Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Article
- Ein Parteikampf in der Odessaer Abtheilung des "Vereines zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Russlands"
- Date
- 1901-06-14
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24 „Die & WelU* Seite 7 ständen handeln, so spricht dagegen ein unseren Augen vorliegendes Beispiel — das der Jaffaer Schule. Nicht bloss enthält das Programm dieser Schule jüdische Gegenstände, sondern der ganfe Unterricht wird in der hebräisehen Sprache geführt. Und welche Resultate sind denn erzielt worden? Nach 10 Jahren erklärte einer der ersten Repräsentanten der palästinensischen Bewegung (Achad-Häam) in seinem Journal „Haschiloach": .— „die Chowewe-Zion träumten bloss einen süssen Traum, Resultate seien keine erreicht worden". Und wir sehen umgekehrt — fuhr Herr Margulies fort — dass sämmtliche Schulen des Vereines trotz des mangelnden nationalen Geistes von Schülern überfüllt sind. Nur diejenigen treten nicht ein, denen die Aufnahme infolge des Mangels an Plätzen versagt wird. Soweit Herr Margulies. Es muss geradezu verblüffen, wie er den berühmten Achad-Haam als Kronzeugen gegen die nationale Schule ins Treffen führen konnte. Es ist wohl wahr, dass in dem speciellen Falle der Jaffaer Schule Achad-Haam durch die schlechte und missverständliche Realisierung der nationalen Idee und die unzureichende Administration enttäuscht wurde. Aber das konnte Achad-Haams nationalistische Weltanschauung auch nicht für einen Augenblick erschüttern.*) JVas aber die Ueberfülhmg der Vereinsschulen betrifft, so wurde ja von Dubnow hervorgehoben, dass diese Thatsaehe in keinem Widerspruche mit dem Nationalismus steht. Weder ist der Nationalismus bestrebt, den Strom der Civilisation von den Juden abzulenken, noch soll er es auch bestrebt sein. Doch wir wollen aber da nicht lange polemisieren, sondern die weiteren Thatsachen wiedergeben. Als einer der nächsten Redner trat Herr Rabinowicz (Ben - Ami) auf, um Herrn Margulies zu widerlegen. Er wandte aber — man muss es gestehen — Gründe an, welche weder den Eindruck der Ueberzeugung machen, noch jemanden überzeugen können. Er sagte nämlich Folgendes: Dieses ungeheuer grosse Streben der jüdischen Jugend zur europäischen Civilisation sei nichts anderes, als eine „Culturmode". Die Menge verlässt ihre nationalen Ideale und strebt darnach, was vorherrscht. Das sei — meint Herr Rabinowicz — sehr traurig und als einziger Hort könnte die Religion dienen. Herr Rabinowicz verlangte also vom Comite, es möge die Aufklärung, resp. die Bildung im Geiste einer religiösen Erziehung verbreiten. Es machte den Eindruck, als ob Herr Rabinowicz die „alte, gute Zeit" zurückrufen wolle, da noch die Juden, infolge der Ghetto-Bedingungen, in denen sie lebten, bei starrer Dogmatik vollständig fest verharrten und der „Oulturmode" durchaus unzugänglich waren, jene: Zeit, wo in Russland die damals sehr häufige Gründung jüdischer Schulen auf Initiative der Regierung jeder Provinzstadt als eine Strafe Gottes betrachtet wurde. — War vielleicht in dieser zweifelhaften Ueberzeugungskraft der Nationalisten die Ursache des Sieges ihrer Gegner zu suchen, oder war es durch das geradezu tadelhafte Vorgehen des Comites zu erklären, man muss die Thatsaehe eonstatieren, dass, nachdem der Kampf vom Wortstreit zum reellen Kampf um Macht und Einfluss übergegangen war, die Nationalisten vollständig besiegt waren. Kein einziger der von ihnen aufgestellten Candidaten (Dubnow, Achad-Haam, Ben-Ami) wurde zum Aussehus-> Mitglied gewählt; auch bei der zweiten Versammlung am ß. Mai, als Stellvertreter gewählt wurden, ist es den Nationalisten kaum gelungen, die Wahl Ben-Amis durchzusetzen; beide anderen (Dubnow und Achad-Haam) *) Mit Recht bemerkt „L'Ecbo Sioniste" zu den AHi.id- Haam betreffenden Ausführungen Margulies: „Geradezu unr.<s.-bar ist die Kühnheit, mit der Herr Margulies den Sinn der Äusserungen Achad-Haams über die Schule von Jaffa zu entstellen wagt. (Anm. der Redaction.) sind wiederum durchgefallen. Die Parteien scheinen diesen Kampf vorausgesehen und sich vorbereitet zu haben. Einerseits konnte man einige Wochen vor den Sitzungen einen zunehmenden Einlauf von Gesuchen um Aufnahme zu Vereinsmitgliedern eonstatieren, anderseits weigerte sich das Comite sorgfältig, diese Gesuche zu befriedigen. Die letzte Woche wurde vom Comite sogar direct der Beschluss gefasst, keine neuen Mitglieder bis nach der Plenarversammlung aufzunehmen. Während der letzten Sitzung waren auch „Gäste" anwesend, die „von hinter der Barriere hervor" ihren Beifall, bezw. ihren Tadel äusserten. Der Kampf beschränkte sich auch nicht auf die Räumlichkeiten des Clubhauses, wo die Versammlungen stattfanden, sondern ergoss sich in die Oeffentlichkeit. In den letzten Nummern der Odessaer Zeitung: „Juschnoje Oboscenije" finden wir eine Reihe von „Briefen an die Redaction", wo die eine oder die andere Partei vertheidigt, bezw. angegriffen wird. Endlich finden wir in der letzten Nummer der „Budustschnostj" eine Protestkundgebung, die wir wörtlich wiedergeben: „Im jüdischen Leben" — heisst es in diesem Protest — „ist vor kurzem eine Thatsaehe von grosser gesellschaftlicher Wichtigkeit in die Erscheinung getreten, eine Thatsaehe, welche die Seele jedes wohlgesinnten Juden empört. In der Odessaer Abtheilung des Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Juden Russlands wurde bei der letzten Wahl der Ausschussmitglieder gegen S. M. Dubnow, TT. J. Ginsburg (Achad-Haam) und M. J. Rabinowicz (Ben-Ami) gestimmt. Der her vor ragende jüdische Historiker, der angesehene jüdische Publicist und der talentvolle Schilderer des jüdischen Volkslebens — die aufopferungsvollen Kämpfer für die Erhaltung und die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, sind bei der Absti mmung durchgefallen. Die Geschichte und die Nachkommenschaft werden die ungeheuer grossen Verdienste dieser Männer und die hohe Stelle, die ihnen in der Sache der Aufklärung des jüdischen Volkes gebürt, preisen. Die Zeitgenossen aber, die Wähler des Odessaer Vereines, fanden, dass es für sie in einer Aufklärungsanstalt keinen Platz gibt. Wir finden es für nöthig, gegen diese Thatsaehe zu protestieren und laut zu erklären, dass wir diese Thatsaehe als eine beschämende betrachten. Dieser Protest ist von folgenden Persönlichkeiten unterschrieben: Dr. Sch. Lewin, Ingenieur M. Ussischkin, S. M. Stanislawsky, Ingenieur S. Palej, Dr. Gr. Engel, David Smoljanow, Ingenieur M. Brück, Dr. J. M. Doloschans L. Sute, Michail Majdansky, Ingenieur S. Lesinanii, B. Toporowsky. New-Yorker Brief. (Die vierte Convention der Zionisten Amerikas. — Eine jüdische Universität in New-York. — Eine Schule zur Heranbildung von Jargon-Schauspielern.) New-York, 29. Mai 1901. Für die vierte Jahresconvention der amerikanischen Zionisten, die für den 16. und 17. des nächsten Monates nach der pennsyl vanischen Industriestadt Philadelphia einberufen ist, gibt sich in den zionistischen Kreisen des Landes das lebhafteste Interesse kund, und es steht mit Sicherheit zu erwarten, dass auf ihr mehr als 150 Vereine aus allen Theiien der amerikanischen Union repräsentiert sein werden. Dass die Bewegung in den Vereinigten Staaten seit der letzten Convention, die' im Sommer des vorigen Jahres in den Räumlichkeiten der New-Yorker „Educational Alliance" stattfand und von 135 Vereinen beschickt war, an Ausdehnung bedeutend gewonnen hat, steht somit ausser allem Zweifel, und jeder aufrichtige Zionsfreünd wird den Leitern der „Föderation of American Zionists" für deren