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Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Der Jude im 20. Jahrhundert
Date
1901-05-23
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 21 „Die # Weit46 Seite 5 Bewegung, in ihren directen, wie in ihren indirecten Folgen. Unter zielbewusster Leitung macht der Zionismus stete Fortschritte. Sein erstes Ziel ist, genügende Gelder zu sammeln, um Palästina vom Sultan zu erlangen, unter dessen Souveränität der zionistische Plan durchgeführt werden soll." „Eine bedeutende Summe ist bereits zu diesem Zwecke aufgebracht worden, und jede Stadt, beinahe jedes Dorf in der Welt hat seine Gruppe von enthusiastischen Zionisten. Ich möchte hervorheben, dass dieses Geld im allgemeinen nicht von reichen Juden, sondern von den ärmeren jüdischen Classen zusammengebracht wurde. Die Reichen nehmen an der Sache der Volksbefreiung geringes Interesse. Das sind meistens Leute, die nur für Geldmacherei Sinn haben und ihren jüdischen Patriotismus verloren haben. Sie stehen auf der Spitze der gesellschaftlichen Leiter in den Hauptcentren der Welt. Ihre Lage ist sicher, sie haben mit Palästina keinen Profit zu erzielen, darum kümmern sie sich nur wenig um den Plan. Das dämpft jedoch die glühende Begeisterung der Zionisten nicht im geringsten* Das Geld kommt beinahe von jedem Fleckchen der Erde und in wenigen Jahren dürfte eine genügende Summe zusammenkommen, um unsere Sehnsucht zu erfüllen. Dann, nachdem wir vom Lande Besitz genommen haben werden, werden wir nicht so thörieht sein, grosse Mengen Von ungebildeten ungeschulten Juden ins Land zu werfen, sondern wir werden jüdischen Scharfsinn verwerten, indem wir geschulte Ackerbauer, Handwerker, Kaufleute und Männer und Frauen überhaupt entsenden, die unter der Leitung von praktischen Idealisten eine feste Grundlage für die Mustergemeinschaft, die kommen soll, bilden werden/ Im weiteren Verlaufe der Interviews beschäftigte sich Zangwill mit dem neubegründeten Riesenwerke einer jüdischen Encyklopädie, von dem er eine Zusammenfassung und Festigung der geistigen Elemente des Judenthums erhofft. Russisch-jüdischer Verein zur wissenschaftlichen Begründung des Zionismus. Wien, am 21. Mai 1901. Dem Wunsche mehrerer zionistischer Brudervereine und Freunde Folge leistend, die, durch unsere Constituierungs- Anmeldung in der „Welt" Nr. 14 aufmerksam gemacht, für unseren Verein ein Interesse hegen, sind wird in der angenehmen Lage, Ihnen einen ausführlichen Bericht im Sinne unseres Programmes („Wissenschaftliche Begründung des Zionismus") ertheilen zu können. Schon in den nächsten Tagen nach der Constituierung hat der Verein seine Thätigkeit mit einem Vortrage des Herrn M. Schmidt über „Zionismus und Socialdemokratie" eröffnet, zu dem auch mehrere Gäste aus der russischjüdischen studierenden Jugend gegnerischer Gesinnung erschienen waren. Mit genauester Sachkenntnis stellte der Referent die Grundprineipien des politischen Zionismus auf, aus denen hervorgieng, dass derselbe als einenothwendigegeschichtliche und social-ökonomische Erscheinung im Judeuthum zu betrachten sei. Gegen die socialdemokratischen Gegner des Zionismus polemisierend, führte der Referent die Ursache dieser Gegnerschaft auf die von Marx begründete materialistische Geschichtsauffassung zurück, die bekanntlich die ganze Gesellschaftsordnung bloss in den Rahmen der sogenannten „ökonomischen Structur" einzwängt und die Mitwirkung psychischer Factoren in dem Werdegang der Geschichte leugnet. In Bezug auf den von den Socialdemokraten uns so oft, wie in einem Panorama, vorgespiegelten „Zukunftstaat11 führte der Referent unter anderem Folgendes aus: /Wir Zionisten, die wir ja auch einen Staat anstreben, können uns sehr wohl die Perspectiven eines „Zukunftsstaates" vorstellen;nur müssen wir einerseits den Sanguinikern dos letzteren, welche die unfehlbar eintretenden Reactionsiwjoden und (Jen langwierigen Entwicklungsgang der menschlichen Civilisation nicht mit in Berechnung ziehen wollen, entgegentreten, zweitens glauben wir nicht an die dorn „Zukunftsstaate" angeblich folgende Lösung der Judenfrage. Haben ja die Juden die Culminationspunkte der ägyptischen, syrischen, griechischen, römischen, spanischen und jetzt auch der allgemein europäischen (18. und 10. Jahrhundert) Cultur überlebt, aber die Juden frage ist von der Tagesordnung dennoch nicht gewichen; das Gegentheil ist der Fall: die Judenfrage gewinnt immer mehr und mehr an Ausdehnung und Intensität. Um den geschichtlichen Fehler nicht wiederholen und büssen zu müssen, wollen wir Zionisten das jüdische Volk doch einmal aus seiner anormalen Lage reissen, es in nationaler Freiheit, Erwerbs- und Entwicklungsmöglichkeit auf nationalem Boden den anderen Völkern gleichstellen und ihm dazu verhelfen, mit allen Völkern in Reih und Glied als Gleichbetheiligte für die allgemeine Civilisation mitkämpfen zu können. Diesem Vortrage folgte nach zwei Wochen ein Referat des stud. techn. A. B o h o m o 1 n y über die „Gegner des Zionismus". Die Assimilanten wie die Orthodoxen, die jüdischen Bourgeois wie die jüdischen Sociaiisten wurden alle vorn Referenten einer eingehenden Kritik unterzogen und die von ihnen gegen den Zionismus gewöhnlich vorgebrachten Argumente aufs glänzendste widerlegt. Tn Erwiderung auf die Vorwürfe der Socialdemokraten wegen unseres angeblichen „Separatismus" verwies Herr ßohomolny auf hervorragende Nationalökonomien, die nur durch die Freiheit und nationalpolitische Selbständigkeit sämmtlicher Nationen die gesunde Entwiklung der menschlichen Gesellschaft gesichert sehen. Ferner verwies der Referent auf die polnischen Socialdemokraten, in deren Programm die nationalpolitische Befreiung den Vordergrund einnimmt. „Und warum",- schloss Herr Bohomoln j, „sollen uns Juden seitens der Socialdemokraten diese Rechte vorenthalten werden Den Abschluss der zionistisch-socialistischeu Vortrags-Trilogie bildete der vor einigen Tagen durch Herrn stud. med. S. Ghaikis abgehaltene Von rag, weicherden Tittd „Zukunftsstaat und Judenstaat" führte. In grossen Zügen schilderte der Referent die geschichtliche Entwicklung des Socialismus und Zionismus, den gegenwärtigen Stand beider Bewegungen, und stellte die Frage auf, ob es möglich wäre, Berührungspunkte zwischen den beiden herauszufinden, die er in positivem Sinne beantwortet. In der Begründung wies der Referent nach, dass die gesuchten Berührungspunkte thatsächlich existieren, und zwar : in der geschichtlichen Notwendigkeit beider Ideen, in der gegenwärtigen Thätigkeit ihrer Anhänger und sogar in ihren Endzielen. An der Hand der jüdischen Geschichte wies der Referent nach, dass der politische Zionismus keine den Gelehrten-Cabinets entsprungene Theorie, vielmehr eine neue Formel für die dem jüdischen Volke steU innewohnende Sehnsucht nach Zion sei, und dass die Versuche, die jüdische Frage in anderer Weise zu lösen, immer fehlgeschlagen haben. Ferner wies der Referent daraufhin, dass die cultureliökonomische Thätigkeit der Socialdemokraten mit Tier der Zionisten sich vollständig deckt. „Und ebenso sind", schloss d*r Referent »die Berührungspunkte zwischen den Zionisten und Socialdemokraten auch in den Endzielen zu finden, da beide die Gründung eines neuen Staates auf modernen Grundlagen anstreben.* An sämmtliche Referate, denen auch mehrere Socialdemokraten beigewohnt haben, schlössen sich sehr lebhafte und geradezu leidenschaftliche Debatten, die von beiden Seiten mit Ernst und VVissenschaftlichkeit geführt wurden, welche zur Aufklärung der Themata und zur Klarstellung uuseres Standpunktes viel beigetragen haben. Zum Schlüsse bemerken wir, dass wir uns für die Zukunft einen Cyklus neuer Referate über den Zionismus und seine Strömungen, wie auch über die I n sti t u t i o n e n un d Strömungen im Judenthum vorgemerkt haben. Zum ersten Reterate dieser Serie hat sich Herr M. Schmidt für nächsten Samstag mit einem Vortrage, welcher den Titel „Eine Kritik der Strömungen im Zionismus" führt, gemeldet. Bei dieser Gelegenheit ersuchen wir, sämmtliche Zuschriften an : M. Schmidt, IX., Eisengasse 5, per Adresse Jon. Kremenezky, zu richten.

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