das Pfand ohne anzuzahlen herauszubekommen. Manche standen vor der Thür und warteten erst ab, wie es die anderen thun werden. Eine arme Frau schrie, man möge ihr das Gebetkleid ihres Mannes ohne Geld geben, sie habe es nöthiger, Brot zu backen; und einer drohte, ohne Gebetkleid zu beten und die Schuld auf die Schultern der Gemeinde zu wälzen. Natürlich fehlte es auch nicht an solchen, die gerne ihr weniges Geld zur guten That brachten. Die, die nicht Bares hatten, gaben dafür ander Pfänder, ein Messer oder eine Gabel aus Silber. „Was schadet es, sollen die Leute sehen, dass man noch etwas Silber im Hause hat." Einer gab seinen Sabbathrock, ein anderer das Wintertuch seiner Frau; und Hillel der Traurige, der gar nichts besass, brachte zu allerletzt seine vorräthigen Todtenkleider. Nun ward alles mit schwerer Mühe eingelöst, in ein rothes Taschentuch eingewickelt und dem opferwilligen Hersch als Reisegeld feierlich übergeben. Es war ein bewegter Tag. Das Haus des Abreisenden war von Menschen umringt. Seine Frau weinte, man nehme ihr ihren Mann. Alle Welt gab ihm das Geleite, und die Gemeindeältesten schritten voran: „Gehe in Frieden und erlöse das Volk!" Der Weg nach Kiew vom Stadtthor aus war nach rechts. Hersch aber wendete sieh zuerst nach links. Und wie er so eine Strecke fuhr, war es schon zu weit, um umzukehren. So fuhr er Tag und Nacht, bis er zum Meere kam. Und wie er über das Meer gieng, war er gar nicht in Kiew, sondern in Amerika. * * * Lange Jahre vergiengen. Ein neues Geschlecht war herangewachsen. Endlich kam die Entscheidung. Die zweite Esther hatte damals wirklich von der Sache Wind bekommen, und da ihr Mann sie so sehr lieb hatte, kam es so, dass die Acten vertauscht wurden. Ein benachbartes Städtchen bekam Gefängnisstrafe, und der Fleischfonds von Turnowa verfiel dem Fiscus. „Zur Vermeidung aber jeder Wiederholung solcher sträflicher Vorkommnisse", hiess es im verlesenen Amtsschreiben, „ist es den Turnowaern von nun an versagt, christliche Mägde zu halten." Die Geschichte ist zu Ende.

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