Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Article
- Schekeltag in Deutschland
- Date
- 1901-06-07
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite S „Die & Welt" ttr.JS Schekeltag in Deutschland. Der Schekeltag der deutschen Zionisten ist, wie das Organ der deutschen Zionisten, die „Israelitische Rundschau % meldet, für den 17. Juni festgesetzt worden. Was ist eine Chartered-Gesellschaft? Von Architekt Oscar Marmorek. Alle Massen erschei nun gen in der Geschichte sind durch ein Zusammenwirken von idealen und eigennützigen Motiven zu erklären. So ist auch das Gefühl der Anhänglichkeit an die Heimat aus zwei sehr verschiedenen Factoren zusammengesetzt : einem idealen, der Vaterlandsliebe, und einem realen, dem Beharrungsgesetze, dem Hängen an Altgewohntem. Ein Zusammentreffen materieller und geistiger Verhältnisse pflegt die Ursache zu sein, welche dieses Heimatsgefühl überwindet und zum Verlassen der Heimat verleitet. Uebervölkerung und damit zusammenhängende wirtschaftliche Noth können ebenso wie Rassengesetze, politische * und religiöse Verfolgung die Heimat verleiden und zur Auswanderung führen. Schon auf der primitiven Stufe, bei den Hirtenvölkern, löst sich — mit Zunahme des Herdenbestandes und nicht mehr genügend Ausgiebigkeit der Weiden — ein Theil des Volksstammes von der Gesammtheit los, um anderwärts neue Weideplätze aufzusuchen. Auch der bebaute Boden hat nur eine beschränkte Ergiebigkeit und kann nur eine gewisse Bevölkerung ernähren. Mit der wachsenden Zahl der Nutzniesser wird er unzureichend; ein Theil der Bevölkerung muss — um sich zu erhalten — sich entweder anderen Berufen zuwenden oder neuen Boden zu finden trachten. Das kann natürlich nur in einer Gegend der Fall sein, die noch dünn bevölkert ist und in der der Boden daher zum grossen Theile brach liegt. In beiden Fällen suchen wirtschaftlich beengte, arbeitswillige Menschen die Gelegenheit, respeetive den Ort, um durch eigene Arbeit sich den Lebensunterhalt zu verdienen« Verschieden von diesen Colonien sind die Eroberungs-Colonien, wo ein unternehmungslustiges, kräftiges Volk auszieht, um durch Kampf und Unterdrückung eines minder kräftigen, durch dessen Ausnützung und Ausbeutung, nichtdurch eigene Arbeit, sich Wohlleben zu verschaffen. Derart waren die spanischen Colonien in Amerika nach Entdeckung der neuen Welt. Der Durst nach Gold, die Sucht, sich rasch und ohne eigene Plage zu bereichern, trieb spanische Abenteurer über den Ocean. Zunächst waren sie gewiss nicht von der Absicht erfüllt, sich drüben eine neue Heimat zu gründen. Ihr Plan war meist im Gegentheil der, über kurz oder lang, mit Schätzen beladen, in die alte Heimat zurückzukehren, um dort ihre Beute zu geniessen und eine bedeutendere Rolle zu spielen. Und wenn auch spanisches Blut und spanische Cultur in Amerika haften blieb und den grössten Theil dieses Weltalls durchsetzte — die Art und Tendenz dieser Cölönisation war ungesund und, trug darum vom ersten Augenblick ihres Entstehens, trotz der scheinbar glänzenden Resultate, den Todeskeim in sich. Die spanischen Colonien gereichten weder den Colonisatoren, noch den colonisierten Ländern und ihren unglücklichen Völkern zum Segen, und ihre Geschichte bildet eines der traurigsten Capitel in der ganzen Geschichte der Menschheit. Einen erfreulichen Gegensatz zum spanischen Colonialwesen bildet das englische. Die Engländer sind die besten Colonisatoren der * modernen Welt geworden. Was sie colonisiert haben, das blüht und gedeiht, ja in manchen Fällen so sehr* dass die Colonie das Mutterland zu überflügeln droht. Während die spanischen Colonien dem Mutterlande durch die geniale That eines Einzelnen, des Columbus, als zufälliger Glückstreffer in den Schoss fielen, ist die englische Colonisation ein Kind der durch Uebervölkerung hervorgerufenen wirtschaftlichen Noth, eine Schöpfung der Arbeitswilligkeit und Arbeitstüchtigkeit dieses grossen Volkes. Sir Walter Raleigh, der eigentliche Vater der englischen Colonialthätigkeit zur Zeit der Königin Elisabeth^ ist nicht aus Golddurst nach Amerika geführt worden. Dieser geistvolle Mensch, gleich bedeutend als Staatsmann wie als Feldherr und Schriftsteller, verfolgte mit seinen Colonisationsplänen nach seinen eigenen Angaben hauptsächlich folgende Ziele: Gewinn neuer, fruchtbarer Landereien unter einem günstigen Himmel zur Ableitung überschüssiger Population, deren Anwachsen in der englischen Heimat ihn mit Besorgnis erfüllte; ferner die Auffindung neuer Märkte neuer Absatzgebiete und neuer Tauschmittel. Auf geeignetem und verfügbarem Boden sollton die Auswanderer die in der Heimat arg bestrittene Existenzmöglichkeit finden — aber erst unter Aufbietung aller ihrer Kräfte und Energie. Die Producte ihrer Thätigkeit würden sowohl ihr eigenes, wie das Gedeihen der neuen Heimat zur Folge haben, aber auch d n Wohlstand der alten Heimat fördern. Es ist selbstverständlich, dass auch die englische Colonialpolitik nicht gleich fertig und vollkommen in die Welt kam, sondern erst nach vielen tastenden Versuchen, nach manchem Missgriff und unzähligen Fehlern, nach reichlich bezahltem Lehrgeld, zu jenen vorzüglichen Resultaten gelangte, welche sie auszeichnen. Die erste staatsrechtliche Form der englischen Colonien war .nicht viel verschieden von den spanischen. Gleichwie die spanischen Herrscher dem Columbus und nach ihm anderen auf einen Entdeckungs- oder Beutezug ausziehenden Seemännern und Kriegern oder Führern von Abenteurerscharen für die der Krone Spanien gewonnenen Gebiete die ei bliche Vicekönigswürde zusicherten und sich nur gewisse Oberhoheitsrechte vorbehielten, so verliehen auch die englischen Könige ihren auf Gewinnung neuer Länder ausziehenden Unterthanen das eroberte Land als erbliches Lehen. Man nannte diese Colonien E i g e n t hü m er* Colonien. So erhielten im Jahre 1663 acht Barone von England das Eigenthum von Carolina in Amerika. Lord Baltimore erhielt Maryland, der Herzog von York, nachmaliger König Jacob IL, New-York und New-Jersey. Am bekanntesten ist die Verleihung eines Gebietes der heutigen nordamerikanischen Union an William Penn, nach welchem die Colonie Pennsyivanien genannt wurde. Viel berufen und besungen ist