Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Zwei Sänger Judas
Date
1901-05-23
Page
10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315927-3397189--26315-3397269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 „Die # Welt« Nr. 21 Neid mischt sich zur Bewunderung jener Zeit, wo der Glaube so unmodern feststand, wie ein Fels, vor dem die klarsten Köpfe willig und fromm Halt machten. Doch neben der Liebe zu Gott fand noch eine andere, brennend und bohrend, Platz in Halevys weitem Herzen. Für diese Liebe wagte er sein Leben und verlort, verlor es freudig in Zion. Des Dichters Lebensgeschichte enthält einen Stachel für uns moderne Zionisten. Das bisschen Lebenshöhe, das wir mühsam erklettern, hatte Halevy hoch überwunden. Ruf und Güter hatte der gesuchte Arzt, der beliebte Philosoph und Dichter sich erworben. Ein inniges Familienleben, eine blühende, geliebte Familie waren starke Wurzeln, die ihn im spanischen Boden hielten. Der Freuade Mahnung und Spott, die Gefahren der Reise — nichts mehr, nichts mehr, Halevy reist zur Heimat, unaufhaltsam, wie der Vogel seiner Frühlingsahnung nach, über Land und Meer nach Norden. — Er singt; Deine Augen schimmern, straff schnellt der Körper auf, und wild wirfst Du den Kopf. Halevy singt — Halevy weint über Zion. Schäm' Dich der Thräne nicht, der Thräne ums verlor'ne Vaterland — dann aber vorwärts. Stümper stümpern uns kritisch was vor, dass Halevy, aus seinem Traum durch die Wirklichkeit aufgeschreckt und enttäuscht, den Fuss von Kanaan zurückgewandt hätte. Denn plötzlich schweigt er. Stümper Ihr! Mag oben der Boden tragen, was er will, er ist vollgesogen mit unserem Blute. Das ist Schönheit, das ist unserer Liebe genug. Ist's Wahrheit oder Sage? Den Sänger durchbohrt ein Sarazenenspeer vor dem Thore Jeruscholajims, nach dem letzten lauten Worte seiner schönsten Zionide. Mit Israels Fürsten wird er erwachen. * Ist Heine unser? Oder soll er unseren Gedanken und Gefühlen höchstens das sein, was dem Mädchen der untreue Geliebte ist, der im Leichtsinn und Taumel des Augenblicks eine andere geküsst hat; dann aber erkennt, was er gethan, und zur einzig Lieben seiner Seele zurückkehrt, feurige Liebesbriefe an sie richtet und sich öffentlich als ihren heissen Anbeter zeigt — das Mädchen sieht in geheimem Stolz und in heisser Liebe seinem Leben zu, aber niemand soll ihr nachsagen, sie theile mit einer anderen, — sie gibt ihm den Abschied. Wir zittern ein bisschen vor dem Kritiker, weil wir es wagen, den getauften Heine auf den Schild zuheben und zu rufen: Seht des grossen Halevy würdigen Epigonen! Wir verfechten die Meinung, dass des Dichters Taufe eine von der Erziehung und Umgebung verfälschte Folge des richtigen Marschbefehls war, den jeder denkende Jude seiner Seele gibt: Heraus aus dem Ghetto! Er sah seine Feuerseele wirkungslos unter den Seinen verpuffen, sah sich mit seinen elementar entwickelten Begriffen von Freiheit, von Menschenwürde, von Liebe, unter Pygmäen des Gedankens, wie sie ja noch heute läppig in der Welt herumstehen mit einem Zaune der empörendsten, faulsten Sprichwörter um sich herum, wie: Was hab' ich davon, was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss, der Sperling in der Hand ... Wer hat sie nicht schon genossen? Da reiste Heine auf die Suche nach den Riesen, und nichts anderes als einen Reisepass, einen Thürschlüssel für die Welt nahm er in seinem Taufzeugnisse entgegen. Und was ist's mit Heine, dem Deutschen, dem Schwarz-roth-goldenen? Wo immer er die Knechtschaft fand, hielt er ihr die Fackel des Prometheus ins feige Gesicht, schrie er ihr seinen Glaubensartikel entgegen : Liberte, fraternite, egalite. Er liest der Welt das Sündenregister der Tyrannen vor, die er1 selbst belauscht hat, er predigt die Freiheit unter den Leuten, die er kennt, die er der Revolution fähig hält, und das sind die Deutschen. Denn die Juden damals — leider, leider wären sie meist aus Gumpelinos Hause. Aber auch pump.6}inrp , kann kein Jahrtausend Poesie schlechterdings umbringen,, und der Reflex der Sabbathlampe strahlt ungebrochen aus der Seele Heines wieder. Gibt es glänzendere, innigere Liebesbriefe an das Judenthum? Die Flammen des Dornbusches haben ihre Funken auch in seine Seele geworfen : Jude war der Mensch, Jude war der Dichter. Schmeichlerisch zupft der Gedanke an uns, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er statt der Scholastik der Deutschen nur ihre Kraft in sich aufgenommen hätte, wenn tiefe Wissenschaft des Judenthums ihm zutheil geworden wäre. .. Hat ihn noch niemand einen Zionisten genannt, der leider von Palästina nichts wusste? Sprechend und singend ruft Heine die Philister zusammen, schliesst sie in den Berg seiner Lieder, seiner Bücher, und adieu Philister, keiner noch wurde auf der anderen Seite des Berges unverändert gesehen, seine Seele war durch einen Jungbrunnen gegangen. Singt Heine den Vogelsang des Waldes, so scheint uns Frühlingssonne des Himmels, bei seinem Adlerschrei um Freiheit die Sonne des Völkerfrühlings. Die Juden haben kein Drama, aber auch keine ganze Lyrik. Schmerzlich vermissen wir die Lieder, die kraftvoll und freudig mit dem Besitze des schönen Vaterlandes unter den Völkern prahlen und die Heimat preisen. Nur die Sehnsucht weint heisse Thränen. Der Zionismus hat erst in der Neuzeit Politiker gewonnen, Dichter aber hat er schon lange. Frühling. (Aus einem Cyklue.) I. Ein junger, heisser Sonnenstrahl Stahl sich in meine Brust, Nun lacht's und weint's, nun glüht's und wogt's Von Sonnenlust. Ich grüss' Dich, keckes Spatzenvolk, Du treibst mir's g'rade recht, Du honigtrunk'ner Hummelschwarm, Nur fortgezecht! Du jung erwachtes Lenzesglück, Nur weiter jubiliert, Du aber, erbgesess'nes Leid, Hinausspaziert!! Ich reck' die Arme, pfeif mein Lied, Herrgott! Mir ist so wohl! Ich glaub', der bleiche Ghettosohn Wird frühlingstoll! — II. Ich bin allein — der Tag will schon verklingen, Ein letzter, müder Strahl spielt mit dem Mückensch warm Und stirbt. Es kost der Wind so mild, so frühlings warm, Nun senkt der Alltag seine schwülen Schwingen. Ich muss die Augen schliessen und ich sinn' zurück: In meiner Seele dämmern Feierstunden . . . Ich hab' in solcher Nacht mein Golus stolz vf rwunden, Ich fand in solcher Frühlingsnacht mein Judenglück! In solcher Weihenacht hab' kühn ich ausgejätet, Was kranker Ahnen Schuld mir eingepflanzt. .. Ich sah in Andacht auf zum Mondesglanz Und heilige Worte hab' ich still gebetet . •. Jirünn. 011 o A b e 1 e s.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.