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Die Welt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Article
Jüdische Settlements
Date
1901-06-14
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. H „Die # Welt" Seite 9 nur für die Nachtstunden berechnet und bekam daher bald den Namen „Neue freie Nachtschule". Die Art der Gegenstände, die gelehrt wurden, der kameradschaftliche Verkehr zwischen Lehrern und Schülern bewirkte es, dass das Settlement bald grossen Anklang fand und die Gründung immer neuer Classen nothwendig wurde. Allmählich stieg die Zahl der Classen bis auf 36, die in ihrem Lehrplane und in ihrer typischen Anlage sich voneinander unterscheiden. Sie schliessen in sich ein : sociale, literarische und Debattier- Clubs, Handwerker-, Musik- und Tanz-Curse, Curse für Stenographie, Latein und Nationalökonomie. Die Anzahl der Schüler insgesammt, mit Ausnahme der Besucher des Tanzcurses, beträgt 450. Die materiellen Verhältnisse der Hörer sind sehr ungünstige. Einige können durchaus keine Beschäftigung erhalten, andere sind kleine Beamte, die meisten kommen aus den Grammatikalschulen. Ihr Alter variiert zwischen 15 bis 19 Jahren, einzelne sind über 20. Die literarischen und Debattier-Clubs sind im allgemeinen derart geleitet, wie es bei Vereinen dieser Alt immer der Fall ist, und die leitende Person hat natürlich den grössten Einfluss. In allen diesen Vereinigungen geht das Bestreben dahin, insbesondere in den socialen Disciplinen in Knaben und Mädchen eine sichere Lebensanschauung und Verständnis für sociale Fragen hervorzurufen. In den Debattier-Clubs, speciell älterer Hörer, macht sich das nervöse, lebhafte Temperament der russischen Juden bemerkar. Vielversprechende Anlagen von Zeichen-, Modellier- und Webschulen sind erst kürzlich gemacht worden. Besonders ist der Lehrplan der Webschulen anzuerkennen, der 13- bis 18jährigen Schülern spielend hervorragende Fertigkeit beibringt und ihr Interesse dauernd zu fesseln weiss. Ausser der handwerksmässigen wird in drei eingeführten Cursen auch die körperliche und ästhetische Heranbildung der Schüler in Angriff genommen, eine treffliche Uebersetzung von der Theorie der körperlichen Hebung der Juden ins Praktische! Den ganz Kleinen steht ein Kindergarten zur Verfügung, in dem sie wöchentlich fünfmal Beschäftigung haben. Mindestens °2b Kinder kommen da jedesmal hin. Der bereits erwähnte Tanz-Club hat durch seine Popularität allein 120 Theilnehmer gefunden, die einmal wöchentlich in einem grossen Saale von guten Lehrern Anleitung erhalten. Auch eine Miniaturbank hat im Rahmen des Settlements Platz gefunden, im Principe der Sparcassen geführt. Ein momentaner Rückgang der Spareinlagen ist unerklärlich und dürfte bald behoben sein. Die Sparer sind meist die Jüngsten, die, 150 an der Zahl, zweimal wöchentlich 8 Cents einzahlen, um endlich eine Sparsumme von 2 bis 3 Dollars einem neuen Anzüge oder Schuhen zu widmen. So wird mancher Penny im Nützlichen statt im Angenehmen verwendet. Selbstverständlich ist im jüdischen Settlement eine Bibliothek und selbstverständlich ist ihre starke Benützung. Zu den wenigen Bänden des Anfanges kamen hunderte hinzu, und jetzt verleiht man wöchentlich 240 Bücher, jede Woche jedem eines zuerkennend. Hat man zuerst leichte Bücher verlangt, so will man jetzt meist wissenschaftlichernste, eine Frucht der Erziehung des Settlements. Schliesslich erwähnen wir eine nachahmenswerte Neuerung: die „Abende der Mütter". Diese kommen einmal monatlich im Settlement zusammen, wo sie von com- Petenten Personen Vorlesungen und Belehrungen hygienischer und sanitärer Natur erhalten; Diätetik der Kinder, ihre Erziehung und Körperflege sind das actuelle Thema, gerne gehört und mit Vortheil benützt. Und wer leitet, spricht und lehrt in all diesen Clubs, Classen und Departements? Es sind dies ungefähr 40 bis 50 freiwillige Mitglieder, etwa 25 junge Damen und 15 junge Leute, die nicht im Settlement wohnen. Die jungen Leute sind meist in Bureaux beschäftigt und widmen einen bis zwei Abende der Woche den übernommenen Aufgaben. In die Sphäre der Damen gehört die Leitung der Kindergärten und der Nachmittagscurse. Töchter wohlhabender und intelligenter Familien, in den Blütejahren, kommen sie ins Settlement. Sie lieben ihre Arbeit, weil in ihnen eine sociale Weltanschauung neu erwacht ist, weil sie fühlen, wie unsinnig es ist, Unterschiede zwischen Classen und Classen zu machen, weil es sie drängt ein wenig Licht in dunkle Hütten zu bringen. Sie finden in der Arbeit für einen edlen jüdischen Zweck allein ihren Lohn. Bei all dem Lobenswerten dürfen wir einen Uebelstand nicht übersehen. Die Lehrer wohnen nicht alle im Settlernents-Rayon, daher ist auch ihr Einfluss auf die verschlossenen, älteren Schichten der Bevölkerung ein minimaler. Für die Generation der Zukunft ist sehr viel gethan worden. Der Weg zur Bildung und zum Erwerbe ist ihnen erschlossen, Geist und Körper sind herangebildet. Es ist bedeutsam, dass im neuen Judenthum die Kinder der Armen und Reichen befreundet in das Alter der Entschlossenheit treten. H. Stewart Chamberlain und seine Beurteilung des Judenthums.*) Von Bernard Tag. II. „Keine Menschen der Welt", so urtheilt Stewart Chamberlain, „sind sobettelarm an echter Religion wie die Semiten und wie speciell ihre Halbbrüder, die Juden*5 — das ist ein Urtheil, mein Freund, wie es in der Geschichte der Kritik des Judenthums wohl einzig dasteht. Wir können ruhig sagen : Chamberlain s Urtheil steht im Widerspruch zu einer Welt von Autoritäten, ja sogar, wie w ir sehen werden, im Widerspruch zu solchen Autoritäten, au welche er selbst sich beruft. Es wird sich mir noch Gelegenheit bieten, sein methodisches Verfahren näher zu beleuchten, darzuthun, dass der Rückhalt, den er in den einschlägigen Arbeiten neuerer Gelehrten zu haben wähnt, auf nicht sonderlich starkem Fundamente ruht, und dass es namentlich ein wenig übereilt von ihm war, zu proclamieren, „es werden spätere Geschlechter unserem Jahrhundert — dem XIX. nämlich — dankbar sein hierfür, dass es die Fabel von der besonderen Befähigung der Juden für die Religion endgiltig vernichtet hat". So weit, denke ich, darf die Bescheidenheit eines Mannes denn doch nicht gehen, dass er einem ganzen Jahrhundert zuerkennt, was ihm allein angehört. Wäre das Urtheil Chamberlains berechtigt, so käme es ohne Zweifel dem Werte einer Entdeckung gleich : sie wäre aber nicht des Jahrhunderts, sondern einzig und allein Chamberlains Verdienst. Denn in der That ist diese Auffassung durchaus original; er hat sie nicht Autoritäten entnommen, die er als erwünschte äussere Stützen zu gebrauchen bemüht ist, vielmehr entspringt sie inneren, persönlichsten Motiven. Ich? kann Dir darum nicht beistimmen, mein Freund, wenn Du im Hinblick auf jenes Urtheil über das Jadenthum Chamberlain „herostratische Originalitätssucht" zum Vorwurfe machst. Hat es ein Schriftsteller von seiner Bedeutung nothwendig, zu so gewaltsamen Mitteln zu greifen? Ich glaube nicht. Wie hart, wie rücksichtslos, ja wie ungerecht er über das Judenthum auch urtheilen mag, bis zu einer gewissen Grenze wenigstens, urtheilt er aus einer ehrlichen Empfindung heraus. Gewiss, sein Urtheil mag uns empören, empören vor allem die Art, in der er es spricht; *) Siehe Nr. n vom 31. Mai 1901.

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