Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Article
- Zur Landes-Conferenz der galizischen Zionisten
- Date
- 1901-06-14
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24 „Die # Welt" Seite 5 Eine besondere Aufmerksamkeit wird die Conferenz und mit ihr die ueuzuschaffende Organisation der Frage der geistigen Hebung widmen müssen. Das grösste Hindernis für die Verbreitung von Bildung und Aufklärung unter dem Volke ist das Analphabetenthum. Wir sind in der glücklichen Lage, keine Analphabeten zu besitzen, denn fast jeder galizische Jude kann Jargon lesen, und ein grosser Theil versteht auch hebräisch. Wir haben die Möglichkeit, das gedruckte Wort in die weitesten Kreise dringen zu lassen, und müssen sie vollauf benutzen. Es wird sich darum handeln, das hebräisch lesende Publicum von der unfruchtbaren Pilpulliteratur abzulenken und ihre Aufmerksamkeit für die Erzeugnisse der neuhebräischen Literatur zu wecken; es wird sich darum handeln, Jargonbücher und -Broschüren, die geeignet sind, das Wissen und den Horizont der Massen zu erweitern, ihnen Vorurtheile und Aberglauben zu benehmen, herauszugeben und zu verbreiten. Von den vielen übrigen Fragen, die am Parteitage werden erörtert werden, wollen wir nur noch die Eroberung der Cultusgemeinde erwähnen, eine Frage von grösster Wichtigkeit, in der vieles in Galizien versäumt worden ist, was man jetzt mit doppelter Energie nachholen muss* Die Delegierten bringen zum Parteilage eine grosse Verantwortung mit. Von ihrem Arbeitswillen und Ernste wird es abhängen, ob die Conferenz ein Resultat liefern, ob sie den Beginn der positiven zionistischen Thätigkeit in Galizien bilden wird. Wir erwarten und werden ihnen dafür Dank wissen, dass sie ihre Pflicht t h u n. al. Eine Hand wäscht die andere. Betrachtungen eines deutschbürtigen Juden, Die Nachäfferei und Nachpfäfferei ist verständlich bei einer Nation, deren Zerstreuung unter fremden Völkern sie in fremde Gedankenkreise zwingt. Wenn trotz ihrer Lage aber heute noch die Juden selbstbewusste Leute unter sich haben, die sich nicht rückhaltslos in eine fremde Gedanken- und Gefühlswelt zu versenken, sondern ihr jüdisches eigenes Selbst zum Ausdrucke zu bringen sich bemühen, so muss man das als den treffendsten Beweis der unerschütterten Lebenskraft dieses Stammes ansehen. Freilich si id darum die Juden noch kein gesundes Volk; aber sie dürfen sich der Hoffnung hingeben, wieder ein gesundes Volk zu werden. Die Juden fühlen sich doch in der Idee, wenn auch unbewusst, vereinigt und als eine Gesammtheit. Immerhin ist das Solidaritätsgefühl im volklichen Sinne schwach und wenigstens in Mitteleuropa bisher im Schwinden gewesen. Ehrliche Leute, die das Judenthum ohne Eigennutz liebten, haben sich daher bemüht, kräftige Stützpunkte zu schaffen, an denen sich das gebeugte Selbstbewusstsein aufrichten könnte. Das unvergänglichste Verdienst haben sich für die Erhaltung des Judenthums die Schöpfer der „Allgemeinen Israelitischen Allianz" erworben, deren Ruhm es sein wird, während der ganzen Zeit ihres Bestehens von jüdischen und nichtjüdischen Neidern und Feinden angegriffen zu sein. Ihre Namen Karl Netter, Narcisse Leven, Jules Carvailo, Eugene Manuel, Aristide A s t r u c und Isidore Cohen werden in der Geschichte der Juden und des Juderithums unvergessen bleiben. Der Zweck des allgemeinen jüdischen Bruderbundes sollte es sein, für die bürgerlichen Rechte und den culturellen Fortschritt der Juden aller Länder thätig zu arbeiten und dort helfend einzuspringen, wo Stammesgenossen Liden, weil sie Juden sind. Die Gründung der „Alliance israelite universelle", die aus durchaus national-jüdischen Gefühlen hervorgieng, ist neben der Entstehung und Organisierung des Zionismus die grösste und nationalste That des jüdischen Stammes in der Neuzeit. Die Existenz dieses Bundes ist der dauernde Protest gegen die deutschthümelnden Salbadereien fremdbürtiger Rabbiner, die ihre Einwanderung vom Auslande vergessen machen wollen, eine unsanfte Mahnung an die Herren vom Thier- und Palmengarten, dass sie keiner vornehmeren Geburt sind als jene Juden, die sich auf die Parvenu-Spalten in „Simplicissimus" und „Fliegenden Blättern" bisher kein Anrecht erworben haben. Die „Alliance israelite universelle" ist diesen Herren Juden nicht bloss deshalb unbequem, weil sie zum bewährten Lügenobject unserer Feinde geworden ist. Doch das alles hätte wohl einen Grund abgegeben, dass man jede Möglichkeit vernachlässigt hat, für die „Alliance" zu werben und zu arbeiten, während es eine E hren pflicht jedes Juden wäre, diesem Bruderbunde anzugehören. Aber es hätten alle diese Gründe nicht ausgereicht, jemals die Gründung eines „Hilfsvereines der deutschen Juden" zu veranlassen. Denn die „Gründer" dieses Hilfsvereines der deutschen Juden sind himmelweit davon entfernt, aus Liebe zu Juden und Judenthum etwas, zu thun, das bisher nur denen von ihnen ewas Greifbares eingebracht hat, deren Amt und Würde leider das Judenthum als Kleidersaum verbrämt. Es handelt sich so sehr um einen directen Angriff auf die „Alliance", dass es die Herren Redner des Hilfsvereines für dringend nothwehdig erkannten, sowohl bei der Gründung, als auch in ihrer ersten Propaganda-Versammlung ihre gewichtigen Reden mit der Versicherung einzuleiten, dass sie keiner der bestehenden Organisationen feindlich oder hinderlich in den Weg treten wollen, obgleich ihre ganze Taktik der „Allianz" gegenüber am besten in dem Satze zusammenzufassen wäre, getrennt von ihr zu marschieren und vereint .auf sie zu schlagen. Nicht aus Liebe zur Religion — denn die meisten der Herren „Gründer" glauben an keinen Gott— und nicht aus Anhänglichkeit an ihre Nation — denn deren Existenz leugnen sie alle — sind diese Herren zur Gründung ihres Vereiues geschritten, sondern, wie sie in ihrem Aufrufe sagen, „um als deutsche' Juden deutsche Sprache und deutsche C u l t ü r j e tve n unserer Glaubensgenossen zu bringen, denen der Anschluss an unser geistiges Leben für ihr wirtschaftliches Fortkommen und für ihre inteilectuelle Entwicklung das Gebotene ist". Die Herren von Börse und Kanzel können doch unmöglich von den Russen jüdischen Glaubens oder den Türken mosaischer Confession verlangen, dass sie sich dem Deutschthum an den Hals werfen sollen, ganz abgesehen davon, dass ja die Devise dieser Herren „Gründer11 lauten soll: „Ans Vaterland, ans theure, schliess' Dich an, das halte fest mit Deinem ganzen Herzen!" Sie sollten im Gegentheile alles thun, um diese Russen ganz dem Moskowiterthum, die Osmanen ganz demTürkenth u m zuzufahren. Wenn dann die j iidischen Rechtsanwälte und Justizräthe in Jassy oder Smyrna ihre Kinder als Protestanten erziehen, und nur noch der Glaube, an den die reichen Herren ihre Rabbiner glauben lassen, uns einigt, dann wäre das Ziel dieser weisen Nathans erreicht. Diese Völkerverbrüderung besteht lediglich im sorgsam' vorbereiteten Untergange der jüdischen Nation! — — Das ist ja aber eben einer der grossen Fehler, den die jetzige Leitung der „Allianz" gemacht hat, dass sie glaubte, den Juden im Orient durch europäische Sprache und Culturformen Nutzen zu bringen; ihr grosser Irrthum, der ihr so oft zum Vorwurfe gemacht wurde, und von dvm sie gerade in jüngsterZeit zurückzukommen beginnt. Die„A!linn/u fängt endlich an, vernünftigerweise das- Französi che durch die Landessprache und das Hebräische zu ersetzen. Aber was liegt denn den „Gründern" am Deutschthum? Es ist erlogen und erheuchelt, ganz wie ihr Angriff auf die „Alliance" kein ehrlicher und offener, sondern" ein feiges