Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Article
- Brief aus Australien
- Date
- 1901-05-17
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 6' „Dte^^Weir Nr. 20 Brief aus Australien. Melbourne, Ende März 1901. Der politische Kampf, der gegenwärtig im Bezirke Echuca (Victoria) tobt, hat durch die unleidlichen Erscheinungen, die in seinem Gefolge auftreten, dem Schreiber dieser Zeilen so recht drastisch bewiesen, wie recht Max Nordau hatte, als er in seiner grossartigen Artikelserie in Ihrem geschätzten Blatte den Juden ein bisschen mehr Enthaltsamkeit im Streite der politischen Parteien, auch in den fortgeschrittensten westlichen Ländern, empfahl. Zwei Parteien stehen sich in dem erwähnten australischen Bezirke in heisser Wahlschlacht gegenüber: die freihändlerische und die protectionistische, und jede von ihnen macht die verzweifeltsten Anstrengungen, ihren Mann als Vertreter des Districtes Echuca im Repräsentantenhause des australischen Föderal-Parlamentes durchzubringen. Nun trifft es sich aber, dass der Mann, dem die freihändlerische Partei so gerne zum Siege über seinen schutzzöllnerischen Gegner verhelfen möchte, Max Hirsch heisst und ein Jude ist. Dass die politischen Strategen der anderen Partei sich einen derartigen Geburtsfehler nicht entgehenlassen, wäre, wenn es sich in den continentalen Ländern von Europa ereignete, eine alltägliche Erscheinung. Ein anderes aber ist es, wenn man das gleiche Schauspiel in einem von Leuten englischer Zunge bewohnten britischen Colonialreiche erlebt, wenn man sieht, dass antisemitische Schlagworte auch englischen Gentlemen gegenüber, wie dies im Wahlbezirke Echuca der Fall ist, ihre Wirkung durchaus nicht verfehlen. Uebrigens ist dieser Fall nicht der einzige, der sich auf englischem Gebiete ereignet hat. Portsmouth, die englische Hafenstadt, um deren Vertretung im Londoner Parlamente sich vor ungefähr drei Jahren Mr. Mendel bewarb, hat mit dem Schlagworte „German Jew" den Anfang gemacht. Der victoriensisehe Bezirk Echuca in Australien ist nur dem guten Beispiele des Mutterlandes gefolgt. Deutlicher als ich sie schildern könnte, spiegelt sich die im Wahlbezirke Echuca herrschende Stimmung in dem auch sonst interessanten Circulare wieder, das von den politischen Freunden des Mr. Hirsch kürzlich erlassen und an alle Wähler versandt worden ist und folgenden Wortlaut hat : „Geehrter Herr! Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, dass von Leuten, denen man wahrhaftig mehr Mannhaftigkeit und Liberalität zugetraut hätte, der Versuch gemacht wird, der Candidatur des Mr. Max Hirsch Hindernisse in den Weg zu legen, indem man ein Vorurtheil gegen ihn ausspielt. Man versucht die Wähler dadurch gegen ihn einzunehmen, dass man sein Judenthum ins Treffen führt und ihn als Ausländer hinstellt. Im Falle, dass "man es versucht haben sollte, auch Sie auf diese Weise zu beeinflussen, bitten wir Sie, demgegenüber die folgenden, sicherlich gewichtigen Argumente in ernsthafte Erwägung zu ziehen : Strenge genommen kann nian den Juden nicht Ausländer nennen, denn er gehört einer Rasse an, die kein gestimmtes Vaterland ihr eigen nennt. Die Juden sind ob ihres Patriotismus seit Jahrhunderten überall dort berühmt, wo sich ihnen Gelegenheit darbot, ihren Wohnländern Dienste zu leisten. In unzähligen Fällen konnten sie ausgezeichnete Beweise desselben liefern, vom Propheten Daniel, dem Premierminister dreier östlicher Potentaten, angefangen, bis zu Disra eli, Lord Beaconsfield, dem so vielfach geehrten, treuen nnd aufopfernden Diener unserer theuren und beweinten Königin Victoria ^und unseres Reiches. Wo man so deutlich den Vortheil sieht, den England und dessen Colonial-Regierungen von den jüdischen Köpfen unter den Richtern und höchsten Staatsbeamten hatten, würde es nichts anderes als eine Verleugnung der alten, weisen Staatskunst bedeuten, wollte man nun den alten so diametral entgegengesetzte Principien adoptieren. Ein Land, das einem Mr. Isacs als Generalanwalt alle Ehre entgegenbringt, sollte auch einen Mr. Hirsch nicht blöss deswegen verwerfen, weil er Jude ist. Wenn man Mr. Hirsch insinuiert, dass er ein Deutscher sei, so kann darauf nur erwidert werden, dass er naturalisierter britischer Unterthan ist, der, nachdem er dreissig Jah.ie lang unter der britischen Flagge gelebt hat, nur einem alten jüdischen Brauche folgt, wenn er seinem Adoptiv-Vaterlande seine besten Dienste widmet. Mr. Hirsch hat sich nicht aus freiem Antriebe auf das Feld der Politik von Victoria begeben; ein ansehnlicher Theil unseres Volkes vielmehr hat es gewünscht und von ihm verlangt. Als Volk thun wir uns so ungemein viel zugute, wenn wir auf die unveräusserlichen Menschenrechte zu sprechen kommen. Beweist es nun nicht Falschheit und Heuchelei, sich den Mund stets mit Phrasen über Menschenrechte und dergleichen vollzunehmen, während man selber deiartige niedrige, illiberale und bigotte Vorurtheile gegen einen Mann hegt, bloss weil man sich darin gefällt, ihn einen „Deutschen* zu nennen, d. h. wenn man aufrichtig sein will: weil er Jude ist? Es ist Mr. Hi r s c h natürlich nicht möglich, über diese Dinge so frei zu sprechen, wie uns. Deshalb haben wir, als Leute, die wir ihn und seine Principien seit Jahren kennen und schätzen, sowie als gerechtigkeitsliebende Briten es als unsere Pflicht erachtet, Sie zu bitten, den boshaften Verleumdungen engherziger und beschränkter Personen kein Ohr zu leihen." Ob das Eintreten der christlichen Freunde dein Mr. Hirsch nicht mehr geschadet als genützt hat, wird sich erst entscheiden. Soviel aber ist sicher: Unterliegt Mr. Hirsch, was sehr-wahrscheinlich ist, so ist das einzig und allein auf Rechnung seines Judenthüms zu setzen; denn Mr. Hirsch ist ein so durchaus ehrenhafter, integrer Charakter und eine so bedeutende staatsmännische Persönlichkeit, dass man absolut keine andere Erklärung dafür hätte, weshalb sonst die Wähler seinen ziemlich unbedeutenden Gegcncandidaten ihm vorziehen sollten. Die Consequenzen, die sich hieraus mit zwingender Notwendigkeit für uns Juder. ergeben, liegen so sehr auf der Hand, dass ich mich dessen wohl enthoben glauben darf, sie eingehend auseinanderzusetzen. A. J. Solomons. Delegiertentag deutscher Zionisten. Dem offiziellen Berichte der „Zionistischen Vereinigung" entnehmen wir Folgendes : Dr, ßodenheimer erstattete Bericht über die seit dem letzten Delegiertentage abgelaufene Zeit — 20 Monate. In derselben ist ein, wenn auch nicht sehr bedeutender, Fortschritt, insbesondere bei der Jugend, zu constatieren. Im letzten Jahre sind zwei neue Ortsgruppen entstanden, Bonn und Elberfeld, zwei Orte, wo bis dahin alles jüdische Leben erstorben schien. Es hätte sich viel mehr erreichen lassen, wenn dem Central-Comite mehr Mittel zur Verfügung gestellt worden wären. Würde dies in Zukunft geschehen, so würde eine viel regere und intensivere Thätigkeit entfaltet werden, und wären dann auch bedeutendere Erfolge aufzuweisen. Gustav W o 1 f f gibt hierauf den Cassenbe rieht. Es Wurden versandt; circa 1000 Briefe, 400 Postkarten, 80 Packete, 3500 Drucksachen, 20.000 Flugblätter, 200) Kalender, 1700 andere Materialsendungen, ausser vielen directen Briefen des Vorsitzenden und des Cassiers. Zur Kenntnis genommen wird der Wunsch Breslaus: Bevor eine einzelne Ortsgruppe zu principiell wichtigen politischen Fragen öffentlich Stellung nimmt, muss eine Einigung zwischen den einzelnen Ortsgruppen erfolgen, damit jede Gegensätzlichkeit innerhalb der zionistischen Organisation nach Möglichkeit vermieden wird. Das Actions - Comite ist zu ersuchen, auf jeden Schekelcoupon das Baseler Programm abzudrucken. Das Central-Comite so.l alljährlich in Gemeinschaft mit den Vorständen der Ortsgruppen einen Schekeltag festsetzen. Für das laufende Jahr wird hierzu der 17. Juni (Schiwo ossor betamus) bestimmt. An diesem Tage sollen überall öffentliche Versammlungen abgehalten werden. Es wird für Pflicht der deutschen Zionisten erklärt, in allen Städten dahin zu streben, dass Veranstaltungen nach dem Muster der Wiener T oynbee-H allen ins Leben gerufen werden. Der Delegiertentag fordert sämmtliche Zionisten auf, nach Möglichkeit und Gelegenheit in den Wahl kämpf um die Cultusgemeiuden unter zionistischer Flagge einzugreifen. Es wird eine Comrnission eingesetzt, welche ein Cultusprogramm auszuarbeiten und dem nächsten Delegiertentage zu unterbreiten hat. Hierfür werden per Acclamation gewählt: R.-A. Handtk e-Berlin, praktischer Arzt K a u f m a n n-Freiburg und W o 1 f f s o h n-Köln, mit dem Rechte der Cooptation. Der Delegiertentag legt Verwahrung dagegen ein, dass einzelne Rabbiner unter Missbrauch der Kanzelfreiheit gegen den Zionismus, der das Beste des Judenthüms anstrebt, Angriffe richten, die nach Form und Itthalt die durch die Würde des geistlichen Starides und die Heiligkeit des Gottesdienstes gebotenen Grenzen überr