Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Article
- Zwei jüdische Romane [Rezension]
- Date
- 1901-06-07
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315929-3397502--26514-3397586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „Die jfr Welt" Nr. 23 dieAnsichten ihrerLeserzuerrathenund ihnen zu schmeicheln, die Presse, die um jeden Preis die Schlägworte des Tages vertheidigt, vertreibt die Idealisten schleunigst und gründlich, wie er die Wahrheit vom Geschäfte geschlagen sieht. Sein erfind ericher Geist weiss auch jetzt noch Wege zum Ziele. Er wird ein neues Jung-Deutschland gründen, eine neuphilosophische Schule, die das Vertrauen der Christen haben wird, weil ihre Mitglieder Arier sind. Nach der Umschau um Studienfreunde, um taugliche Denker sucht er Hans Förster auf, den er als wüthenden Kämpfer gegen den Stumpfsinn des Tages kennt, ihn will er zu seinem Dogmatiker unter den Studenten erziehen. Kurt Förster, dessen Cousin, erscheint ihm geeignet, unter der Jugend der intelligenten Berufe zu wirken. Auch da harren sein er bittere Entäuschungen. Dem Verstände ist leicht zu gebieten, dem Herzen schwer. Die Freunde hören, aber sie folgen nicht. Die Sophistik modern er Oekonomie hat auch sie ergriffen, sie streben nach Besserung nicht mit dem Juden, sondern gegen ihn. Hans Förster schliesst. das Bekenntnis seiner Verzweiflung am Erfolge mit Selbstmord. So weit ist Zlotnicki noch nicht Hat auch in das Netz seiner weltumspinnenden Pläne jeder Tag beinahe ein Loch gerissen, hat er auch fortwährend Schritt wechseln müssen, um endlich doch vor einem unübersteigbaren Spalt haltzumachen, er hat doch noch eine Hoffnung. Er wird zugleich ein Beispiel seiner Worte sein, zugleich ein glücklicher Mensch. Wenn ihn die Männer nicht erhört haben, die Frauen werden es thun; aber unverstanden gleitet die Aufregung seiner vermeintlichen Liebe an Marthe Förster ab, die nicht einmal versteht, was er will, was der Jude will. Der Traum ist aus. Schon sieht fürchterlich oftZlotnickis Auge den Leichnam Hans F örsters visionär erscheinen, rufend, lockend. „Die Reinheit unserer Frauen wird Euch erlösen", steht geschrieben. Ein jüdisches Mädchenherz steht weit der irrenden Seele offen, in Güte und Liebe und Schönheit hebt lächelnd ein jüdisches Mädchen den Alp von Emils bedrängter Brust, und in der Ahnung hohen Glückes betritt er die Schwelle der jüdischen Heimat. Sie haben es leicht, die Modernen des Schriftthums. Ein vielgestaltiges Lehen bietet ihnen der interessanten Momente genug. Wo es am bewegtesten ist, wo Handlung an Handlung im aufgeregtem Kampfe vorüberzieht, hat esJaffe abgeschrieben und bringt in flotter Zeichnung jedes Licht und jeden Schatten. Er malt schlichte und darum um so packendere Bilder des Judenthums unserer Zeit und wir können ohneweiters jeder seiner Figuren Namen aus unserer Bekanntschaftsgaben. J a f f e zeigt brillant die seltene Kunst, alles fesselnd und neu darzustellen. Nicht ein bischen Tendenz hat seine schriftstellerische Delicatesse gestört, mit der er unseren Reflexionen den breitesten Spielraum gewährt. Selbstredend musste er bei der Schilderung des Judenlebens die schon überall anwesenden Zionisten erwähnen. Sein Held kommt gerade am Schluse mit ihnen in Berührung, sein Held beginnt jüdisch zu denken. Wir warten auf die Geschichte des Zionisten Zlotnicki. * Im Lande der Noth. Von Rosa Pomeranz. (Verlag S chottlaender, Breslau.) Dieses Buch werden die Verfechter der Frauenemancipation in Kürze als schlagendes Document für ihre Ansichten ausgeben. Die Bezeichnung als Roman, noch dazu von einer Frau geschrieben, lässt von vorneherein eine unbehagliche Erinnerung an die trüben Erfahrungen unseres Geistes auftauchen, wie sie nach solchen Signaturen gewöhnlich folgten. Doch schon nach den ersten Seiten respondiert ein unbewusstes Bravo auf die sprudelnde Natürlichkeit eines berufenen Geistes, und das Compliment für die Verfasserin wird umso tiefer, je weiter wir in der Leetüre uns befinden. Es ist aber das Buch, behaupten wir, gar kein Roman, sondern eine Reihe Culturnovellen, von dem Schicksal immer derselben Personen geschickt zu einem Ganzen verbunden. .... Wenn von unseren Brüdern die Rede ist, bekommen, wir Juden selten einen Accord des klingenden, des schönen Lebens zu hören. Meist erschüttert unsere Seele die Tragik . ihres Lebens, die Poesie ihres Schmerzes. So auch hier*, Naturgemäss — weil ja ein dunkler Winkel des Judenthums uns in heller Beleuchtung gezeigt wird. Galiziens \ Judenleben, wie es sich zwischen der Rabbinerklaus und dem Markte abspielt, wird uns nach liebevoller und genauer Beobachtung interessant vorgeführt. Dem Tischler genau so wie dem Wunderrabbi sehen wir zu, durch keine tragischen Verwicklungen des Stoffes interessiert, bloss durch ihr Leben. Von Lemberg bis Sadagora ziehen skioptikonartig die Bilder des Ghettos an uns vorübermit den Kämpfen zwischen Ehrlichkeit und der alles bezwingenden Noth, zwischen Tradition und Reform, zwischen den Forderungen des Kopfes und denen *des Herzens. Die Advocaturskanzlei des jüdischen Polen steht unseren Blicken genau so offen, wie die Thür in die bei hohem Wasserstande überschwemmte Wohnung Schmules des Getreidemaklers, Wahlagenten etc. etc. Was hinter ihrer ewig heissen Stirne brodelt, was die treibende Kraft all ihrer Handlungen ist, wie sie mit ihrer Frau sprechen und wie mit ihrem Abgeordneten, all das ist mit der Treue und zuverlässigen Wahrheit des langjährigen Nachbarn geschrieben. Die Verfasserin lehrt ihn uns nicht nur kennen, sondern auch lieben, den Benjamin Rachels, den Sohn ihrer bittersten Schmerzen. Das Werk wird als vielbegehrte Bibliotheksnummer verdientermassen seinen Weg machen. Nebst unserer rückhaltslosen Anerkennung registrieren wir noch eine interessante Thatsache darüber. Die Zionisten occupieren darin ein paar Zeilen. Die wollte 1897 der Verleger ausgemerzt haben, heute findet er und das Publicum sie selbstverständlich. , Emes. ^eitsebpifaet)- ui)d J|äcbep* Rundschau Blätterstimmen über den Empfang Dr. Herzls. CJeber den Empfang Dr. Herzls durch den Sultan liegt uns eine grosse Anzahl von Blätterstimmen vor. Mehr noch als die jüdischen Blätter, beschäftigt sich die öffentliche europäische Presse mit dem Ereignis., Auf die Combinationen, die von den verschiedensten Blättern, insbesondere englischen und französischen, an die Audienz geknüpft werden, können wir natürlich nicht eingehen; doch constatieren wir gerne, dass nahezu sämmtliche Blätter in ihrer Beurtheilung der Audienz dem Zionismus gegenüber eine freundliche oder zumindest objective Haltung einnehmen. Die jüdische Presse, so weit sie nicht zionistisch oder zionsfreundlich ist, hat eine Methode gewählt, die unser Urtheil über sie nicht ändern konnte. Mit Ausnahme des „Jewish Chronicle". dessen vorurteilslose Behandlung der Thatsachen wir mit Vergnügen anerkennen, hat kein einziges Blatt die Ehrlichkeit und den Muth besessen, dem Ereignis auch nur ein klein wenig näher zu treten. Ebendieselben Blätter, die die antizionistischen Sensationsnachrichten dieses Winters in langen Spalten erörtert haben, verstehen es, selbst die einfache Thatsache der Audienz ganz zu verschweigen, oder in irgendeiner tendenziös entstellten Form zu bringen, wenn sie es nicht gär vorziehen, sich mit recht kläglichen journalistischen Kniffen zu helfen, von der Art zum Beispiel, dass sie die Nachricht in die unmöglichste Rubrik versetzen. Wir haben wieder einmal bestätigt gefunden, dass es zwecklos und unser unwürdig ist, diese Sorte von Gegnern ernst zu nehmen. Die zionisti-