Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Article
- Zwei Sprüche vom Juden-Mai
- Date
- 1901-05-17
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die jfr-.WcIt" Nr. 20 denn Ihr wäret überzeugt, genug gethan zu haben. Oder Ihr wäret unzufrieden — und es gibt wahrlich überall im Leben und in der Welt Dinge genug, um einen unzufrieden zu machen — und girnget abseits, um bitter ruhig zuzusehen, .wie dieses Volk — Euer Volk — seinen Lebenskampf weiterkämpft. Und rufen doch tausend und tausend Arbeiten nach Menschen; und heimlich ist der und der und der von Euch gerade für diese und jene Arbeit geschaffen; aber nun stehen Mann und Werk verwaist da. Und kann docli nur das voll gelingen, darein ein Volk seine ganze Glut und Kraft legt. Und der Segen der Erfüllung kann nur dem stillen Helden werden, der alle Schäden kennt und doch freudigen Mundes spricht: „Ich Lab' noch viel zu erwarten — Leib und Leben setz' ich daran." Botschaft des Frühlings und der Sonne möclilc ich heute senden an die Kalten und au die Lauen. Jenen möchte ich sagen: Erkennet das Leben! Und diesen: Gebt Euch dem Leben hin! Barucb ben Nerijahu. Maizauber. Kahl und starr ist noch der Baum, Doch im allerhöchsten Zweige Sitzt der Frühling, und er geigt Sehr vergnügt auf seiner Geige. Weiss der Zweig nicht, ob er's soll, Aber bald wird er es müssen, Denn die Luft bebt von Gesängen Und die Erde bebt von Küssen. Und noch in dem kleinen Zweige Küsst sich's wie von Menschenlippen, Bald wird an das grüne Herzchen Rosenfarb'ner Finger tippen. Junges JSpriessen. wird sich bald Aus besonnter Schale drängen, Denn die Erde bebt von Küssen Und die Luft bebt von Gesängen. Martin Buber. Königin Judith. Von Maria lanitschek.*) Die Welt war für ihn ein jubelndes Ja. In seinem Lande herrschten zwei Gottheiten: Allah und Christus. Er aber war mächtiger als beide, denn er lebte. Und wenn die fahrenden Sänger, die aus den dinarischen Gebirgen niederstiegen, von Hot'zu Hof ihre Heldenweisen erklingen Hessen, vergassen sie nicht, Kronios zu singen. Er hatte nie eine ruhmwürdige That vollbracht, nie das Schwert geführt oder ein Gesetz begründet, aber er war ein Fürst des Bösen, und d^r Teufel und Gott berühren sich ja in so vielen Stücken. — Seinen Eeichthum hatte er von seinem Vater geerbt, der als schöner, gefeierter Greis mit achtundneunzig Jahren gestorben war. Dieser hatte wieder von seinem Vater geerbt. Woher nun der die Goldbarren und Juwelenschatze besass, konnte sich niemand erinnern. Wer wüsste auch mit Bestimmtheit anzugeben, woher sein Reichthum stamme? Meist ist es sehr gut, dass über der Quelle dieses Wissens — Gras gewachsen ist. . . *) Im Einverstandnisse mit der Verfasserin entnehmen wir diese Erzählung der Novellensammlung „L,ilienzauber", weiche im Verlag Kreisende Rin ge in Leipzig erschienen ist. Kronios stand in dem Alter des Mannes, wo seine ihm bevvusst gewordene Kraft wie ein schlummernder Blitz in ihm ruht, bereit, bei der ersten Willensregung hervor- zubrechen, zu zünden ... Er hatte nur das Ja des Lebens vernommen. Auf seinem Schlosse, das sieben Stunden südlich von Mostar, zwischen meilenweiten Wäldern lag, hatten sich die heitersten und mörderischesten Begebnisse ereignet. Meistens hatten sie gut geendet, denn ihr Held war stets — das Weib gewesen. Und Kronios mit seinen vierzig Jahren Erfahrung, die er in allen Ländern der Erde gesammelt und, zu seinem Nutzen ausgebeutet hatte, mit seiner fürstlichen Schönheit, die er durch alle.Zaubermittel der Kunst noch zu erhöhen wusste, siegte immer im aphrodisischen Kampfe. Eines Tages hatte er wieder einen Weg durch die Welt unternommen. In allen Städten war ihm das Ja erklungen von rothen und blassen Lippen. Gelangweilt begab er sich auf den Heimwrg. In der Hauptstadt Oesterreichs machte er Halt. .Wiens Cavaliere hatten eben einen neuen Sport erfunden: das Abschlagen der Tischecken mit der Faust. Kronios besass viele Freunde unter den Concurrenten des Herrn Abs. Obzwar seine juwelenfunkelnden, weissen Hände sehr zart aussahen, verbarg sich doch viel Muskelkraft in ihnen. Er hieb innerhalb vierzehn Tagen dreissig Tischen die Ecken ab. Nachdem er die Beglückwünschungen seiner gräflichen und prinzlichen Freunde entgegengenommen und diese zur nächsten Hochwildjagd auf seinen Gütern eingeladen hatte, reiste er nachhause. Unterwegs schlug er seinem Diener, der sich erlaubte, gegen eine unsinnige Laune seines Herrn Protest einzulegen, zwei Backenzähne ein. Und doch sehnte er sich nach Protest, und doch schrie alles in ihm nach dem Nein, dem einzigen Neuen, das für ihn auf der W$lt war. Einst schlenderte er, eine Flinte auf der Schulter, von -seinem Lieblingshunde begleitet, durch die Wälder. Er war in missmuthiges Sinnen versunke?i und dachte weder daran, zu schiessen, noch irgend eine bestimmte Wegrichtung zu verfolgen. Plötzlich stand er auf einer holperigen Strasse. Vor ihm lagen einige ärmliche Lclmihütten, von Aeckern .umgeben. Es war Ljubne, das nächste Dorf der zu seinen Liegenschaften zählenden Orte. Sein gleichgiltiger Blick •streifte leise angewidert die armseligen Behausungen der Leute. Er wollte umkehren, da gewahrte er etwas, das ihn fesselte. Den Rücken ihm zugewandt, leicht nach vorne geneigt, stand die hohe, schlankhüftige Gestalt eines Mädchens in hellgrauem Rock, der fast weiss aussah.- Eine Fülle tiefschwarzen, krausen Haares umgab ihr Haupt, von dem das Tuch herabgeglitten und zu Boden gefallen war. Sie grub Kartoffeln aus der Erde. Kronios blickte sie prüfend an. Es war die Gestalt, die er bevorzugte, die Form, die ihm die liebste war. Wenn vsie sich jetzt zurückwendete und ihm ein hässliches oder missgestaltetes Gesicht zeigte! Er würde sie schlagen vor VVuth. r. Er schlich näher. In diesem Augenblicke kehrte sie •sich heftig um. Sie sah die stolze Gestalt eines Mannes im Jagdanzuge vor sich. Blitzende,- graue Augen über einer iühn geschwungenen Nase schauten nach Ihr; der von einem seidenweichen Schnurrbart halb verborgene Mund lächelte ... Das war er, er, der Teufel von Mostar, kein anderer konnte es sein. Ihr entsetzter Blick hieng einen Augenblick wie gebannt an ihm, dann hob sie zitternd die Hacke und grub weiter. Er hatte sie angesehen, angesehen und war stehen geblieben. Seine Pupillen waren gross aufgegangen. Kein Wort kam über seine Lippen. Dann wandte er sich um. i Und ein Schauer lief durch seinen Leib . . . Judith hatte keine Eltern mehr und lebte bei ihrer Verwandten, einer armen Krämerin. Sie musste im Feld arbeiten und manchmal nach Mostar hinüber, um Einkäufe zu machen. Keiner that ihr etwas zuleide, ihr Leben zu rauben bmchte niemand Gewinn, und das andere, was sie ausser .diesem besass, war ihr behütet von dem Vorurtheil, das *die meisten Burschen gegen sie hatten: sie war Jü'lin. In jener Gegend wollten weder Mohammedaner noch Christen mit den Juden gemeinsame Sache machen.; Deshalb fand atfeh die Ware der alten Zilla so kargen {Absatz. Ausser den paar jüdischen Familien, die bei ihr kauften, bedienten sich die Bauern nur in seltenen Fällen ihres Ladens.! Judith gieng vom Haus auf das Feld und vom Feld nachhause, ohne an Weiteres zu denken.