Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Article
- Die alten mährischen Judengemeinden und ihr Ende
- Date
- 1901-05-17
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 „Die a^Welt" Seite 5 Einkünfte wurden also reduciert, während das Budget der Gemeinde gleich stark belastet blieb, da die alten Institutionen auf dem Gebiete der Schule und des Cultus und die alten Wohlthatigkeitseinrichtungen erhalten werden mussten. Dadurch, dass die reichen und wohlhabenden Juden zumeist in die grösseren Städte übersiedelten, gerieth die Armenpflege ins Stocken und legte der Gemeinde und den zurückgebliebenen Reichen oft bedeutende Opfer auf. Dazu kam noch der wirtschaftliche Niedergang der jüdischen Handwerker und die Verarmung der jüdischen Kleinhandel- und Kleingewerbetreibenden, sichtbare Zeichen des äusseren und inneren Verfalles dieser Gemeinde. So sind die heutigen „Khilles" nach aussen nur ein kümmerliches Surrogat der alten blühenden Gemeinden. Ihr inneres Leben zeigt leider allzuoft in Gemeinde und Familie ein verzerrtes Ghettobild : halb Ghettomilieu und Ghettotradition, halb Assimilationsduselei und einen oft kindlich-naiven, draussen in der politischen und socialen Welt längst überholten Liberalismus von anno Eins der Emancipation her. Immerhin lebt in diesen Gemeinden heute noch als Niederschlag überlieferter Ghettotreue ein starker nationaler Geist, die Juden der „Khille" sind national erzogen und ihrem innersten Empfinden nach national gesinnt. Es ist bedauernswert, dass sie seit Jahrzehnten zu fremdnationaler Schacherpolitik als politischer Handelsartikel missbraucht und so demoralisiert, unter der plumpen Führung und Pfuscherhand ihrer Kahalgrössen entnationalisiert werden. Die Emancipation erwies sich für die Juden in mehrfacher Richtung als Danaergeschenk. Die alten Judengemeinden hat sie sehr unsanft hergenommen und ihnen unerbittlich den Garaus gemacht. Das war und ist nicht aufzuhalten. Und wenn wir Zionisten uns wehmüthigen Herzens der heroischen Grösse, der naiionalen Stärke und inneren Kraft der Ghettobewohner erinnern und von unseren Culturjuden nationales Empfinden als pietätvollen Tribut an unsere Ghettoahnen fordern, gelüstet es uns wahrlich nicht, wie manche Dummköpfe glauben oder lügenhafte Demagogen predigen, nach dem Dunkel, nach der Dürftigkeit und Enge des Ghettos. Nur das Gute, Schöne und Starke des inneren nationalen Lebens im Ghetto sehnen wir für die Renaissance unseres Volkes und seine nationale Wiedergeburt herbei, damit aus den Ruinen des Ghettos die Rückkehr zum Judenthum erblühe — vor der Rückkehr ins Judenland. Cultusgemeinde-Wahlen in Prag. Im kommenden Monate finden nach dem neuen Statut die Neuwahlen in die Cultus-Repräsentanz statt. Es ist das ein Ereignis, welches für uns Zionisten ungenützt nicht vorübergehen darf. Wenn die Cultus-Repräsentanz allerorten für die Juden von weittragender Bedeutung ist, in Prag ist sie es umso mehr, weil eine Gemeinde, welche seit vielen Jahrhunderten ohne Unterbrechung bis auf eine einzige Ausnahme in den Jahren 1744—1747 fortbestanden hat, eine angehäufte Machtbefugnis von sehr grosser Bedeutung besitzt Wenn nun die bisherigen Functionäre ihre Aufgabe missverstehen, so entsteht für jene Elemente, denen das Judenthum keine hohle Phrase ist, die Pflicht, Vorsorge zu treffen, dass in Zukunft die wichtigen Posten des Cultusrathes mit Männern besetzt werden, die ihre Aufgabe ernst nehmen und nach dem Zeitbedürfnisse versehen. Lange genug hat die jüdische Bevölkerung unthätig zugeschaut, wie mangelhaft die einzigen Verwaltungskreise, die ihr noch autonom erhalten blieben, verwaltet werden, sie hat lange genug die Vernachlässigung ihrer Rechtsame frei gestattet, sie muss Zeuge sein, wie ein Stück ihres Bodens, welchen ihre Vorfahren mit Gut und Blut sich zu erhalten wussten, entheiligt wird. Ja, ein Stück des alten Judenfriedhofes wird durch die Schuld unserer Repräsentanz zu Bauplätzen verwendet. Die Altneu-Synagoge, ein Baudenkmal aus alter Zeit, ragt, einer Ruine gleich, in die Luft. Trotzdem Fonds von Millionen der Gemeinde zur Verfügung stehen, wird das Armenwesen in geradezu lächerlicher Weise gehandhabt. Hunderte von jüdischen Familien wurden seit einigen Jahren in der Judenstadt und im jüdischen Tandelmarkt expropriiert und an den Bettelstab. gebracht, ohne dass von berufenster Stelle auch nur ein Finger sich gerührt hätte, um dieser erschreckenden Verarmung in irgendeiner Weise zu steuern, ein Boycott sondergleichen wird zur Rege], ohne dass an ein Gegenmittel gedacht wird. In ihrer ureigensten Sphäre, im Religionsunterrichte, sind nachgerade unerträgliche Zustände zur Norm geworden. Im Ritus haben unwürdige Verhältnisse sich herausgebildet, die wohl einzig am Continente dastehen dürften. Nichts, gar nichts geschah, um dem desolaten Zustande ein Ende zu machen, im Gegentheil wird alles gethan, um sie zu fördern. Und das in ei-ier Gemeinde, die seinerzeit richtunggebend war. Eine beispiellose Zersetzung hat platzgegriffen, deren Folgen nicht abzusehen sind. Eine Indolenz sondergleichen, ein Kastengeist wurde gezüchtet, deren traurige Erscheinungen klar zutage treten. Alles das geschah unter dem vorsorglichen Regime der jetzigen Machthaber. Nun soll es anders, es soll besser werden. Vor allem soll eine regelrechte Wahl vorgenommen werden. Die Zionisten haben in Prag schon so manches zuwege gebracht, dessen Anfänge von den erbgesessenen Paschas belächelt wurden und das nach Verlauf einer kurzen Zeit achtunggebietend dasteht, sie werden auch in die Wahlen eingreifen und werden in die Miss Wirtschaft rücksichtslos hineinfahren, wenn auch nur zu dem Zwecke, um an jahrelang bestehenden Missständen zu rüttelu, bis sie fallen. Und wenn sie auch unterliegen, so haben sie doch mit ihrem Eingreifen bewiesen, dass die Zeit vorüber ist, wo vom Rathhause aus Befehle ertheilt wurden, ohne Kritik, ohne Gegenrede zu finden. Es klingt dem Uneingeweihten kaum glaublich, wenn er erfährt, wie bisher die Cultuswahlen gemacht wurden. Mit dieser Wirtschaft muss und wird es ein Ende nehmen. " Die Zionisten haben, um den Vorwurf zu meiden, Zwist in die Gemeinde zu tragen, es versucht, in Güte die ihnen gebürende Vertretung zu erlangen. Allein man kam ihnen so °chroff wie möglich entgegen. Nur gemach, Ihr Herren, es wird sich bei der in der allernächsten Zeit zusammentretenden Wählerversammlung zeigen, wie gross Euer Anhang ist. Und es ist leicht möglich, dass Ihr über die Zahl der Unzufriedenen erschrecken werdet, die in eben dieser Versammlung zutage treten wird. Eine solche allgemeine Unzufriedenheit hat gewiss noch nie eine Cultuswirtschaft erregt, wie es hierorts der Fall ist. Dieser berechtigten Missstimmung soll Gelegenheit geboten werden, sich zu äussern, und sie wird mit elementarer Gewalt zum Durchbruche gelangen. Da wäre es wünschenswert, dass einige der bisherigen Machthaber anwesend wären, damit sie ihr Lob mit eigenen Ohren hören, und sich eventuell vertheidigen. Gelegenheit wird ihnen hierzu gewiss geboten werden, ob sie sie benützen werden, ist sehr fraglich, deun so geringschätzend blickt kein Grosser auf die Misera plebs herab, wie diese Herren, es fängt der Mensch bei ihnen erst beim Fabrikanten oder Advocaten an; garniert wird die Gloriole mit einigen „Uhlanern" (aus dem Worte anlehnen), das übrige Publicum, welches im Rathhause Bescheid weiss, ist ein Tross von protegierten Bettlern, die zum Schaden wirklich Bedürftiger von den ihnen allzu reichlich gebotenen Almosen thatsächlich splendid leben. Nächstens mehr. NB. Es wurde, wie wir hören, versucht, die in mancher Beziehung seit jüngster Zeit gebesserten Zustände in der hiesigen Judenschaft auf das Conto einer Partei zu schreiben, die hierorts ganz und gar keinen Anhang hat. Es sei uns daher gestattet, hier ganz decidiert zu erklären, dass alles, was bisher zur Besserung der jüdischen Zustände geschah, einzig und allein der Thätigkeit der Zionisten zu danken ist. Ph. L. Prag, 10. Mai 1901.