Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
[Kommentar]
Date
1901-05-23
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315927--26310-3397268
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 21 „Die $t Welt" Seite 9 den Gedanken eines einzigen höchsten und doch persönlichen Gottes gefunden, und noch weniger hat eines von diesen Herrenvölkern der -Weltgeschichte es über sich gewonnen, sich so tief vor den Gestalten seines Glaubens zu demüthigen, wie dieser grüblerische Hirten- und Bauernstamm schon in seinem frühen Mittelalter gethan hat Neben den grossen Besitztümern des Christenthums aber stammten auch die meisten seiner geringeren Glaubenssätze aus dem jüdischen Erbe: so der ganz eigenthümliche Gedanke eines zur Erde niedersinkenden Gottesreiches und der eines menschlichen, aber besonders heiligen Vermittlers zwischen dem Gott und den Gläubigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht Befundenen/ Und mit dem Hauptinhalt gieng aüch der wesentlichste Charakterzug der äusseren Form von der alten auf die neue Religion über. Weder Griechen, noch Römer, noch Germanen haben aus ihrem Glauben eine Literatur gemacht, wie die Juden, deren gesammie geistige Thätigkeit sich von je auf diesen einen Punkt concentriert hatte. Und wenn das Schwergewicht von Jesus* Lehre auf seinem Sittengebot ruhte, so war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs: kein Europäer-Volk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält wie die Juden, und keines anderen Volkes Sittenlehre war so ganz auf dem Grundsatz der Nächstenliebe aufgebaut wie diese. Unzweifelhaft hat Jesus eben in diesem Stücke am meisten gesteigert und aufgehöht, was er vorfand. Aber wie viel ist nicht damit schon gesagt, dass dieser Verkünder aller Selbstentäusserung und Hilfsbereitschaft eine Sittenlehre vorfand, die er nur zu potenzieren brauchte, um aus ihr seine „frohe" Botschaft zu gewinnen* Doch freilich, Und dies Wurde das tragische Verhängnis im Leben des jüdischen Volkes wie in dem seines grössten Sohnes, so rein und unbedingt diese kleine Nation auch alle ihre geistige Thätigkeit dem Glauben gewidmet hatte, sie hatte doch auch ihrer politischen Ideale nicht ganz vergessen. Fast ein halbes Jahrtausend war verflossen, seit die Juden ihre staatliche Selbständigkeit verloren hatten, aber noch hielten sie fest an der Hoffnung, sie wieder zu* gewinnen. Ja, das kleine Zwergvolk, das sich unter dem harten Eroberertritt aller der grossen Dynastien und Nationen, die über sein Land dahingeschritten waren, wehrlos gekrümmt hatte, war zu dem fast wahnsinnig ehrgeizigen Gedanken einer künftigen Weltherrschaft vorgedrungen. Und wie es bei diesem Volke eines gänzlich religiösen Innenlebens nicht anders sein konnte * aus diesem politischen Gedanken wurden religiöse Vorstellungen : der König-Befreier, der Israel nicht nur von der Knechtschaft erlösen, sondern zum Herrn über alle Nationen der Erde erheben sollte, wurde ihnen zv.m gottgesandten Messias, zum Weltrichter. Und so leise und langsam sich auch Jesus von der Ueberlieferung seines Volkes losgelöst hat, hier war der Punkt, wo es nicht nur zur Trennung, sondern zum entschiedensten Gegensatz kam. Jesus hat alle übrigen Theile der spätjüdischen Ueberlieferung mit sanfter Hand umgemodelt oder gar beibehalten, die politische Mission aber, die ihm der neue, schon ganz fest gewordene Volksglaube zuwies, hat er mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Wohl hat er sich den Namen Messias gefallen lassen, aber was er unter diesem Amt verstand, das war in Wahrheit nicht von dieser Welt. Jesus wollte von der Religion der Väter alle die politischen, zuletzt auch alle die nationalen Zuthaten loslösen, die ihm als Schlacken in dem lauteren Gold des Glaubens erschienen. Sucht man den Conflict über die Personen fort in die Sphäre der grossen historischen Gegensätze zu heben, so hatten sich damals der religiöse und der politische Genius des Judenthums voneinander geschieden und waren in den schroffsten Gegensatz gerathen. In Jesus hatte sich alle die starke religiöse Kraft seines Volkes zusammengefasst* und hatte die unlösbar scheinende Verbindung, in die sie seit Jahrhunderten mit dem Staatsgefühle der Juden getreten war, aufgehoben. Kein Zweifel, der jüdische Glaube und das jüdische Sittengebot waren dadurch wesentlich gesteigert, und zwar in ihrer Richtung, aber weit über die bisherige Entwicklung hinaus aufgehöht worden; aber die alte, nie erloschene Hoffnung auf nationale Selbständigkeit war dabei das Opfer gewesen. Ein Opfer, das Jesus seinem Volk zu bringen zumuthete und zu dem es sich doch noch nicht verstehen mochte oder konnte. Soll man es * darüber verdammen? Und hat unser so ganz national empfindendes Zeitalter dazu besonderen Anlass?" - In einem Essay Oskar B i e s über Lesser Ury, das in der Nr. 18 der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" erschienen ist, heisstes beider Besprechung seiner „Trauernden Juden"*) : „Zuerst kamen die /Trauernden Juden4, ein grosses Bild voll Rasse und unwiderstehlich in seiner dunklen und tiefen Macht, wie noch niemals Juden dargestellt wurden, heiss und athmend, wie der Rhythmus der hebräischen Lyrik.. Timeo Danaos .. . Was brachte uns das kalte Menschheitslieben, Was der verlog'ne Freiheitglorienschein? — — — Zu viel, dass wir . . . wir selber blieben, Zu wenig*, um beglückt zu sein!. . Berlin. Theodor Z 1 o c i s t i. Zwei Sänger Judas. Siebst Du das Schicksal dort? Siehst Du es über die Dächer der sommerstillen Hänser einherschreiten mit dem . schreckenden Gesicht aus Stein, mit der Schleppe seines grauen Mantels? Und ringsum drängt es sich und lebt von kleineren Gestalten. Das sind Dämonen: Der Reichthum und das Verbrechen, das Glück und die Sorge, der Tod und der Ruhm. Bei jedem Gelass macht der Haufe Halt und wie das Schicksal den Finger hebt, schwingt einer der Begleiter sich herab und drückt sein unauslöschliches Siegel an die Fenster. Da gibt es Leute, die uns das Leben erklären wollen. Doch unter dem letzten Worte der Philosophie liest Faust die ungedruckte Zeile: Jetzt wisst Ihr, dass ich nichts weiss. Noch spottet des Forschers das Mysterium, dessen Anfang unser Tod ist, noch stelzen seine Gedanken unbeholfen auf der Theologie. Eines nur hat der Beflissene gelernt: Den kühnsten Standpunkt mit geschickter Finte zu v-*: ftvliten, ein Gegentheil immer bereit zu haben und jeden Glauben durch den Zweifel zu besiegen. Das Directorium dos Lebens steigt aus dem Herzen stetig in den Kopf, kühl wird in geschulter Weise erwögen und gemessen, und der Abstinent des Gefühls schreibt nieder: Ich denke, also leb* ich. Doch Gott sei Dank! Diese Eisköpfe haben Todfeinde. Es gibt noch Menschen, denen das Leben brausend in den Adern und nicht zitternd in den Nerven pulsiert, Menschen, deren Herz öfter als zweiundsiebzigmal in der Minute schlägt, deren Arme an den Hindernissen auf dem Wege zu Schönheit, zum Rechte und zur Freiheit rütteln, auch wenn der Kopf ihnen sagt: Diese Mauer wird Dich wahrscheinlich begraben. Und diese Leute haben Generalredner gegen die nur erwerbende, nur nüchterne Menschheit gewonnen. Das sind die Dichter, und ihr Wahlspruch: Ich fühle, also leb' ich. Was ist ein Lied? Ein wenig Klang, Ein wenig Wohllaut und Gesang Und eine ganze Seele. Halevy von Religionslehrern übersetztl Freundliche, wohlbeleibte Herren mit Decreten 1. und 2. Classe schwitzen über Juslamentreimen jeder Güte und lassen das Ganze erfreut in Goldschnitt binden. Und nicht einmal diese Uebersetzung konnte ein Stäubchen Halevy vernichten. Es geht uns wie dem Maler, der den Schmutz, die Fetzen des Zigeunermädchens nicht sieht, weiL ihm durch all das die Schönheit des Menschen entgegenschimmert. Liebend und gläubig tritt uns Halevy in den Psalmodien entgegen, mit dem Herzen eines Kindes hinter wallendem Barte. Sein Gott ist nicht der Rächer, der im dritten Geschlechte noch straft, den er anbetet, das ist der Allerbarmer, der Gütige, cter Israel erheben -wird aus, Noth und.p.rangsal, treu seinem Worte. "-~— ~' .. ■ ' "' *) Vergleiche den Artikel Martin ßubers über Lesser Ury in unserer Pessach-Festnnummer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.