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Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Die Cultuswahlen in Prag
Date
1901-05-23
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 21 semitische Boycott der Stadt zugetrieben hatte, hier als ein lebensfähiges Glied in die Gemeinschaft eingepasst wurde*, vielmehr gab man diesen Leuten, jüdischen Brüdern, in ihrer neuen Heimat weder Rechte noch Pflichten. Gelegenheit zur grössten Unbesonnenheit gab den erbgesessenen Auchfuhrern der Sprachenstreit um die Strassentafeln, bei dem — man staune — die Gemeinde gegen den Prager Magistrat sich provocierend auflehnte, indem sie deutsche Tafeln auf ihren Häusern anbrachte. Dass bei solchen Fehlern die Unzufriedenheit riesengross anwächst und jedes Urtheil der Geführten ein Protest gegen die Führung ist, ist begreiflich. Eine ehrlich jüdische, eine nur jüdische Partei, wie es die Zionisten sind, wird sich Herz und Sinn aller Denkenden leicht und schnell erorbern. Sie wird für die Beschwerden der jüdischen Gemeinde vorderhand in folgenden Punkten eintreten : 1, Synagogen, deren Thür die Aufschrift trägt: Der Eintritt ist nur Inhabern von Sitzen gestattet, sind ein Hohn auf die Traditionen des Judenthums und proclamieren empörend Gottesfurcht gegen Einwurf von Münzen. Wenn aber schon die Casinoten den Anblick der Armut nicht einmal am Jom-Kipur und noch ein- oder zweimal, wo sie den Tempel besuchen, nicht vertragen, dann ist es ihre Pflicht und Schuldigkeit, reichlich den Armen Gelegenheit zu geben, ihre Andacht zu veiTichten. Jetzt lässt man noch um schwer zu erlangende Gratiskarten für ein lächerlich unzureichendes Local betteln. Dazu kommt noch, dass für mehrere Synogogen, die der Assanierung stracks zum Opfer fielen, kein Ersatz geschaffen wurde. % Religionsunterricht. Ein crasser Mangel an Lehrkräften, das Fehlen jeder beruflichen Inspicierung,1 an Localen hat eine Verlotterung der jüdischen Wissenschaft bei der Jugend einreissen lassen, die jedem Grauen} einflössen muss, der an die Zukunft denkt. So ein Jüngling aus unseren Schulen stottert beim kleinsten Segensspruch. Und' so will man Gefühl fürs Judenthum wecken und erhalten. 3. Armenwesen. Die Gemeinde ist im glücklichen Besitz vieler legierter Beneficien und einigen Capitals. Aber ' wie unerhört wir«} gewirtschaftel! Die Unterstützungen worden nur an Zuständige und so vertheilt, dass sie dem Betreffenden allein hinlänglich zum Leben reichen. So wird Schelsuehfc; und Neid in den "unteren Schichten gezüchtet, die einige Protegierte allein unterstützt sehen. Die Proletarisierungder Massen schreitet rasend fort, doch in der Gemeindestube sieht man ihr ohne sociales Verständnis zu und verwaltet die Capitalien müssig nach dem alten Zopfe, trotz des Jammers und trotzdem die Hilfe mit jedem Tage schwerer wird. Die Zionisten werden urgieren und arbeilen, wie immer, wenn das Judenthum in Frage kommt, Eifer und Ehrlichkeit werden ihnen auch hier zu Erfolgen verhelfen. Ph. L. Cultusgemeinde in Brünn. Der Cnltusvorstand hat sich in nächster Zeit mit zwei wichtigen Fragen zu beschäftigen : mit der Besetzung des durch den Rücktritt desLandesrabbiners erledigten Rabbinates und der Erbauung eines jüdischen Vereinshauses. Statutenmässig muss der Vorstand, wenn es sich um die Entscheidung wichtiger Angelegenheiten handelt, verstärkt werden. In der vergangenen Woche wurde nun die Wahl der in den Vorstand zu cooptierenden Mitglieder vorgenommen, bei der unsere Gesinnungsgenossen Josef F e i w e 1, Dr. Schreier und Wilhelm Sonderling (Obmann des mährischschiesisehen zionistischen Districts-Comites), die bei den letzten Vorstandswahlen von den Zionisten candidiert worden waren, nahezu einstimmig gewählt wurden. Der Jude im 20. Jahrhundert. (Ein Interview mit Israel Zangwill.) Mr. George T. B. Davis hatte Gelegenheit, den berühmten Romanschriftsteller J. Zangwill über die Zukunft der Juden zu interviewen. Einem Berichte des „Daily Mail" vom 11. Mai über dieses Interview entnehmen wir Folgendes: Auf die Frage, welche Stellung die Juden im Weltverkehr im Jahre 2000 voraussichtlich einnehmen werden, antwortete Zangwill: „Ich bin kein Prophet mit einer endgiltigen Vision der jüdischen Zukunft. Niemand kann die genauen Richtungen voraussagen, die ihre Thätigkeit im. 20. Jahrhundet einschlagen wird. Ich kann bloss hervorheben, wie die Lage der Juden in den letzten neunzehn Jahrhunderten war, und von einigen machtvollen Kräften sprechen, die soeben erwacht sind und die zweifellos im gegenwärtigen Jahrhundert entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der Lage der Juden nehmen werden . . . Eines erscheint jedenfalls als äusserst wahrscheinlich: Dass die Juden in wachsender Zahl nach Palästina, in ihr altes und nie vergessenes Heimatland zurückkehren werden. Ich weiss nicht, weshalb im Jahre 2000 nicht zwei Millionen von Juden dieses Land bewohnen, es in einen Garten von Schönheit und Fruchtbarkeit verwandeln, es bebauen, Eisenbahnen legen und eine Verwaltung schaffen sollen, die die Musterverwaltung der Welt sein wird. Ich bin fest überzeugt, dass die Mission der Juden diese ist: Ein Volk zu sein, das auf eine Höhe gesetzt ist — auf Zions Höhe — und dessen sociale, politische, ökonomische und religiöse Verfassung dem Geiste der Menschheit voranleuchten wird. Aus den Gesetzen dieser Gemeinschaft werden andere Völker lernen, sich weise zu regieren, aus ihrer socialen Verfassung werden andere Völker sich ihre Sociologie holen. Von ihrer geistigen Ueberlegenheit werden andere Völker den wahren Sinn der Religion lernen, kurz ich glaube, dass die Hoffnung der Menschheit in der Entwicklung ruht, die die jüdische Rasse nach ihrer Heimkehr ins Stammland nehmen wird ..." „Von der Zeit Christi bis zu unserer Generation, kannte die Aussen weit thatsächlich nichts vom Leben und Thun der Juden. Lange Jahrhunderte hindurch wurden die Juden von Christen und Heiden in jedem Lande verfolgt, und diese Thatsache führte zur Bewahrung ihrer Individualität. Ueberall angegriffen, schlössen, sich die Juden enger aneinander, heirateten unter sich und hatten verhältnismässig geringen Verkehr mit der Aussenwelt. Und das war ihr Heil. In der jüngsten Zeit jedoch hat die Emancipation ihre Identität als Rasse zu stören begonnen. Sie sind nicht mehr miteinander durch die stärksten Bande, die der Verfolgung, verknüpft, sondern haben sich mit der Gesammtheit vermischt. Und der Jude sucht heute oft seine eigenen socialen und finanziellen Interessen und vergisst in hohem Grade seine jüdischen Brüdei* Die allgemeine Ansicht, dass alle Juden selbstlos für einander wirken, ist nicht mehr wahr. Jeder versucht, über den anderen hinauszukommen. Vor etwa fünf Jahren gab diese Lage zu den schwersten Besorgnissen Veranlassung. Es schien, als ob die jüdische Rasse in kurzer Zeit in anderen Rassen untertauchen und gänzlich verschwinden sollte — nach einer dreitausendjährigen, wundervollen Erhaltung . . .tf „In der jüngsten Zeit sind politische und geistige Kräfte von grosser Macht aufgetreten, welche im Laufe des Jahrhunderts zur Herrschaft gelangen und das Schicksal der Rasse bestimmen werden. Meine Hoffnungen für die, Rasse ruhen in der zionistischen

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