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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
Zionistisches von Samuel David Luzzatto
Date
1901-05-31
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 „Die # Welt*6 Seite 5 verbreiten, d. h.: herzlosen Egoismus, Unglauben, schöne äussere Formen und innere Verderbnis. Das Judenthum muss von fremdem Drucke befreit werden. Man muss den Juden des Heiligen Landes Boden zur Bebauung und die erforderlichen Arbeitsmittel verschaffen. Man muss auch dafür sorgen, dass ihre Saaten ihnen nicht von den Paschas und Beduinen geraubt werden. Dann werden sie den Boden bebauen wie in den Zeiten der Bibel, der Mischnah und des Talmud. Das kann in Jerusalem nicht gelingen, da es, als Pilgerstätte, zum Wohnorte von Leuten geworden ist, die sich aller weltlichen Sorgen und der wahren socialen Pflichten entschlagen. Das Judenthum hatte niemals Klöster fürt die Weltabgeschiedenen und ernährte niemals Müssiggärlgei\ Aber ist es zu verwundern, dass, während alle Völker von weit und breit zur Grabeskirche pilgerten, Jehuda Halevy, Nachmanides und andere Fromme, nachdem sie ein Leben voll Arbeit hinter sich hatten, die Stätte des Heiligthums ehren und ihr "Leben in heiliger Weltabgeschiedenheit beschliessen wollten? Jerusalem wird noth wendig allen Völkern eine heilige Stadt bleiben. Darum kann es vorläufig nicht als Landeshauptstadt angesehen werden. Allein das übrige Palästina muss von den Juden bebaut und gepflegt werden, damit es in landwirtschaftlicher und industrieller Beziehung blühe und in alter Herrlichkeit wiedererstehe. Hauptsache ist, dass von Seiten der Regierung keine Hindernisse für die freie Entwicklung des jüdischen Gewerbefleisses in den Weg gelegt werden. Die Juden sind in aller Welt als besonders fleissig und arbeitstüchtig bekannt. Warum also sollen sie gerade in Palästina Müssiggänger sein? Dass sie es gegenwärtig sind, hat zwei locale Gründe: Der Druck der benachbarten Völker und die Nachlässigkeit der Regierung einerseits und die indische sowie mohammedanische, aber durchaus nicht jüdische Auffassung von der Heiligkeit eines unthätigen Lebens. Der örtliche Druck muss soweit als möglich beseitigt werden. Zu nützlicher Thätigkeit aber müssen wir unsere Brüder anspornen, müssen sie auf jede Weise fördern und ihnen neues Leben einhauchen." Seinen Artikel über Luzzatto schliesst Josef Klausner mit folgenden Worten: „Prof. David Kaufmann herrichtet in seiner Vorrede zu dem „Briefwechsel Samuel David Luzzattos" nach dem Paduaner Arzte Dr. U s i m o, seit Dante habe es in Italien keinen Schädel von so mächtigen Dimensionen gegeben, wie der Schädel S. D. Luzzattos. Wäre es möglich gewesen, auch das Herz Luzzattos zu messen, wie man seinen Schädel gemessen hat, so würde sich gewiss herausgestellt haben, dass ein Herz von dem mächtigen Umfange desjenigen von Luzzatto seit Jehuda Hatevy in Israel nicht mehr dagewesen ist" Die wirtschaftliche Lage der Juden in Elsass- Lothringen. Von Dr. Elias in Mülhausen. Ueber die wirtschaftliche Lage der elsässischen Juden ist man im allgemeinen wenig oder falsch unterrichtet, und zwar aus leicht erklärlichen Gründen. Die wohlhabenden Juden allein repräsentieren offictell das elsässische Judenthum. Nur sie haben im Consistorium, dem Vertretungskörper der jüdischen Gemeinden, Sitz und Stimme; so weit Juden in politische oder communale Körperschaften gewählt werden, in denen die Lage der Juden zur Sprache gebracht werden kann, werden im allgemeinen nur sie gewählt; und nur sie haben auf die politische Presse einen gewissen Einfluss. Die einen jedoch haben den Contact mit der jüdischen Bevölkerung vollständig aufgegeben; die anderen kennen von jüdischen Angelegenheiten nur die Cultusverwaltung und die Armenpflege. Ob ihre Stammesgenossen wirtschaftlich leiden und weshalb sie leiden, sind Fragen, an die sie nicht herantreten und die sie auch nicht zur Discussion bringen. Die Rabbiner, von wenigen Ausnahmen abgesehen, begnügen sich, ihre religiösen und ihre Amtspflichten zu erfüllen. Der uneingeweihte Beobachter kann sich also nicht leicht unterrichten; er sieht die Villen, die Geschäftshäuser, die Fabriken der reichen Juden und zieht daraus seine Schlüsse, ohne zu bedenken, dass dieser Reichthum und dieser Luxus sehr wohl die Rolle der Potemkin'schen Dörfer spielen kann. Nur wenige christliche Autoren haben in den letzten Jahren die wirtschaftliche Lage der elsässischen Juden untersucht. Die Arbeiten der einen sind jedoch dem grossen Publicum nicht zugänglich, die der anderen haben ausgesprochen antisemitische Tendenzen. In ihrem eigenen Interesse jedoch und im Interesse des Gesammtjudenthums bedarf die wirtschaftliche Lage der elsässischen Juden der Besprechung vom jüdischen Standpunkte aus. Bevor sie daran denken, ihre Existenzbedingungen zu verbessern, müssen sie wissen, weshalb sie sich verschlechtert haben. Und für alle Juden wird es von Wert sein, zu erfahren, dass nicht nur in Galizien, auch im Westen Europas die politischen und bürgerlichen Rechte nicht ausreichen, um im ökonomischen Wettstreite die Chancen des Juden denen seiner Concurrenten gleich zu machen, und dass ohne Verfolgungen, ohne Ilassenantisemitismus Resultate erreicht werden, die die kühnsten Hoffnungen der Antisemiten übertreffen. Die jüdische Bevölkerung im Elsass ist in ihrer grossen Mehrheit dem kleinen Bürgerthum zuzurechnen. Ihre wirtschaftliche Lage war bis gegen Ende der Siebzigerjahre eine befriedigende; seit dieser Zeit verschlechtert sie sich von Jahr zu Jahr. Von einer Noth der jüdischen Bevölkerung, Ausnahmefälle abgesehen, kann man nicht pprechen. Dagegen spricht schon die Thatsache, dass nur ein geringer Percentsatz derselben zum Proletariat gehört. Der Hunger ist bis jetzt in die jüdischen Wohnungen nicht eingedrungen. In ihrer grossen Mehrzahl sind die elsässischen Juden nicht unterstützungsbedürftig. Die Judennoth, wie sie im Osten Europas existiert, kennt man im Elsass nur vom Hörensagen. Die wirtschaftliche Lage der elsässischen Juden hat sich jedoch in der Weise verschlechtert, dass sie schwieriger als früher eine Beschäftigung finden, dass sie nicht mehr in demselben Verhältnisse selbständig werden können, und dass die Einnahmen der grossen Mehrzahl, besonders der auf dem Lande wohnenden Bevölkerung, sich in abnormer Weise vermindert haben. Statistische Belege für diesen wirtschaftlichen Niedergang sind bis auf Weiteres schwer zu bringen; doch ist es evident für alle die, welche, mitten in den Verhältnissen lebend, Gelegenheit haben, ihn täglich zu sehen und durch den Augenschein sich zu überzeugen. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass, wenn die elsässischen Juden nicht schon auf eine noch tiefere wirtschaftliche Stufe gesunken sind, sie es nur dem Umstände verdanken, dass die vorhergehenden Generationen eine Epoche der Blüte durchgemacht haben. In der Zeit etwa zwischen 1830 und 1880 kamen die Fälle zu hunderten vor, dass arme Hausierer oder kleine Viehhändler es zu Wohlstand und Reichthum brachten, oder dass junge Commis, deren einziges Activum das Vertrauen auf ihr Glück war, in wenigen Jahren vermögende Kaufleute und Besitzer bedeutender Geschäftshäuser wurden. Ein grosser Theil der jüdischen Bevölkerung lebte wenigstens in gesicherten Verhältnissen; wer arbeiten wollte oder konnte, verdiente sein Brot. Damals konnten die elsässischen Juden mit Zuversicht in die Zukunft blicken; sie glaubten, einen Bau aufgeführt zu haben, der allen Stürmen trotzen würde. Dieser Bau stürzt jetzt zusammen : elementare Kräfte zerstören seinen Grund. Doch nicht allein die augenscheinlich durchschnittliche Verschlechterung der Lage der einzelnen zeigt den wirtschaftlichen Rückgang der elsässischen Juden an, sondern auch und vor allem die stetige Abnahme der Bevölkerungszahl, die nur durch Auswanderung bedingt ist. Die jüdische Bevölkerung fiel von 39.278 Seelen im Jahre 1880 auf 30.870 „ „ „ 1885. , 31,6*5 „ , „ 1S90, und „ 32.852 „ „ „ 1895. In 15 Jahren hat sie also um 6119 Seelen, das heisst, um etwa 16(7„, abgenommen. Was die grossen Städte betrifft, so ist eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung nur in Strassburg und Mulhausen zu constatieren; in Strassburg stieg sie von 3541 auf £098 Seelen, nahm also um lG-380/0 za; rn Mülhausen von 52183 auf 52271, nahm also um 4% zu. Nach einer Ausrechnung des Strassburger Statistikers Dr. Geissenberger haben von 445 Landgemeinden mit relativ hoher Israelitenzahl von 1880—1895 nur 45 eine Zu-

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