Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 19 (10.5.1901)
- Article
- Die Turnvereine
- Date
- 1901-05-10
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 „Die & Welt40 Seite 9 Wesen und plumper, misstön.ender Uncultur hin- und hergependelt "wurden, wäre es ihnen alsdann möglich, die Poesie eiuer geistigeren Jagend mit; der vollen, schönen Kraft einervolksthümlichen Art einer unlösbaren Einheit zu verknüpfen. Mib'\:c Diese feinen, psychologischen Momete will ich in einem Roman : „Ein Traum vom Leben",;.an dem ich augenblicklich schaffe, künstlerisch und 1 eibhaftjg> darzustellen suchen.. Der Roman soll nach meinem „Ahasyer" .das zweite Stück einer jüdischen Trilogie bilden, und Als dritten Band denke ich an einen Roman: „Sabbatai Zewi". Dabei drängt sich in diesem immerhin zufälligen Zusammenhange der Gedanke auf, wie es doch unmöglich gewesen, dass Sabbatai Zewi die Juden u n m i 11 e 1 b a r, aus ihrer Ghetto-Knechtschaft in die Freiheit führen konnte. Wenn es auch nicht gerade turnerisch sein mag, mit Hegel'schen Logikbegriffen zu spielen, so könnten doch diese Zusammenhänge kaum durch etwas anderes so deutlich und greifbar umschrieben werden. These — Antithese — Synthese. Die Turnvereine vereinen manche ursprüngliche und erworbene jüdische Eigenschaften, die nicht anders , denn als verderblich angesehen-werden, müssen, und bilden so, die Antithese. Aber indem sie von dieser Verneinung zugleich zu der kräftigsten Bejahung des Volkslebens zurückführen^ bilden sie mit dem grossen' zionistischen Volksideale zugleich die herrlichste Synthese. Bilder aus dem jüdischen Turnverein. MeineGnädige! Wie lange., ist es her, dass ich Ihnen geschrieben habe? Es muss ein Menschenalter verflossen s^in seit den Kindheitstagen von Toynbee-Hall. Das junge Baby ist tin reifes.Geschöpf geworden, ein Verein mit Präsidenten, Ausschüssen und Regelrechten Mitgliedern. Sie dürfen auch zahlen, meine Gnädige; deswegen sind Sie noch lange keine Zionistin — beileibe nicht. Wjr haben Frauen und Mädchen aus den allerunzionistisehesten Kreisen, die mit Begeisterung an unserer Sache, arbeiten. Die gemeinschaftliche Thätigkeit für unser Volk, sie schlingt ein einigendes Band um VLele, die sich sonst schroff gegenüberstehen würden. — ..Man lernt uns Zionisten kennön, wie wir sind, nicht, wie unsere Gegner uns darsteilen, man wird unsere Liebe zum jüdischen Volke verstehen, .und endlich, endlich — wer weiss--- Es hat sein Böses, als Zionist zu leben, gewiss — aber wer vermag da frühzeitig abzuurtheilen — am Ende kommen wir . in. die Mode, wie die Seeession, wie der Katheder-Socialismus, wie die graziöse Frauentracht dieses Jahres, die so reizend kleidet, trotzdem sie Mode ist. Ich mag Ihnen nicht frühzeitig rathen, mit uns zu gehen, meine Gnädige, wir. müssen uns mit zu argem. Pack herumschlagen, unser Leben ist durchaus nicht behaglich. Aber dafür.bürge ich, dass es sich unter uns wunderbar stirbt. Sie erschrecken? Sterben, sterben! Wer wird von so Schauerlichem sprechen.?.Nun, meine Gnädige, Sie ■keimen die Art nicht, .wie wir^unser Leben verhauenen, wie wir zu Grabe kommen. . Da ist nichts von Schauer oder Schreck dabei, Man löst sich in seinem Volke auf, man kehrt zurück-in den Schoss Abrahams. Im letzten Hauche erzittert ein „Schema Jisroel" — undJsrael hört. Es gibt auch unter uns Leute, die einander nicht leben lassen.. Aber so ganz todtsterben lassen wir niemanden, der mit uns im Kampfe gestanden ist. Da stirbt Jeder ein Stück mit, und der Verschiedene lebt Tag um Tag immer stärker in uns auf. Sie wissen ja. dass Rosa K ollmanii, unsere wackere Mitarbeiterin .in Toynbee-Hall, gestorben ist. Deshalb ist das gute Kind noch lange nicht todt; fragen Sie nur herum.--. Wir haben sie begraben wie ein Fürstenkind — keinem Judenmädel auf dem weiten Leichenfelde ist je so viel Herrliches naehgesagt worden, wie diesem Kinde aus dem Volke — Blumen bekam sie auf den Sarg; herrliche Blüten, die' aus dem Herzen ~knospen. Liebe,, viel Liebe legten wir mit ihr in die Erde. — Die Blumen werden, von der Frühlingssonne gelockt, aufspri essen, ein ergreifender Duft wird den-guten Ort erfüllen, ein zarter Wohlgeruch, wie von Rosen aus Saron. Die Vögelein werden verwundert die klugen Köpfchen wiegen, sie werden horchen und verstehen, was die Kosen duften, und sie werden es in herrlichen Liedern hinausschmettern. — -Der Wind trägt die Botschaft in die lauten Strassen der Stadt, wo es bald alle Spatzen vom Dache pfeifen werden, was unsere Herzen so stärk m'aeht!' Das Mirakel wird kund, das beglückende Geheimnis von der allumfassenden, unsterblichen Liebe, von der unüberwindlichen Kraft, die uns der Zusammenhang mit unserem Volke bietet. Wenn nur alle wüssten, welche Stärke in diesem "Stamme ruht, von dem so viele gerne abfallen möchten. — Sie lächeln, meine Gnädige? O, ich kenne Sie, wie Sie den inneren Sinn meiner Worte fassen. — Gewiss, wenn die Zweige vom Stamme abfallen, dann verdorren sie. Sie merken es nicht, die Abgefallenen, wie das Mark erstarrt, wie die Säfte trocknen. Erst wenn das Laub abdorrt, wenn der Wind es entführt, dann hören sie ein trübseliges Rascheln, dann begreifen sie, dass sie eigentlich längst gestorben sind, dass ein Verwesungsgeruch von ihnen ausgeht. Im lebenden Stamme liegt alle Kraft. Er ist alt und morsch, d-r Stamm- Juda, und seinen Wurzeln fehlt die Erde. Er bedarf sorgsamer Pflege, ernster, zielbewusster Arbeit, damit eine neue Krone ihn beschatte. Wieder kräuselt ein wissendes Lächeln ihre reizenden Lippen, O nein, diesmal haben Sie es nicht errathen. Ich meine, ausnahmsweise nicht Palästina und nicht den Ackerbau. Ich meine Sie, meine Gnädige. Sie müssen an die Arbeit. Ich weiss. Sie haben Ihre Wirtschaft, die Kinder, die Mädchen, den bärbeissigen Gatten, den Sie verwöhnen. Gewiss, Sie sind eine Musterfrau. Sie verstehen das Kleidermachen, Sie zaubern aus einem alten Kleide zwpi Jacken für die Kinder, ausAbfall vom „Wasch sei denen" einen Hut für die Tochter und aus tausend kleinen Resten einen Teppich. Aber können Sie auf einem Seile emporklettern? Nein! Das habe ich mir gleich gedacht. Kann Ihr Herr und Tyrann springen? Sie müssen nicht gleich an Seitensprünge denken. Es schadet auch nichts, wenn er klettert und Sie springen. Sträuben Sie sich nicht-; Sie müssen springen lernen. Erinnern Sie sich unseres letzten Ausfluges, denken Sie an den schmalen Mühlgraben, der uns fast den Tag gestört hätte...? Eigentlich war es drollig zu sehen, wie eine gewisse kluge Dame, die so vieles gelernt hat und noch mehr weiss, plötzlich rathlos stehen blieb und trübselig dem Wässerlein nachschaute, das absolut nicht aufhören wollte zu fliessen. Schliesslich sind Sie hinübergekommen, aber ich habe es gesehen Sie waren tief gedemüthigfc. Sie haben Thränen geschluckt, als wir Sie mit kräftigem'".Rucke hinüberzogen. Darf ich es frei heraussagen? Ihnen fehlt nicht nur jede Uebung im Springen, Sie Können auch nicht gehen. Sie können weder Schritt halten, noch Schritt wechseln. Sie ermüden utmöthigerweise, weil Sie sich hinschleppen, anstatt im natürlichen Rhythmus dahinzuwandeln. Sie müssen in den Turnverein. Im Turnvereine lernen Sie nicht nur Marschieren und Springen. Sie lernen sogar, an einem Stricke in die Höhe klettern. Sie lächeln schon wieder! Sie denken an Romeo und Julia und denken : „Er" muss klettern. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert, meine Theuio, wenn die Frauen heutzutage was erreichen wollen, dann müssen sie auch gehörig klettern. Gehen Sie in den Turnverein, es kostet nur einen Gulden per Monat, dort lernen Sie sich, das heisst die Kraft Ihres Körpers, gehörig kennen; dort werden Sie auch seine Schwächen, erkennen und durch gehörige Uebung zu Kräften kommen. Wir biauchen kräftige Frauen in Juda, gesunde Mütter, die ihren Kindern Vorbilder sind nicht nur an Tugend und Sitte, sondern auch an Kraft und Gewandtheit. Wir müssen stramme Lebensgefährtinnen haben, wir jüdischen Männer, denn der Weg ist hart und steil geworden. Man jagt uns wieder vom flachen Lande in die Stadt?, ins Ghetto,'wir dürfen nicht abermals verkümmern. Gehen Sie in den Turnverein, meine theure Freundin, Sie finden dort wackere Frauen und liebliche Mädchen. Die Stunden vergehen in Scherz und Neckerei. Aber es steckt tiefer Sinn im scherzhaften Thun. Man schickt die Mädchen jetzt häufig ins orthopädische Turnen, man wünscht, dass sie sich gerade halten, dass sie graziös erscheinen, bringen Sie allen Judenfamilien den jüdischen Turnverein in Erinnerung. Wer zweimal wöchentlich dort am.Reck und Barren arbeitet, bed-irf später keiner Cur. Und für jene, die eines solchen bedürfen, wird auch ein Ours geschaffen. Wir haben genug junge Aerzte, die es verstehen lernen. In unserer Fachzeitschrift für bewusstes und zielbewusstes Judenthum — auch Zionismus genannt — tobt jetzt ein grimmiges Wortgefecht. Der bekannte Wiener Schriftsteller Balduin Groll er, dessen graziöse Novellen nicht verrathen, welch ein Fachkenner aller Leibesübungen ihr Autor ist, meint, dass die jüdische Rasse körperlich nicht minderwertig sei, er führt für seine Behauptung zahlreiche Beispiele von Juden an, die sich in Sport-Wettkämpfen erste Preise holten. Er gibt zu, dass die Juden der Gegenwart vielfach verkümmert sind, das