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Die Welt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Article
Eine Hand wäscht die andere
Date
1901-06-14
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die & Welt" Nr. 24 Beinstellen ist Die Heuchelei hat bis in den gemeinsam, angeblich einstimmig angenommenen Aufruf ihren Weg gefunden, wenn da der Eindruck hervorgerufen wird, ohne dass es eben gesagt wurde, als ob die „Alliance'4 eine landsmannschaftliche französische Verbindung sei, die neben einer englischen „Anglo Jewish Association" und einer österreichischen „Israelitischen Allianz" stehe. Ich erinnere dagegen nur an die Entstehung dieser beiden Vereine und daran, dass der englische Bund „Anglo Je wish As so ciatio n in connection withthe Alliancelsraelite Universelle" officiell heisst. Die Gründung des „Englisch-jüdischen Bundes" hatte nichts mit Kriecherei und Schmeichelei gegenüber der englischen Begierung zu thun. Auch spielte jene Abwehrfeigheit nicht mit, die das Kolnidre-Gebet abschaffte, weil es den Antisemiten gefiel, es anzugreifen, und die geeignet ist, jene deutschen Juden als unpatriotisch hinzustellen, die nicht dem deutschen Hüfsvereine, sondern der allgemeinen „Israelitischen Allianz" fortan angehören. Und diese Herren wollen in erster Linie die sittliche Vervollkommnung der osteuropäischen und asiatischen Juden erreichen. Ich vermag hier nicht zu folgen, da ich mich nicht moralisch und ethisch genug fühle, um andere sittlich zu vervollkommnen. Ich habe noch genug an mir selbst zu thun. Aber so viel ist sicher, dass die russischen, polnischen, orientalischen u. s. w. Juden noch lange deutsch und ethisch bearbeitet werden müssen, um die sittliche Freiheit des Berliner Justizrathes zu erreichen, der in öffentlicher Protestversammlung die Hand zum Himmel erhebt: „Wir wollen für das Judenthum kämpfen und leiden", und der seine Kinder diesem selben Judenthum entzieht. Auch dürften diese Juden, entsprechend dem Umstände, dass sie in der grossen Masse arm sind, alle die zahlreichen moralischen und sittlichen Vorzüge der Thiergartenjuden nur schwer erringen. Immerhin wären Schulen, die deutsche Sprachfertigkeit und deutsche Röcke im Orient verbreiten, dazu das geeignetste Mittel. Denn eine solche Schule wird gegründet werden. Und sie wird dann geleitet werden nach den Intentionen eines unwissenden Allwissers und seines frommen Beichtigers. Die „einhellige Ueberzeugung", dass das Unternehmen einem wahrhaften Bedürfnis abhilft, hat insofern eine grelle Beleuchtung erfahren, als der einzige, der von den Anwesenden etwas von den Schulen im Oriente wusste und versteht, seine entschiedene Missbilligung öffentlich, mündlich und schriftlich aussprach. Und doch handelt es sich um ein wahrhaftes Bedürfnis, zwar nicht ein objectives, der Juden, denen man die „Wohlth at" zugedacht hat, sondern um ein subjectives der grossen und kleinen Herren, welche die „edlen Wohlthäter* sind. Und wenn ein Berliner jüdisches Blatt von „den bedeutsamen Berathungen" spricht, „welche als eine historisch-denkwürdige Veranstaltung bezeichnet zu werden verdienen % so ist dieses Attentat auf das Judenthum ebenso fest in unseren Ann alen zu bewahren, wie Herostrats That zu allen Zeiten ein Stück Hintergrund in der Geschichte menschlicher Gesittung abgibt. Wenn aber im Gegensatze zu der „lichtspendenden nationalen Cultur* von der „Noth der dahinsiechenden Judenheit Osteuropas und der orientalischen Länder" gesprochen, dieses Dahinsiechen als ein culturelles bezeichnet wird, so ist dies dem mächtigen culturellen und nationalen Aufstreben dieses Theiles der Judenheit gegenüber eine Frechheit, die nur von der Unwissenheit, mit der sie ausgesprochen ist, überboten wird. Ein Antisemit könnte die Juden nicht ärger beschimpfen. Doch, wird der Hilfsverein Erfolg haben? Er wird Erfolg haben. Erstlich wird er, wie gesagt, eine Schule gründen um des Prestiges willen. Sie wird ein Gemisch gein von jämmerlicher Zerfahrenheit, Cliquenwirtschaft? frömmelnder Muckerei und freisinnig ethischer Heuchelei. Und weiter wird sie den Erfolg haben,, dass die Herren von der „Alliance" und der Ica in Paris erfahren, wer die Intrigaanten in Berlin sind. Sie brauchen nur die nich tunterschriebenen Namen zu lesen! Freilich werden auch Misserfolge nicht ausbleiben, die aus den grossen Fehlern und der Leichtfertigkeit hervorgehen werden, mit der man arbeiten wird. Die wir dm an wie bisher gewissenhaft auf die Schultern desZionismus und der Zionisten abladen. Wir sorgen nicht darum! Ferner wird der Verein erreichen, dass einige Leute, die vielleicht ganz nützliche türkische Bürger hätten werden können, neumodische Hosen tragen, deutsch mauscheln und gewisse hier nicht näher zu bezeichnende Geschäfte lernen werden. Das sind die Erfolge, die für den Orient zu erwarten sind. Auch Preussen selbst wird seinen directen Vortheil davon haben. Der eine wackere Herr wird für seine Mühewaltung im Dienste des entstandenen Werkes Landtagsabgeordneter werden, der zweite wird in Berlin für den Reichstag candidieren und der dritte Herr und Obermacher Generalsecretär des „Hilfsvereines der deutschen Juden" werden. Dakann der Erfolg nicht ausbleiben! Charlottenburg, den 9. Juni 1901. Dr. Heinrich Loew.e. Ein Parteikampf in der Odessaer Abtheilung des „Vereines zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Russlands". Von Jacob Schon*. Nie hat dieser Verein derartig stürmische Scenen erlebt, wie sie die Parteikämpfe heraufbeschworen, welche in den letzten Versammlungen des Vereines am 28. April und (). Mai 1. J. zwischen den Nationaljuden und den Assimilanten ausgetragen wurden. Der berühmte Historiker Dubnow war es, der den zündenden Funken ins Pulverfass warf. Dubnow stellte die Forderung auf, es sei die Thätigkeit des Vereines mit nationalem Geiste zu erfüllen. Die Judenverfolgungen der letzten Zeit und andere positive Momente haben, so erklärte er, das nationale Gefühl der Juden geweckt, und dieses Gefühl heischte nun Befriedigung. Die nationale Bethätigung sei zu einem Bedürfnis der zeitgenössischen Judenheit geworden. Der Verein aber ignoriere dieses Bedürfnis. Für ihn sei der Zeitgeist noch immer eine unenträthselte Sphinx. Es sei ein grosser Irrthum, zu glauben, dass das Streben nach Nationalisierung der Volksbildung in irgendeinem Widerspruch zu den Bestrebungen stünde, die allgemeine europäische Cultur zur Grundlage der Bildung machen wollen. Man werfe doch einen Blick auf die immer grösser werdende Zahl der jungen Leute, die, erfüllt von national-jüdischer Gesinnung, sich dennoch in die grösseren Cultur-Centren förmlich drängen, um da eine europäische Ausbildung zu gemessen. Das sei ein lebender Beweis für die Möglichkeit einer Verbindung voj) Nationalismus und. Aufklärung. Als erste Einrichtung, mit der die Nationalisierung beginnen soll, empfiehlt Herr Dubnow den Unterrieht in der hebräischen Sprache, Geschichte und Literatur, der in den vom Vereine subventionierten Schulen zur Einführung gelangen soll. Mehrere Eedner opponierten sofort Herrn Dubnow, als Generalredner der gegnerischen Partei aber rauss der bekannte Publicist Margulies betrachtet werden. Herr Dubnow — sagte Herr Margulies — spricht von nationalem Geiste. Wir hören schön seit 3 Jahren dieses Lied. Niemand aber ist imstande, zu erklären, worin eigentlich sich dieser Geist äussert. Soll es sich um den Unterricht in jüdischen Gegen-.

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