Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Schekeltag in Bulgarien (Original-Telegramm der "Welt")
Date
1901-05-23
Page
2 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315927--26269-3397261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 5 „Die & Welt" Nr. 21 Schekeltag in Bulgarien. (Original-Telegramm der „Welt".) per Schekeltag für Bulgarien hatte einen ausserordentlichen Erfolg und bewies in jeder Hinsicht die Zweckmässigkeit der neuen Institution.*) In vielen Orten gestaltete sich der Schekeltag zu einem Festtage, den die ganze Bevölkerung, Alt und Jung, feierte. Bei .den Festlichkeiten wechselten zionistisch-agitatorische Reden mit festlichen Darbietungen aller Art Die Schüler Md Schülerinnen nahmen unter Leitung ihrer Lehrer an der festlichen Begehung des Schekeltages theil, declamierten Gedichte und sangen hebräische Lieder. Auch Nichtzionisten wohnten den Veranstaltungen bei. Einen besonders schönen Verlauf nahm die Feier des Schekeltages in Philippopel, Rasgrad, Jamboli,. Nova Zagora (Festversammlung in der Synagoge), Haskowo und Dupnica. Die Zahl der Schekelzahlenden hat sich in diesem Jahre um ein Bedeutendes v e r m e hrt. Bericht der Delegation der russischen „Chowewe Zion" Uber die Pariser Conferenz. Herr Dr. E. W. Tschlenow, der soeben ron der Pariser Conferenz zurückgekehrt ist, welche die Delegierten der „Chowewe Zion" mit den Vertretern der ,.Ica" und Baron E. v. Rothschild abhielten, übermittelt uns einen Bericht über diese Verhandlungen, den wir im Nachstehenden wiedergeben : Der Bericht constatiert zunächst, dass die Situation sich seit der Odessaer Conferenz in gewissem Sinne modificiert habe. Noch immer ruhe alle Macht in einer einzelnen Person. Die Palästina-Commission, die ernannt worden sei, leide an dem alten Fehler, dass sie von Paris aus palästinensische Angelegenheiten leiten wolle. Was aber die Administration in Palästina anlange, so wäre man zur Erkenntnis gekommen, dass in den früheren Jahren in dieser Hinsicht „des Guten zuviel" gethan worden sei. Man habe daher eine Milderung des administrativen Regimes eintreten lassen, eine Thatsache, die von den Vertretern aus den Colonien selbst bestätigt werde. Es müsse des Weiteren constatiert werden, dass bei den Pariser Herren den Colonisten und Arbeitern gegenüber ein Misstrauen vorherrsche, das ebenso unbegründet als betrübend sei. Den wesentlichen Theil des Berichtes lassen wir nun in wörtlicher Uebersetzung aus dem Russischen folgen: Die Forderungen der Delegation lauteten : 1. Als Grundübel, unter dem die Colonien die ganze Zeit litten, erscheint das Regime der administrativen Vormundschaft. Unter der neuen Administration gemässigt, bleibt es doch seinem Wesen nach dasselbe und droht nach unserer tiefen Ueberzeugung alle Anstrengungen und Opfer unfruchtbar zu machen, welche jetzt im Interesse der Neugestaltung der Colonien gebracht werden. Wir glauben deshalb, dass es im Interesse der Sache nothwendig ist, sich von dem System der administrativen Bevormundung loszusagen und es den Colonien zu überlassen, ihre Lage auf Grund absoluter Selbständigkeit einzurichten. 2. Detaillierte Pläne einer Neuorganisation der Colonien und einer Regelung der Arbeiterverhältnisse haben keine Garantien der Zweckmässigkeit und praktischen Ausführbarkeit, wenn sie von fremden Personen, ohne active Betheiligung der Interessenten selbst, getroffen werden. Wir glauben deshalb, dass zum Zwecke der Lösung und Verwirklichung der mit dem definitiven Arrangement verbundenen Fragen eine Commission in Palästina ins Leben gerufen werden muss, welche aus Vertretern der die Colonisation in Palästina fördernden Organisationen und aus Delegierten der Colonisten und Arbeiter zusammengesetzt sei. Dieser Commission liegt unter anderem die Ausarbeitung von Massnahmen ob, die zur Sicherung einer regelmässigen Verwendung der bestimmten Summen und ihrer bestimmten Rückzahlung in gewissen Terminen dienen sollen. *) Vgl. Leitartikel der „Welt" Nr. 49, 1900. 3. Trotzdem wir glauben, dass die Competenz der Commission durch ihre Zusammensetzung genügend garantiert ist, dass die Sachlage die Versicherung einer möglichst raschen Erfüllung ihrer Beschlüsse verlangt, denken wir doch, dass der Ernennung cter Commission zwei Bedingungen vorausgeschickt werden müssen: a) die Colonisten und Arbeiter verpflichten sich im voraus, sich allen Beschlüssen der Commission zu unterwerfen; b) in gleicher Weise müssen die in der Commission vertretenen Organisationen im voraus für die Möglichkeit der Verwirklichung ihrer Beschlüsse bürgen. In Anbetracht der Compliciertheit und Langwierigkeit der Arbeiten der geplanten Commission wird es nothwendig sein, dafür zu sorgen, dass, bis über ihre Resultate Klarheit geschaffen wird, die Existenz der Colonisten und Arbeiter nicht ruiniert werde. in einer ganzen Reihe von Zusammenkünften und Unterhandlungen, welche wir mit dem Baron Rothschild und den Vertretern der „Iea" hatten, waren wir bestrebt, alle von uns aufgestellten Poiikte zu begründen, wie auch den im Memorandum entwickelten Grundsatz, dass als einziges Mittel der radicalen und rechtmässigen Lösung der Arbeiterfrage ihre Colonisierung in Palästina erscheint. Wir werden wahrscheinlich in nächster Zukunft den ausführlichen Gang aller Unterredungen und unsere Beurtheilungen veröffentlichen. Jetzt wollen wir uns auf eine kurze Mittheilung der Resultate nach den einzelnen Punkten beschränken. 1. Wir erklären offen und aufrichtig, dass die Anerkennung der vollständigen Selbständigkeit der Colonien von uns jetzt nicht erzielt worden ist. Unsere Ueberzeugung, dass es unmöglich sei, zu colonisieren, ohne diejenigen zu fragen, welche colonisiert werden sollen, stiess auf die ebenso feste Meinung, dass die Neugestaltung der Colonien unmöglich sei, wenn die Pflanzer selbst gefragt werden müssen, reicht genug daran : Die Mitglieder der Palästina- Commission haben sich privat geäussert, als sie uns gegenüber ihr Urtheil darüber gaben, dass die Einberufung einer officiellen Sitzung dieses Punktes wegen unmöglich sei. Trotzdem aber die hiesigen Leiter mit uns in dieser Frage principiell nicht einverstanden waren, anerkannten sie doch vollständig die Berechtigung dieses Standpunktes für die Zukunft, von der Zeit an, in welcher die Colonien zur Möglichkeit selbständiger Existenz und Abzahlung ihrer Schulden gelangt sein werden. Ihr Zweck sei es — erklärten sie —- dies zu erstreben; dann werden die Colonisten vollständig ihrem Schicksale überlassen werden, wie es auch sein mag. Bis dahin aber müsse das administrative Regime erhalten bleiben, werde aber nur auf das Notwendigste beschränkt sein; man wolle nämlich die unnöthigen Interventionen vermeiden. Die innere Selbstverwaltung der Colonien, ja sogar ihre Organisierung zu einem Verbände, sei zwar officiell noch nicht sanctioniert, erscheine aber als Factor, dessen Nutzen und Bedeutung auch hier anerkannt worden. % Viel günstiger sind die Nachrichten, welche wir über das künftige Schicksal der Colonisten geben können, welche sich unter dem Protectoiate des Barons Rothschild befinden. Uns wurde von aUen an dieser Sache Betheiligten versichert, dass alle Colonisten dieser Colonien in ihrer Existenz gesichert werden sollen, und awar aut Grund jener Principien, welche jetzt von uns allen als zweckmässig anerkannt werden, das ist als Ackerbauer. Bedeutende Ländereien sind schon und werden noch angekauft, und unsere Colonisten werden in unserem Lande verbleiben. „Die Colonien zur selbständigen Existenz und Unabhängigkeit zu bringen" — erklärte uns der Präses der Ica, Herr N. Leven — „ist jetzt Ehrensache der ,Jewish Colonisation Association'." 3. In Bezug auf die Abnahme der Trauben wurde uns erklärt, dass aus den Colonien des Barons das ganze Quantum entgegengenommen wird, aus den anderen bis zu einer möglichen Grenze. Bedauerlicherweise werde von ihm der Preis wahrscheinlich herabgesetzt werden, da es unmöglich sei, den so schweren gegenwältigen Bedingungen des Absatzes (Marktes) gar keine Rechnung zu tragen. 4. Viel weniger tröstliche Nachrichten müssen wir über das Schicksal der Arbeiter mittheilen. Man muss mit Bedauern constatieren, dass man hier die moralische Pflicht ihnen gegenüber nicht anerkennt, und dass man keinen Wunsch hat, sie als tüchtige Elemente bei der Landwirtschaft zu erhalten. Nichtsdestoweniger erklärte uns Baron v. Rothschild am Ende unserer Unterredungen als seine Absicht, einen grossen Theil des Charans (ca. 65.000 Dunam) zur Verfügung zu stellen, sobald die für die Ansiedlung nöthigen Formalitäten erledigt sein werden — olme aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.