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Die Welt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Article
New-Yorker Brief
Date
1901-06-14
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die # Welt" Nr. 24 eifrige, zielbewus*sste Agitations- und Organisätiönsarbeit, als deren Erfolg ja der weitaus grösste Theii der neuen Vereinsgründungen zu betrachten ist, seine Anerkennung nicht versagen dürfen. Bei aller Anerkennung aber, die diese Seite der Thätigkeit der „Federation" jedem sicher abringt, darf man sich doch der Thatsache nicht verschliesen, dass die „Federation", soll ihre Arbeit von dauerndem Werte sein, ihr Arbeitsfeld wird bedeutend erweitern müssen, hauptsächlich nach der socialreforDelatorischen Seite hin, der die amerikanischen Zionisten bisher nicht d i e Aufmerksamkeit zugewendet hatten, die sie zweifelsohne verdient. Ueber die Nothwendigkeit einer socialen Reformarbeit, besonders unter den jüdischen Paupers, die hier in stets wachsender Anzahl aus Russland, Galizien und Rumänien einwandern, sind sich wohl die meisten der amerikanischen Zionisten klar; nur über die Art und Weise der Hilfsthätigkeit gibt es noch Meinungsverschiedenheiten unter ihnen. Die Philadelphiaer Convention ist nun dazu berufen, eine Klärung der Meinungen über diesen Gegenstand herbeizuführen und die Initiative zu verschiedenen Werken von bleibendem Werte zu ergreifen. Sie wird die Erwartungen, die die amerikanischen Zionisten an sie stellen, ganz gewiss rechtfertigen. Und auch für die europäischen Gesinnungsgenossen werden ihre Verhandlungen (über die in der „Welt" ausführlich berichtet werden soll) deshalb von weit grösserem Interesse sein als die ihrer drei Vorgängerinnen. * Gestern ist hier ein Comite zur Begründung einer jüdischen Universität in New - 7ork unter dem Vorsitze Dr. Isidor Singers, des verdienstvollen Begründers und Chefredacteurs der ^Jüdischen Encyklopädie", zusammengetreten, dem hervorragende Rabbiner, Financiers und Gelehrte angehören. Das Comite" hofft, die finanziellen Mittel zur Erhaltung dieser Hochschule, die auf 60.000 Dollars jährlich veranschlagt wurden, in Kürze aufgebracht zu haben, da ihm bereits von verschiedenen Seiten ganz bedeutende Subscriptionen zugesichert worden sind. Auch die Zusage hervorragender Gelehrter, die sich bereit erklärt hatten, in den Lehrkörper der neuen Anstalt einzutreten, besitzt das Comite schon. Ueber die Ziele, die den Begründern dieser Anstalt, die den Titel „New York University for Jewish Theology, History and Literature" führen soll, vorschweben, äusserte sich Dr. Singer Zeitungsberichterstattern gegenüber folgendermassen: „Die neue Universität hat sich bedeutend höhere wissenschaftliche Ziele gesteckt, als z. B. das „Union College" oder das „Jewish Seminary". Wir werden zumindest zwanzig Lehrer haben, und die Basis unseres Lehrplanes wird eine streng wissenschaftliche sein. Wir werden trachten, die Hörer des „General Theological Seminary" und des „Union Theological Seminary" zur Theilnahme an unseren Vorlesungen zu bewegen, da sie sich bei uns über gewisse biblische, sowie jüdisch-geschichtliche Thatsachen werden besser orientieren können, als in irgendeinem christlichen Seminar. Wir planen weiters Vorlesungen, die sämmtlichen Seelsorgern der Stadt New-York ohne Ausnahme zugänglich sein sollen." * Durch die amerikanische Presse gieng kürzlich eine Nachricht, wonach sich in Chicago eine Gesellschaft zur Erbauung eines mit allen Mitteln der modernen Theatertechnik ausgestatteten jüdischen Theaters in Verbindung mit einer Lehranstalt zur Heranbildung von Jargon- Schauspielern gebildet hätte. Falls diese Nachricht sich bewahrheitet, so verdient sie, von jedem jüdischen Volksfreunde auf das allerwärmste begrüsst zu werden. Denn wer es weiss, in welch schrecklich verwahrlostem Zustande sich das jüdische Theaterwesen Amerikas befindet, wird denen, die endlich Hand anlegen, um es zu reformieren, nicht nur alles Lob zollen, sondern auch thatkräftigste Unterstützung in moralischer wie materieller Beziehung gewähren müssen. Dass das jüdische Theater sich wie keine zweite Institution als Culturträger für die jüdischen Massen eignet, ist eine allbekannte Thatsache. Weniger bekannt freilich ist es, dass das jüdische Theater in Amerika in seinem heutigen Zustande viel eher darnach angethan ist, jeden bei seinem Publicum etwa vorhandenen Culturtrieb zu ersticken, als ihn zu fördern. Vonnöthen wäre es darum, vor der jüdischen Oeffentlichkeit einmal ein ernstes Wörtlein über das Siechthum des Jargon-Theaters und über die Möglichkeit seiner Wiederbelebung zu sprechen. Vielleicht geschieht dies in einem meiner nächsten Briefe. Jul. Z. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Jüdische Settlements. Wir berichten im Nachfolgenden nach dem „Jewish Comment" über das judische Settlement von Chicago. Die Settlements sind, seit wir das Institut der Toynbee-Halle kennen zu lernen Gelegenheit hatten, unserem Verständnis nähergerückt. Dient die Toynbee- Halle dazu, dass unseren Armen das geistige Brot gereicht werde, so ist der Wirkungskreis der Settlements grösser. Im Bereiche des Volksheims wird nicht nur für die geistigen, sondern auch für die körperlichen und wirtschaftlichen Bedürfnisse einer, je nach Anlage der Settlements, grösseren oder kleineren Menge gesorgt Es ist wohl nicht zu kühn, wenn wir der Hoffnung Ausdruck geben, dass das Jüdische Volksheim bald auch bei uns erstehen werde. Es heisst jetzt nur, das Institut der Toynbee-Halle ausreifen lassen, bis sie zu eirier wahrhaft populären und unentbehrlichen Anstalt geworden ist. Dann aber dürfen wir keinen Augenblick zögern, den Rahmen der Toynbee-Halle zu erweitern und jene socialpolitische Thätigkeit zu entfalten, die den Charakter der Settlements ausmacht. Die Gründung der Settlements, so beginnt der Bericht des „Jewish Gommen t", ist aus der natürlichen Erkenntnis hervorgegangen, dass die Schranken zwischen Arm und Reich fallen müssen. Es ist der vornehmste Gedankengang, der dazu geführt hat, schon im gesellschaftlichen Leben die sonst bestehenden Unterschiede zwischen Privilegierten und Proletariern zu beseitigen. Von diesem Geiste war die letzte Hälfte des 19. Jahrhunderts erfüllt. Das Judenthum war immer an der Seite derer, die den Wert der menschlichen Persönlichkeit hoch eingeschätzt haben. Es ist der Geist, der in der Tiefe des jüdischen Herzens schlummert, dass die Armut dieselben Rechte habe,* wie der Reichthum. Kein Wunder, dass sich Juden sofort für das Institut der Settlements begeisterten. Aber sie äusserten ihre Begeisterung nicht nur durch Unterstützung nichtjüdischer Settlements, sondern sie gründeten und leiteten solche auch für sich selbst Eines davon ist das „Jewish Social Settlement of Chicago". Das Chicagoer Settlement, auch als Maxwell Street School bekannt, liegt in einem Bezirke, der fast ausschliesslich von russischen Juden bewohnt ist. Diese Juden fristen ihr Dasein durch die verschiedenartigsten Beschäftigungen, grösstenteils nähren sie sich vom Hausierhandel und von der Schneiderei, andere sind als Cigarrenarbeiter und Diener thjatig. Inmitten dieser Leute und ihrer Familien Hessen sich im November des Jahres 1893 drei jüdische Jünglinge, graduierte Akademiker, nieder. Sie kauften ein schlichtes Haus in" der Maxwell Street, fanden die Mithilfe von ein paar anderen und begründeten ein Settlement. Es war anfangs

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