Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Article
- Die philosophische Bedeutung Salomon ibn Gebirols
- Date
- 1901-06-14
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. U „Die # Welt Seite 13 während bei Gebirol die beiden Seiten beinl unendlichen wie wie endlichen Sinn, bei Gott wie in der Welt, in einander sind, einander durchdringen und in dieser gegenseitigen Durchdringung sich als essentia und proprietas verhalten, (I. h. sieh verhalten nicht bloss als Attribute an der Substanz, sondern als die constitutiven Momente der Substanz selbst? Entkleidet man diese Gedankengänge des neuplatonischen Gewandes, in welches sie gehüllt sind, so dürfen sie der Gedankenbildung Spinozas vollkommen ebenbürtig an die Seite, ja sogar noch über sie gestellt werden." Es ist ein Wahrwort, dass, wie die Philosophie der Neuzeit, so auch die grosse wissenschaftliche Bewegung des christlichen Mittelalters durch einen Juden eingeleitet worden ist. Beide sind, wie der Verfasser sehr richtig bemerkt/ geistesverwandt und darin gleich, dass sie sich bei ihrem Philosophieren der durch die Eeligion gesetzten Sehranken vollständig zu entäussern gewusst haben. Gebirol hat die Philosophie so wenig als eine ancilla theologiae angesehen und behandelt, dass Wilhelm von Äuvergne, von 1228—1249 Bischof von Paris, der erste, dem Gebirols Föns vitae bekannt geworden ist, ihn für einen Christen gehalten hat, die übrigen christliehen Theologen des 13. Jahrhunderts dagegen in ihm einen arabischen Denker gesehen haben. Beruh. Münz. Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute. Von M. L Berdyczewski. (Schiuss.) XVI. Mit den letzten Athemzügen der Feiertage schied der Sommer aus der Reihe der Lebenden und Hess den Herbst strenge walten. Die Gesichter von Turnowa kamen nicht mehr aus den Wolken, und die Angst vor dem irdischen Gerichte steckte allen in den Gliedern. Ein jeder möchte am liebsten nicht dabei gewesen sein; und man würde nichts dagegen gehabt haben, wenn statt Turnowa das benachbarte Toroweca oder Lodizena sich geschlagen hätte. Wenn man wenigstens sich mit Geld loskaufen könnte; aber diese nehmen gar ins Gefängnis, und wenn es noch schlimm wird, geht es schon nach Sibirien. Gewiss können Juden .auf Gott vertrauen und alles in sein Hände legen; ist man aber einmal von der Polizei aufgeschrieben worden, gibt es kein Entrinnen mehr. Und wahrlich, der Ortseommissür sah ein, dass er in solcher Sache doch nicht selbst entscheiden kann, und übergab (das Protokoll über das Gesehläge nach der Kreisstadt Uman. Me ersten Vorladungen ergiengen. Die Turnowaer verloren gartz den Kopf. Leute, die Uber die Ohren in Schulden steckten, tha£en derweil nicht bezahlen; und die Weiber suchten schleunigst flire Kinder zu verheiraten, da alles Schlimme zu erwarten war. Die Vorgeladenen waren unterdessen zurückgekehrt? und mach ihrem Kommen zu einer Wichtigkeit gelangt, von d(»r sie nie geträumt hatten. Alle Welt drängte sich um sie und w<xBte Auskunft haben; man bat sie, alles haarklein zu erzählt^, <es zugegangen war. „Ja, ja, Brüder, bereitet Euch vor. Wir waren in d le Polizei gegangen. Da steht eine Wache und hält eine Flinte in der Hand, der Soldat schoss aber nicht. Nun waren wir in eine» Kammer mit eisernen Fenstern gebracht* Wir sassen ohne Mütze da; eine Stunde, zwei, drei vergiengen; wir glaubten, man lässt uns nicht mehr heraus. Eine Thür öffnete sich. „Moschka!" wurde auf goiseh gerufen. Ich sagte zu Isaak: „Gehe Du für mich, ich habe Herzklopfen/' Er aber schob mich. Sehen konnte ich gar nichts, es waren lauter Menschen mit goldenen Knöpfen. "Warum habet Ihr Buch geschlagen?" „Ich habe mich gar nicht" geschlagen,. Herr." „Du lügst, Du bist ja aufgeschrieben." Bewahre, Herr, ich war nicht dabei; ich hatte dann einen kranken Fuss; ich kann ihn dem Herrn zeigen/' "Und warüm haben sich die anderen geschlagen?" "Habe ich es denn gesagt? wie konnte ich das gesagt haben, Herr?" Und nun war der Commissär selbst nach Turnowa gekommen, um die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Zwei Schreiber, zwei Richter und ein grosser Soldat waren darunter. Es bemächtigte sich der Leute ein wahrer Schrecken; man lief in die Keller, man steckte sich in Frauenkleider. Die Schulen wurden aufgelöst, die Krämer schlössen ihre Läden, und die Synagogen waren gänzlich geleert. Man buk nicht und man kochte nicht; und alles war ausser Kand und Band gekommen. Das Yerhör begann. Es waren die schrecklichsten Stunden, die Turnowa je erlebt hat. Man that Gelübde zum Herrn Zeboath, dass man gut und fromm sein werde, Wenn man nur mit heiler Haut davonkam. Doch wagte niemand hinzugehen, und man suchte die Gerichtsdiener durch Münzen umzustimmen. Jene aber packten sie beim Kragen: Ihr müsst gehen, Ihr Juden, es hilft Euch nichts. Ach, wie wirr wurde es den Turnowaern vor den Augen, als sie aufgerufen wurden. Niemand konnte recht die Landessprache; und die, die etwas verstanden, redeten absichtlich nicht zur Sache. Keiner wollte richtig seine Jahre angeben und den Ort, wo er geboren war. Josef der Schreiber, der als Dolmetscher fungierte., log ganz gemein und verwirrte die Dinge noch mehr. „Du, Simon, der Sohn Jakobs, hast Du ein Stück Holz während des Geschläges gehalten?" — „Was sagt er?" wendete sich der an Josef. Man fragt Euch, wieviel Kinder Ihr habet, saget, Ihr habet Euren Sohn nicht geschlagen." „Ich habe doch keinen Josef." — „Saget so, wie ich es Euch sage und seid kein Narr." „Aber das Holz!" wiederholte der Vorsitzende. „Herr," verstand auf einmal Simon, ich habe kein Holz gehalten, ich kann es nicht einmal aufheben, wie wahr ich lebe." „Wer denn war es? Hat es Chaim, der Sohn Hubens, gethan, oder Korech, der Sohn Nathans?" „Weiss ich?" „Und wie heisst Du?" wendete sich der Vorsitzende an einen anderen. Ich heisse Jossei, Herr, man ruft mich so, mein Grossvater hat auch so geheissen." „Und Dein Vater?" „Ich hatte einen Stiefvater, mein Herr, der heiratete meine Mutter, als ich schon geboren war." „Wo und wann warst Du geboren?" „Ich weiss es nicht, Herr, es war dann der grosse Brand. Ich bin gar nicht schuld, Herr. Ich schlage nicht einmal eine Fliege auf der Wand. Jch bin ein armer Mann; meine Frau muss immer auf dem Markte sitzen. Ich gieng nur vorbei —" Es rann der Schweiss von allen, die herauskamen. Man zupfte sie bei den Aermeln und bei den Rockschössen. „Du, Holzbock, erzähle doch, hat er Dir das gesagt? Nein, das hat er Dir gesagt?" Da fiel eine Stimme: „Juden, man will uns verhaften!" Man wusste sich nicht mehr zu helfen; man umklammerte die Füsse der Richter, man küsste ihnen die Hände; und Frauen schleppten gar eigene und erborgte Kinder vorbei, um damit die goischen Herzen zu erweichen . . So mussten die Wehrlosen schon nach einem Tage abreisen, Ohne etwas ausgerichtet zu haben; und um gänzlich davon loszukommen, schickten sie den wunderlichen Bericht, den sie mit Mühe zusammenschrieben, nach der Gouvernement sstadt Kiew. Turnowa war ganz ausser sich und hielt sich zu allem bereit. Man konnte an keine andere Sache denken, und keiner wusste mehr wo ein und wo aus. Besonders zürnte man sich, wie man sinnlos war, gerade dieses und jenes auszusagen, da man doch etwas ganz anderes hätte aussagen können. „Meint Ihr, dass die Goim die Wahrheit suchen? Sie wollen nur die Juden umsonst umbringen." „Ja, ja, in den alten Zeiten hatte man unsere Väter verbrannt; heute will man uns durch Schreiber vernichten." „Gott, erbarme Dich Deines Turnowa!" «.Und der Allgütige nahm sich wirklich seines Turnowa an. Er 'Verfahr auch, wie die alten Weisen sagten, so, dass noch, bevor «&ie Wunde kam, er.schon eine Heilung bereitete.