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Die Welt · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Article
[Kommentar]
Date
1901-06-07
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die £ Welt*1 Nr. 23 nicht erkennen sollte, dass man es hier mit einer wahren Persönlichkeit zu thun habe. Bei uns ist diese Art der Kunstzeichnung, die sogenannte schvvarzweisse Technik, sehr wenig bekannt. Desto grossere Anerkennung verdient es, dass die hiesige (Lemberger) Verlagsfirma Altenberg ein grosses Album Lilien'scher Arbeiten herauszugeben beschloss. Das Werk erscheint im Herbst. Mit der Abfassung des Vorwortes wurde Herr Siegmund Bytkowski betraut. Juden-Lieder/) Von Adolph Donath. IX. Sehr, um dieses Stückch n Brot Werde ich beneidet, Weil ich nur ein Jude bin, Weil mein immerstolzer Sinn Für die Kinder schafft und leidet. Fraget nicht, warum der Fluch Sich ins Volk geschlichen, Zeigt, dass Ihr die Arbeit ehrt, Zeigt, dass Ihr der Arbeit wert, Der Ihr niemals ausgewichen! X. Fühlt Euch stärker als die ander'n, Denkt an Eure alten Zeiten, Und die Sonne jener Tage Wird auch heute Euch geleiten! Aber schämt Euch nicht, wie Menschen, Die sich immer drücken lassen, Die aus blosser Furcht ihr eig'nes Unverstand'nes Leben hassen! Esther Wie wird dein. Angesicht so bleich, Was sinkst du zitternd vor mir hin, 0 Weib, der Sonne selber gleich, 0 Esther, mein Königin! Mit deiner Blicke Flammenstrahl' Hast du mein Herz zur Glut entfacht, Dass es in grausam süsser Qual Nur dich begehrt bei Tag und Nacht! Zehntausend Jungfrauen sind geschmückt, Mich liebebrennend zu umfangen; Doch du allein hast mich, entzückt Mit deinen blütenfrischen Wangen, Mit deinem rosenroten Mund, Mit Augen, wie ein Märchentraum, Mit deiner Brüste zartem Bund, Weiss wie der Schnee vom Kirschenbaum! Vor allen Frauen wunderbar Bist du - mit Anmut reich geschmückt; -Mit deinem rabenschwarzen Haar Hast du mein Königsherz umstrickt! 0 Esther, schön und sonnengleich, Was je yon mir dein Herz begehrt; Und wär's mein halbes Königreich, Dir ist die Bitte schon gewährt. Berlin. Dolorosa. *) Fortsetzung der bekannten „Juden-Lieder" des Dichters» die wir bisher nach ihrer Reihenfolge in der „Welt11 zum ersten Abdrucke brachten. Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute. Von M. J. Berdyczewski. (Fortsetzung.) XL Es war an einem Abend des Spätsommers. Es hatte eben zu regnen aufgehört, die Luft war kühl und windig, und die Heerstrasse lag im Halbdunkel; kein Wände* er war zu sehen, und die Bäume zu beiden Seiten des Weges schlummerten unruhig in ihrer Nässe. Da rasselte durch das Stadtthor zu Turnowa eine Kutsche, auf deren Bock ein müder Bauer und in deren Innerm ein Mann in einem Wintermantel sassen. Der Wächter glaubte, da er das Glöckchen hörte, es wäre die Post, und rieb sich die Augen, die wieder zufielen, und die Pferde trabten nach dem schlafen len Turnowa und machten vor dem einzigen Einfuhrhaus Halt. Das sah im ganzen wie eine dunkle graue Masse aus, die sich durch das riesige Dach von anderen Häusern abhob. Der Bauer machte sich «in der Ausspannung zu schaffen, trocknete die Pferde ab und schalt über das spärliche Licht und das schlechte Heu, das er vorfand, und der in den Wintermantel gehüllte Mann wurde aus einer sich gleich ihm gegenüber einstellenden Ehrfurcht in ein Separatzimmer geführt, wo bereits ein Kosak und ein paar Ochsenhändler schliefen. Die taube Magd rüttelte sich auf, brachte dem Gaste Thee und blieb unschlüssig an der Thüre stehen, der Kosak schnarchte und drehte sich wohlgemuth zur Wand; und der Angekommene setzte sich an den Tisch und goss mechanisch das heisse Wasser ins Glas. Er hatte noch nicht zu trinken angefangen, als der Wirt in seinen gemächlichen Unterhosen im Zimmer erschien. Er reichte dem Fremden die breite Hand zum Friedensgrusse und begann langsam das übliche Verhör: „Wer seid Ihr, junger Mann? Wie ist Euer Name? Woher kommt Ihr und wie viel habet Ihr dem dummen Bauer für die Fahrt gegeben? Wollet Ihr bei uns ein Web nehmen oder sonst etwas kauten? Ihr seid wahrscheinlich reich. Seid Ihr deräleste Sohn? Wie heisst denn Euer Vater? Wollet Ihr Weissbrot zum Thee haben? Thut Ihr Euch vor dem Essen die Hände waschen? Seid Ihr fromm? Nein, Ihr scheint nicht fromm zu sein, denn Ihr traget einen kurzen Rock. Wo habet Ihr diesen Kittel gekauft? Dieser Koffer scheint von Leder zu se!n. Auch dieser Stock gehört Eu h? Ein feiner Stock, sage ich Euch. Seht ich bin bereits ein alter Mann. Meine Frau ist todt, die Selige hat sich genug abgeplagt auf dieser Welt. Was ist das ganze Leben? Sind bei Euch auch die Soldatengesetze? Ihr könnt mir a'les sagen, was Ihr vorhabet. Verkaufet nicht ohne mich. Wollet Ihr aber eine Braut, dann gebe ich Euch ein Prachtmädel, eine Schönheit, sa^e ich Euch, und Geld hat sie, nur werdet Ihr gut thun, hier den kurzen Rock abzulegen. Wozu braucht Ihr denn das? Gott, Ihr schlaft ja schon! Wartet mal, ich werde Euch gleich das Bett machen lassen. Scheint aber dieser dumm zu. sein. Martha, Du, Taubpelz, was stehst Du da? Hat man schon den Pferden Futter gegeben? Ein unzuverlässiges Pack seid Ihr alle. Bringe die Betten her, Du R ndvieh, ein Ochse bist Du und eine Kuh. Vergiss Dicht, dem Herrn Wasser zu geben, Du, Du Siegellackzunge.* Als der Morgen anbrach, erfuhr ganz Turnowa, dass ein junger Mann namens Menasse gekommen sei; er wohne bei Schalte! Wolf und sei aus Krementschug. Da>s es dort weit, weit eine solche Stadt gebe, wo d^ Juden sich „deutsch" kleiden, wüsste man von Hörensagen und man dachte dabei: Eine schöne Art Juden muss das sein! Dass aber einer von dort selbst nach Turnowa gekommen sei und unter ihnen weile, machte sie bedenklicher als je. Bereits standen die Busstage vor der Thüre, und man vernahm schon das trübe Geblase aus dem frommen Horn. Altes Weh war erwacht und schmolz mit der letzten Kunde zu einer neuen Angst;

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