Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 21 (23.5.1901)
- Article
- Bericht der Delegation der russischen "Chowewe Zion" über die Pariser Conferenz
- Date
- 1901-05-23
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 21 „Die $ Welt" Seite 3 die Mittel zur Ansiedrun g verleihen zu wollen. Die Erledigung der Formalitäten ist keine rasche; ausserdem muss man noch schmerzlich hinzufügen, dass die „Colonisation Association" weder die Pflicht noch den Wunsch spürt, die nöthigen Mittel zu gewähren. Als die einzige positive Erklärung von ihrer Seite erscheint das Versprechen, alle möglichen Wege einzuschlagen, um den Arbeitern productive Arbeit zu verschaffen, zum Beispiel bei einer Farm, Tabakbau, Seidenspinnerei in Rosch-Pinah oder auf dem Wege von Einführung irgendeiner Industrie. Sie will keine Verpflichtungen den Arbeitern gegenüber übernehmen; was aber die Industrie betrifft, werden sie nur im Nothfalle etwas^ einleiten. Ihr Wunsch ist, dass die Initiative in dieser Sache anderswoher ausgehe. Diese Daten alle erscheinen mir für einen Theil der Arbeiter als Lösung ihrer Frage, und zwar für den, der mit Geduld gewappnet ist und mit der Fähigkeit, sein Leben unter den ungünstigsten Bedingungen zu erhalten. * Das ist die Situation, wie sie der Delegation nach allen Zusammenkünften und Unterredungen erschien. Nachdem wir das Facit davon gezogen haben, haben wir es natürlich mit den uns von der Versammlung auferlegten Aufgaben verglichen. Diese Aufgaben sind in folgenden Punkten der Instruction ausgesprochen: a) Die Abordnung soll zu erwirken suchen, dass allen Arbeitern und ColorJfcten die Möglichkeit gegeben werde, in Palästina zu verbleiben. tl) Die Delegation muss zu erwirken suchen, dass bei Einrichtung der Colonisten und Arbeiter mit dem System der Bevormundung gebrochen wei de und dass den Colonisten und Arbeitern die Möglichkeit der freien Einrichtung ihrer Lage gegeben werde. Weder die eine, noch die andtre Aufgabe kann man jetzt als gelöst anerkennen. Also entstand die Frage : WTas kann und was soll die Delegation noch unternehmen? Was die erste Aufgabe betrifft, konnten wir constatieren, dass die Sache wenigstens in Bezug auf die Colonien, auf dem Wege zu ihrer Lösung sich befindet. Wir mussten ferner gestehen, dass bei den gegenwärtigen Verhältnissen und bei der Richtung, welche von Anfang an unserer Mission in Odessa und Palästina verliehen wurde, man jetzt nichts Grösseres erreichen konnte und weitere Schritte vergebens wären. Anders ist es mit der zweiten Aufgabe. Es ist wahr, dass die Vergangenheit von allen als unbefriedigend anerkannt wurde und die von uns aufgestellten Forderungen als rechtmässig für die Zukunft. Diese Frage ist aber jetzt im üebergangsstadium, dessen fernereEntwicklung nichterkannt und vorausgesehen werden kann. Ausserdem ist die Art der Frage eine solche, dass es schwer ist, eine Grenze zwischen dem Ganzen und einem Theile davon zu ziehen. Wurde aber auch von der Abordnung alles versucht, wozu die Plenarversammlung sie ermächtigte : Erklärung, Ueberzeugung, Fürsprache? — Alles wurde in Gang gesetzt, aber ohne unmittelbaren Erfolg. Wir constatieren nochmals mit tiefem Bedauern, dass uns die Möglichkeit der allseitigen Erläuterungen versagt war, welche nur in langdauernden Discussionen geboten wird. Es blieb noch ein Mittel: Der Protest — der persönliche und öffentliche — ein Protest im Namen der jüdischen öffentlichen Meinung, ein Recht, welches die Versammlung uns ertheilt hat. Wollten wir den Auftrag der Versammlung logisch durchführen, so mussten wir ohne Verzug dieses Mittel erproben. Und whklich waren auch drei Mitglieder der Abordnung, die das verlangten, mit der Behauptung, es gebe kein Anhalten, keine Compromisse, wenn es sich um die Umschaffung der Colonien nach neuen Principien handle. Die Delegation hielt sich für verpflichtet vor der Entscheidung über diesen Antrag erst die Folgen dieses Schrittes zu prüfen. Diese Folgen könnten die verhängnisvollsten sein, wie niemand leugnen kann. Es ist schwer zu prophezeien, aber es ist möglich, dass unsere heilige Sache in Palästina sich schwer von dem Schlage hätte erholen können, welchen die Abordnung in diesem Falle heraufbeschworen hätte. Hatten .wir das Recht dazu, insbesondere jetzt bei den oben erwähnten Verhältnissen? Die Abordnung in pleno, ausser den oben erwähnten drei Mitgliedern, fand, dass dieser Weg von ihr nicht gewählt werden könne. Mit überwiegender Majorität beschloss sie auch, dass das Lebensinteresse des Existierenden und mit solchen Mühen und solchen Opfern Geschaffenen ihr heilig sein müsse und nichts unternommen werden dürfe, was sich nachträglich als ihm verderblich herausstellen könne. Nachdem dieser Beschluss gefasst war, unterbrach die Delegation .ihre Thätigkeit in Paris. * Damit ist aber ihre Aufgabe nicht zu Ende. Die Delegation hat anerkannt, dass die Versammlung sie mit der Durchführung bestimmter Aufgaben betraut hat. Diese Aufgaben sind noch nicht gelöst, und folglich muss die Abordnung sich fortgesetzt um ihre Verwirklichung bemühen. Den Weg dazu zu beurtheilen und zu bestimmen, ist Sache der Anordnung. Nur die Verwirklichung der ertheilten Aufträge oder die nächste grosse Versammlung sind imstande, die Abordnung von den übernommenen Verpflichtungen und Mühen zu befreien. Die Abordnung beschloss daher, sich zu organisieren und ihre Thätigkeit bis zum Eintritte eines dieser Momente fortzusetzen. Aus dem Herzen kommt ihr Wunsch, dass der erstere der frühere sei! Für die Delegation: Paris, Mai 1901. Dr. E. W. Tschlenow. Zur rumänischen Judenfrage. Das „Bukarester Tagblatt" berichtet: Während kürzlich die Mitglieder der Loge „Bnei Brüh" in Jassy eine Sitzung abhielten, zogen zweihundertfünfzig arbeitslose jüdische Handwerker vor das Haus, wo die Sitzung stattfand, und schrieen, dass sie Brot wollten und Unterstützung, um auszuwandern. Als man ihnen sagte, dass sie noch warten mögen, da das Geld von der „Alliance israelite" noch nicht eingetroffen sei, drohten die Handwerker, welche mit ihren Frauen und Kindern gekommen waren, die Loge mit Steinen und Knütteln zu devastieren, so dass man gezwungen war, die Hilfe der Gendarmerie und Polizei in Anspruch zu nehmen, um den Platz zu räumen. Andererseits intervenierte auch der Präsident der Loge Herr Golde nthal und bat die Leute, sich zu zerstreuen. Unter den Rufen : „Wir sterben vor Hunger! Wir wollen zu Fuss nach Hamburg gehen!" zogen sich die Handwerker aus dem Hofe zurück. Diese Manifestation hat unter der jüdischen Bevölkerung von Jassy grosse Aufregung hervorgerufen. Wie es heisst, ist die Manifestation durch falsche Gerüchte provociert worden, welche unter der armen jüdischen Bevölkerung verbreitet wurden, dass nämlich die Juden in Amerika eine Million Dollars gesammelt hätten, um die bedürftigen Glaubensgenossen des Auslandes und insbesondere Rumäniens zu unterstützen. * Bukarest, 17. Mai. Der Zionistenverein in Jassy verständigte die Pariser „Alliance israelite", dass nur die schleunigste Bewilligung der erforderlichen Geldmittel zur Massenauswanderung der in furchtbarer Nothlage befindlichen erwerbslosen Israeliten den Ausbruch einer völligen Katastrophe verhindern könne. Die Cultuswahlen in Prag. IL Ein Abriss der Geschichte der Cultusgemeinde Prag und ihrer Führung deckt bekannte Sünden auf. Wie überall, vergassen auch hier die sogenannten leitenden Kreise Manneswürde und Stolz, um sich um jeden Preis im deutschen Casino festzusetzen, Hessen sich bald hinauswerfen, bald wieder gnädigst herbeirufen, um wieder bedingungslos und selbstvergessen sehr viel Geist und noch mehr Geld für einen Liberalismus auf Kündigung zu verschwenden. Aber die Gefälligkeit der Juden hörte vor dem Thore ihres Gemeindehauses nicht auf, und kurzsichtig wurde die eiserne Kette zwischen der Prager Juden gemeinde und den Deutschnationalen eng geschlossen. Diese entschlossene Parteinahme, die jede loyale Verständigung mit dem czechischen Theile der Bevölkerung ausschloss, war eine Sünde der Machthaber, die das jüdische Volk in den Aufständen von 1897 bitter entgelten musste. Das Fehlen hoher Standpunkte, die Kurzsichtigkeit in der Gemeindestube hinderte es auch, dass die zuströmende jüdische Landbevölkerung, die der anti-