Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Article
- Ein moderner Erlöser des Judenthums [Rezension]
- Date
- 1901-06-14
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt44 Nr. U Judenthum aufzuspielen. Es ist kein schlechtes Bild, die hochaufgerichtete Gestalt der stammestreuen Jüdin zu sehen, vor der die rückenmarkslose, schwächliche Gestalt Levitas im Staube liegt. Jüdische Wissenschaft und Literatur. Die philosophische Bedeutung Salomon ihn Gebirols. Unter den im Drucke erschienenen „Populär-wissenschaftlichen Vorträgen über Juden und Judenthum" nimmt der Vortrag des Jenaer Professors Rud. Seyerlen über ,>Die gegenseitigen Beziehungen zwischen abendländischer imd morgenländischer Wissenschaft mit besonderer Rücksicht auf Salomon ibn Gebirol" (Leipzig, M. W. Kaufmann, 1900. Octav) die zweite und dritte Stelle ein.^ Er enthält eine vortreffliche Würdigung des vermeintlichen arabischen Philosophen Avencebrol oder Avicebron, dessen These, dass alle endlichen Wesen, nicht nur die körperlichen, sondern nicht minder auch die intelligiblen Substanzen aus Materie und Form bestellen, ebenso lebhaft von Alexander von Haies, Duns Scotus und der Franziskanerschule vertheidigt, wie von Albertus Magnus, Thomas von Acquino und der Dominikanersehule bekämpft wurde und so einen der vornehmsten Streitpunkte zwischen den beiden grossen Orden bildete. Trotzdem ward diesem Denken in der Folge von der Geschichte der Philosophie keinerlei Beachtung geschenkt; er wurde von ihr mit Stillschweigen übergangen, ja ercersehwand völlig aus ihr. Existierten doch seine Werke nicht im Druck, und von der Existenz derselben in handschriftlicher Gestalt hatte man keine Kenntnis. Erst der Franzose Aimable Jourdain lenkte die Aufmerksamkeit auf die hohe Bedeutung des Verschollenen für die Geschichte der Philosophie. Und auch der Verfasser hatte grossen Antheil an der Renaissance Gebirols. Am Ende des Jahres 1855 gelang es ihm, in der Bibliothek Mazarine zu Paris in einem Sammelbande lateinischer Manuscripte ein vollständiges, 57 Pergament-Folioblätter einnehmendes, lateinisches Manuscript des Fons vitae, das aus dem 13. Jahrhundert stammt, zu entdecken. Ohne mit dem Namen des Verfassers versehen zu sein, trug es den einfachen Titel: De materia universali. Am Schlüsse heisst es Jedoch in einer Nachschrift, dass das Buch von Avencebrol herrühre und von Johannes mit Beihilfe des Doimegus, d. h. von dem Juden Hi spann s ben David und dem Archidiaconus Dominicus Gundisalvi aus dem Arabischen übersetzt sei. Seyerlen gab sodann auf Grund dieser lateinischen ITebersetzung des vollständigen Fonds vitae die erste umfassende, quellenmässige Darstellung der Philosophie Gebirols. Dieses Verdienst ist nicht hoch genug anzuschlagen, „denn weit entfernt, bloss ein „Lehrbuch der neu platonischen Philosophie" zu sein, wie Joel will, haben wir in Gebirols Fons vitae das Werk eines durchaus originalen Denkers vor uns, welcher eine ganz eigenartige, nie so dagewesene, ebenso kühn gedachte,, wie energisch durchgeführte Ineinsbildung der aristotelischen Principienlehre mit der neuplatonischen Weltanschauung unternimmt, eine Ineinsbildung, in deren Conscquenz sich für das philosophische Erkennen Eesultate anbahnen und Aussichten eröffnen, welche auch heute noch ein actuelles Interesse beanspruchen dürfen". Dar, eigentlich Charakterstische für Gebirols Denken liegt, wie schon die christlichen Scholastiker des 13. Jahrhunderts, vor allen Thomas von Aquino, erkannt und hervorgehoben haben, in seiner Auffassung der Materie und Form als der beiden integrierenden, weil constitutiven Wesensbestandtheile jedes endlichen Seins, des geistigen so gut wie des körperlichen. Dabei nimmt er die Begriffe Materie und Form durchaus in aristotelischem Sinne, d. h. er fasst den Begrif der Materie eindeutig, wie den der Form, Es ist eine und dieselbe Materie, welche durch das ganze Weltall hindurch verbreitet ist und von der obersten intelligiblen bis zur untersten körperlichen Sphäre hinab sich erstreckt, nur dass allerdings innerhalb der einen Materie, der grösseren Nähe oder Entfernung von ihrem Ursprungsquell entsprechend, ein gradueller Unterschied zutage tritt, dass sie in den oberen Sphären lichter und feiner, in. den unteren dichter und' dunkler sich verhält. Zur vollen Höhe seiner philosophischen Bedeutung erhebt sich jedoch Gebirol da, wo er den Versuch macht, die beiden Principien alles Endlichen aus dem absoluten Wesen zu begreifen. Das letzte Resultat, zu welchem er in diesem Betreff gelangt, ist das, dass er in der Gottheit selbst Wesen, essentia, und Eigenschaft, proprietas, unterscheidet. Die Eigenschaft (proprietas) nennt er Willen, Weisheit, schöpferisches Wort. Sie, die Eigenschaft, ist der Ursprung und die Urheberin der Form; denn sie ist es, welche die in ihr selbst ursprünglich vorhandenen Formen aus sich heraussetzt und sie in der Materia verwirklicht, während die Materie ihrerseits dem Wesen der Gottheit entstammt: die essentia prima als solche, im Unterschied von ihrer proprietas, ist es, aus welcher die Materie moniert, so wie das Wasser aus der Quelle entströmt. „Deswegen," erklärt Gebirol, „verhält sich die Materie als der Thron des Einen, und der Wille, der Spender der Form, sitzt auf ihm und ruht über ihm." Wie freilich der Wille, der an sich mit dem Wesen eins und wie dieses unendlich sein soll, sobald er in Action tritt, sich im Unterschied vom Wesen als Wille erfasst und die Form realisiert, als das Princip des Endlichen sich verhalten soll, wrie ferner die Materie, obgleich sie dem Wesen des Unendlichen entströmt, trotzdem, so gut wie die Form, von Haus aus die Bestimmtheit des Endlichen an sich haben soll, das bleibt unerklärt, obgleich sich, auch abgesehen von der Emanationsvorstellung von Gebirols Principien aus, eine Lösung dieser Probleme nicht allzu schwer auffinden Hesse, wie Seyerlen in lichtvoller Weise darthut. Und nun kommt der springende Punkt, in welchem ich ihm nicht beistimmen kann. „Wein sollte," ruft er aus, „hier nicht sofort die Parallele mit Spinoza ins Auge springen, der an der absoluten Substanz die zwei unendlichen Attribute der Ausdehnung und des Denkens unterscheidet, wie Gebirol die beiden Seiten, Wesen auf der einen, Wille oder Wissen auf der anderen Seite?" Hier lässt sich Se}*erlen entschieden eine Begriffsverwirrung zuschulden kommen, weil der Dualismus Gebirols gar kein Dualismus ist. Gebirol fordert durchaus nicht zu einer Parallele mit Spinoza heraus, weil das Wesen, die essentia prima von der Gottheit nicht getrennt, von ihr nicht unterschieden, nicht als Specieif um von ihr hingestellt werden kann, da sie das absolute Sein der Gottheit bedeutet. Gott hat Eigenschaften, aber er hat keine Substanz, weil er die Substanz ist. Ganz anders ist es bei Spinoza. Er sagt, das absolute Sein ist an sich eine leere, inhaltslose Abstraction. Um etwas zu sein, muss es eine Wesenheit haben, die dem Verstand und den Sinnen zugänglich ist. Diese Wesenheit hat die Substanz an ihren Attributen, sie machen das Wesen der Substanz aus, die Substanz ist die Summe ihrer Wesenseigenschaften oder Attribute. Die essentia ist kein constitutives Moment oder Element der Substanz, da sie mit ihr identisch ist. Der Verfasser ist daher im Unrecht, wenn er fortfährt: „Aber wer sähe nicht auch die Differenz, die zwischen beiden zutage tritt, indem bei Spinoza die beiden unendlichen Attribute mitsammt ihrem unendlichen Modus durchaus unvermittelt .nebeneinander hergehen <und in . ihrer Bewegung gänzlich unabhängig voneinander verlaufen, jedes für sich ein voller Ausdruck der Substanz, ohne irgendwelche gegenseitige Einwirkung aufeinander,