Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Article
- Der Schekel
- Date
- 1901-06-07
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 „Die # Welt46 Seite 5 eine demokratische Partei. Wir haben unsere Palame, zu der gleichberechtigte Juden gleichberechtigte Delegirte wählen. Jeder einzelne vermag. Einfluss zu nehmen auf die Entscheidungen unserer Führer, die aus unserer freien Wahl hervorgegangen sind. Anders nxls im politischen Lehen der Völker steht es bei uns. Dort hat die Gleichheit der Pflichten die Gleichheit der Rechte ertrotzt. In unseren Reihen soll die Gleichheit der Rechte das drängende und zwingende Gefühl von der Gleichmässigkeit der Verpflichtungen erzeugen. Es bedarf sicherlich nur dies erneuten Hinweises., um in jedem Zionisten spornendes Pflichtgefühl zu wecken. Wir werden unsern Tribut entrichten, mit derselben bedingungslosen Selbstverständlichkeit, mit der ein verständiger Bürger für die Zwecke des schützenden Staates seine Steuern zahlt. Den Juden fehlt leider dafür oft das rechte Verständnis. Sie geben für jüdische Zwecke nur mit der Miene der befriedigten Philanthropen. Das ist ein trübes Zeichen der Erstarrung, der Morschheit. Es muss überwunden werden. Wenigstens von jedem Zionisten, der sein Judenthum nicht als eine vererbte, todte Last schleppt, sondern es mit stolzer Besitzfreudigkeit sein Eigen nennt. Uns muss es dn Fleisch und Blut übergehen, dass Opfer für Brüder, für Volk und Staat keine „Wohlthaten", sondern selbstverständliche Verpflichtungen sind. Unsere Parteisteuer ist der Schekel — ein Wiederaufleben des Zählung»- und Besteuerungsmodus unserer Ahnen auf der Wanderung ins Heimatland. Auf dem ersten Baseler Congress ist festgelegt worden, dass jeder Jude, der das Programm des Zionismus anerkennt, seinen Sehekel entrichte. Auch alle diejenigen sind dazu verpflichtet, die sieh aus persönlichen oder irgendwie sachlichen Gründen der städtischen oder Landesorganisation nicht eigens angeschlossen haben. So ergeht denn an alle Vertrauensmänner — man fasse diesen Begriff nicht etwa büreaukratisch auf! — die Bitte, mit aller Energie für die Erhebung des Sehekels Sorge zu tragen. Es wird ihnen hoff entlieh eine mühelose Arbeit ein, weil jeder Zionist sich freiwillig melden wird. Drum, Genossen, freudig ans Werk! Grosse Aufgaben harren uner. Hohe Anforderungen wird das kommende Jahr an uns stellen. Unsere Führer vertrauen auf uns. Jetzt, da sie einen bedeutsamen Schritt vorwärts gekommen sind, fordern sie, dass wir unsere Anstrengungen verdoppeln. 'Genossen! Gedenket des S c h e k e 1 s! Genossenschaftliche Judencolonisation. Der durch seine Theorie der Siedlungsgenossenschaft bekannte Nationalökonom Dr. Franz Oppenheimer, von dem wir demnächst einen Originalartikel bringen, hat in Berlin einen Vortrag gehalten, den er uns freundlichst zur Verfügung gestellt hat. AVir entnehmen demselben die nachstehenden bedeutsamen Ausführungen über die Co- Ionisierung von Juden: Man hat bisher die Einzelansiedelung versucht, das ist sehr häufig missglückt. Sie macht den Menschen selbstsländig, ehe er wirtschaftlich mündig geworden ist; „sie lässt den Armen schuldig werden, dann überlässt sie ihn der Pein, denn jede Schuld rächt sich auf Erden". Die hauptsächliche Schuld der schlecht beratenen Organisatoren liegt darin, diese Menschen Landwirte werden zu lassen, ehe sie die physische Kraft, ehe sie die Kraft der Nerven erlangt haben, ehe sie die manuelle Geschicklichkeit und das Verständnis für ihren neuen Beruf erhalten haben. Man hat ihnen von Jahr zu Jahr Zinsen stunden müssen. Man begreift gar nicht, dass es selbst mit dem Käthe des besten Landwirts dem Ansiedler 'nicht möglich ist, auszukommen, wenn die Kraft fehlt, und die Gewohnheit der Handgriffe, die tägliche Methode der kleinen Praxis mangelt. Die Folge ist, dass man diese Einzelansiedler sehr häufig hat unterstützen müssen. Man hat ein sociales Unternehmen mit Almosen weiter gefristet, und Almosen waren und werden immer sein der Tod eder socialen Bestrebung. AVer eine gute, wirtschaftliche, sociale Sache mit absoluter Sicherheit zerstören will, der schenke! Es wird durch Almosen dasjenige zerstört, was das Rückgrat und die höchste Kraft jeder wirtschaftlichen Bewegung ist, die Selbst Verantwortung, das Selbstinteresse. Das haben alle Reformer auf dem socialen Gebiete erfahren, das hat Schnitze-Delitzsch, der grosse Propagator der Genoscsnschaft, wie sein conservativer Zwilliiigsbruder Aime Huber, das hat der christliche Socialismus Englands nach schmerzlichsten. Erfahrungen aufs Deutlichste erkannt. Das hat erst kürzlich wieder in Südaustralien bei hochinteressanten staatlichen Colonisationen am Murray der Minister erfahren müssen. Wenn die Leute wissen, dass hinter ihnen eine bereite Hand und ein offener Geldbeutel steht, so consinnieren sie mehr als sie sollen. Das ist menschlich, und schon aus diesem Grunde, weil die Einzel colonistion jahrelang nicht anders zu erhalten ist als durch Almosen, ist sie eine höchst bedenkliche Colonisationsform für die osteuropäischen Juden, und ist die genossenschaftliche Colonisation vorzuziehen. Hier waltet eine merkwürdige "Verschiebung der Verhältnisse vor. Hier ist die Persönlichkeit, die von wohlmeinenden Capitalisten gefördert wird, nicht der Einzelne, sondern die Genossenschaft, eine juristische Person, die nun wieder den Einzelnen an den Vortheilen theilnehmen lässt. Es ist damit die Schädigung des Geschenkes, des Almosens, abgeschwächt; es beeinflusst den Einzelnen nicht so sehr, wenn auch die Genossenschaft als solche leichtere Bedingungen erhält. Beispielsweise kann man ihr Capital zu billigen Bedingungen vorstrecken; die Verpflichtung, die der Einzelne trägt, wird in ihrer Höhe gemildert,, aber er bleibt verpflichtet, sie zu erfüllen. Er wird in seiner wirtschaftlichen Selbstverantwortungskraft nicht derartig ger schwächt. Ferner aber wird in der Genossenschaft das Solidaritätsgefühl auf das Höchste gesteigert, und es ist dadurch möglich, solcher Genossenschaft von. wirtschaftlichen Subjecten beträchtlich höhere Creditc zu gewähren als den Einzelnen. Denn wie auch die juristische Form der Genossenschaft sein mag, ob mit beschränkter oder unbeschränkter Haftung, im Wesen und. de facto ist eine Genossenschaft von. Landbauer]i unter allen Umständen solidarisch verpflichtet, denn der Zusammenbruch der Genossenschaft löst jeden Einzelnen von der Scholle, entwurzelt ihn geradezu. Es ist eine alte Erscheinung, dass solche Genossenschaften Stürmen und Katastrophen gegenüber aufrecht stehen bleiben, die selbst die stärksten Einzel- 11 u lern eh m u n gen n iederbreehen. Judenhetze in Brasilien. Unter obiger Spitzmarke meldet die „Breslauer Zeitung" Judenverfolgungen, die im Norden der brasilianischen Republik, im Staate Para, stattgefunden haben. Häuser wurden geplündert, Männer und Frauen theils verwundet, theils sogar getödtet. Die Juden wurden schliesslich von dem Mob auf dem Marktplatze zusammengetrieben und ohne weitere Umstände zur Stadt hinausexpediert. Dann überliess man sie auf freiem Felde einem ungewissen Schicksale. Die Regierung hat die strengste Untersuchung des Falles angeordnet, zumal auch in zahlreichen anderen Städten die Juden bedroht sein sollen. Diese Notiz, wie die neuerdings seitens der Vereinigten Staaten von Nordamerika immer wieder gemachten Anstrengungen, die Juden-Einwanderung zu unterbinden, zeigen wohl am besten, dass der Tag nicht ferne ist, wo auch diese Zufluchtsstätte unseren unglücklichen Brüdern allmählich verschlossen sein wird. F. P.