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Die Welt · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Article
Zur Frage der Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden in Galizien
Date
1901-05-10
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 19 „Die # Welt*« Seite 7 an Stelle der billiger producierenden Fabrik eine Hausindustrie zu schaffen. Galizien seibat produciert ausserdem nicht die für die Hausindustrie notwendigen Güter. Diese müssten aus anderen Ländern herbeigeschafft werden. Und was nützen dann die billigen Arbeitskräfte Galiziens, wenn schon das Product, das zur Verarbeitung gelangen soll, sich zu hoch stellt und deswegen nur fabriksmässige Weiterverarbeitung verträgt. Es könnten daher die Producte weder im Lande selbst, noch weniger aber ausserhalb desselben lohnenden Absatz finden, weil eben die Fabrik billiger produciert. Das Hauptsächlichste aber ist der Umstand, dass die Hausindustrie in der Gegenwart nur für Präcisionsarbeiten Berechtigung hat. Es wäre daher gegen jedes Vernunftprincip, mit einer absterbenden Betriebsformjeine Action für die Zukunft einzuleiten. Man wird wohl einwenden, in Galizien, das sosehr in Bezug auf wirtschaftliche und industriellejEntwicklung zurück ist, wäre die Einführung von Hausindustrien nichts Reactionäres. Dabei aber vergisst man, dass die industrielle Entwicklung Galiziens eine Frage der nächsten Zukunft sei und es dabei nicht auf die Industrie Galiziens, sondern zürn indestens Oesterreichs, wenn nicht ganz Europas ankommt. Denn zu .einer Zeit, wo die Transportkosten so gering sind, dass sie oft kaum den Bruchtheil eines Procentes der Gestehungskosten ausmachen, kommt nicht mehr die Entwicklung eines Landes in Betracht. Und dass die Zollgrenze kein Hindernis für die industrielle Einfuhr bildet, dafür bietet die Ein- und Ausfuhrstatistik der Waren genügende Beweise. Geringe Transportkosten kämen aber auch Galizien zustatten — könnte man einwenden. Ja, einer galizischen Fabriksindustrie. Denn diese würde unbedingt viel billiger producieren und könnte für den Anfang wenigstens concurrenzfähig auf dem Weltmarkte auftreten, trotzdem sie ziemlich von demselben entlegen ist und das russische Absatzgebiet wegen allzuhoher Zölle wenig in Betracht kommt. Nichtsdestoweniger würde eine Industrie lohnenden Absatz auf dem ganzen Balkan und im Orient finden. Wir glauben demnach, hinlänglich gezeigt zu haben, dass die Einführung von Hausindustrien in Galizien, wenn sie auch ini allgemeinen, und dies gilt auch für Galizien, eine Mildeiung der Noth herbeiführt,, speciell in diesem Falle eine dauernde Abhilfe zu bewirken nicht imstande ist. Und nun zum zweiten Punkte: der Gewährung unverzinslicher Darlehen an Handwerker und Kleingewerbetreibende. Zuvörderst möchten wir constatieren, dass diese Massnahme jederzeit von Erfolg begleitet ist. Soll es ja die einzig richtige social politische Einrichtung zur Hebung und Förderung des Kleingewerbes sein. Eine solche Massregel bedeutet eben nichts anderes als die Ausstattung des Kleingewerbes mit demselben Machtmittel, mit dem die Grossindustriellen operieren, mit Capital. Bei unser capitalistischen Gesellschaftsordnung ist doch dieser Factor der massgebendste beim Productions-Processe. Allein eines dar* dabei nicht vergessen werden. Die Ausstattung des Kleingewerbes mit Gäpital bedeutet nur die Unterstützung bereits bestehender Gewerbe, eine Verlängerung des Kampfes, den das Kleingewerbe mit der Grossindustrie auszufechten hat. Jeder Volkswirt ist sich dessen bewusst, dass diese Massnahme nur deshalb ergriffen wird* um eine jähe Krisis aufzuhalten^ um den plötzlichen Rtlin des Kleingewerbes in ein langsameres Tempo überzuführen, nicht aber deswegen, um es% vom Untergange, dem es unentrinnbar geweiht ist, zu retten. Man ist längst darüber einig, dass das Kleingewerbe in diesem Kampfe den Kürzeren ziehen muss. Nun-wäre diese Massnahme für die Handwerker und Gewerbetreibenden Galiziens von derselben wirtschaftlichen Bedeutung und würde auch da die Krisis verlangsamen, der Bevölkerung Zeit geben, sich den neuen Strömungen zu accommodieren. Ja, speciell für Galizien wäre diese Massnahme von umso grösserer Bedeutung, als das Handwerk von" der' Industrie noch nicht verdrängt ist, wie dies in anderen Ländern der Fäll ist. Wiederum aber handelt es sich nicht so sehr clarum, bereits bestehenden Handwerken aufzuhelfen, als ^darum, die Leute jetzt erst zum Handwerk heranzuziehen. Eine Hilfsaction zugunsten der Arbeits- und Beschäftigungslosen Galiziens müsste modernere Mittel wählen, als das der Erziehung zum Handwerk. In demsei ben Masse* als f\\\e. solche Action für bereits bestehende Gewerbe und.Handwerke, von Nutzen, wäre, wäre die Heranbi lduug^;li(;euer Saiid>vrerker verfehlt. Denn darüber muss manusieh, feto; sein-:^detv;,Jud.en Galiziens fohlt es an A r fe.^ i.t Äg ei e.g e ivh?e Iii]} Es hiesse also nur u och: eine Vergi'ö^sepüiägfdes Glends:, 4a, durch eine Vermehrung der Handwerker die Gpfteurreriz. erhöbt würde. Wäre in Galizien Mangel an jüdischen Handwerkern, so müsste es ja den bereits vorhandenen materiell umso besser ergehen. Und doch ist dies nicht der Fall, sondern gerade das Gegentheil. Aber noch von einem änderen Gesichtspunkte aus betrachtet, wäre eine Action im obigen Sinne verfehlt. Der jüdische Handwerker und Gewerbetreibende in Galizien leidet unter einem allgemeinen wirtschaftlichen Boycott, der leider auch von jüdischen Kreisen ausgeht. Denn dass die christliche Bevölkerung es vorzieht, bei einem Glaubensgenossen ihre Bestellungen zu machen, wäre im allgemeinen und beim Stande der antisemitischen Bewegung in Galizien nicht zu verwundern. Geht doch die Hetze so weit, dass Katheder, Kanzel und Presse miteinander wetteifern, den Boycott zu predigen. Aber auch das jüdische Publicum überbietet sich leider gegenseitig im Schimpfen über die Arbeit jüdischer Handwerker. Es gilt für vornehm, sich seine Kleider und Schuhe bei einem Christen beschafft zu haben. Soweit ist das jüdische Gefühl, soweit das nationale Selbstbewusstsein geschwunden. Wer die Verhältnisse in Galizien kennt, weiss auch, dass es keine Verbesserung der socialen Stellung ist, vom Beschäftigungslosen zum Handwerker avanciert zu sein. Also nicht nur allgemein feststehende Normen der Wirtschaftslehre, sondern auch die speciellen Landesverhältnisse sprechen gegen eine Hilfsaction im obigen Sinne, soll sie von dauernder Wirkung sein. Die Ueberproduction an jüdischen Handwerkern und Gewerbetreibenden ist so gross, dass gerade in jüdischen Centren Galiziens die Auswanderung oft am grössten ist. Dieser Umstand beweist also, dass die jüdischen Handwerker nicht genug Beschäftigung finden, nicht einmal in ganz jüdischen Gemeinden, wie dies in Brody, Tarnopol, Skalat, überhaupt im östlichen Theile Galiziens der Fall ist. Drängt also schon der natürliche Lauf der Ereignisse die Juden zur Auswanderung aus Galizien, so darf diese durch Schaffung einer gesteigerten Concurrenz nicht noch gefördert werden. Es sei denn, dass dieser Auswanderungsstrom durch organisierte colonisatorische Thätigkeit in die richtigen Bahnen gelenkt würde. Dagegen wäre die Schaffung einer jüdischen Fabriksarbeiter- Bevölkerung von umso grösserer Tragweite, als die Wohlfahrt des Landes von der Entwicklung der Industrie abhängt. Wien, im April 1900. J. L i 11 m a n n, Zur zionistischen Frauenbewegung. Die beiden jüngsten Vortragsabende des „Zionistischen Frauenvereines", welche am 6. und 27. April im Congress-Bureau stattfanden, gestalteten sich ausserordentlich animiert und genussreich. Eine Frage von aktuellem Interesse war durch einen Briet' einer Dame aus dem Orient aufgerollt worden, worin dieselbe uin Rath bittet, wie sie es anzustellen habe, um ihr Kind im Glauben ihrer Väter zu erziehen, ohne es den Chicanen, die ihm als Juden drohen, auszusetzen, Herr York-Stein er hatte diese bange Frage, welche eine weit über die Verhaltnisse der betreffenden Dame hinausreichende Wichtigkeit hat, zum Gegenstande einer Discussiou gemacht. Schält mau den Kern der Debatte, welche sehr lebhaft geführt wurde und an welcher sich das Auditorium rege betheiligte, heraus, so ergibt sich die These, dass die Frau, um ihre Kinder richtig zu erziehen, sich erst selbst erziehen, um dieselben den echten Glauben zu lehren, erst selber glauben müsse. Was die jüdische Frau brauche, sei eine gesunde und vernünftige Bethätigung im Interesse der Selbsterziehung und zum Wohle der leidenden Stemmesgenossen. Ein reiches Feld fruchtbringender Thätigkeit eröffne sich der jüdischen Frau; die Errichtung von Heimstätten für Arme - Erwachsene und Kinder — beanspruche Tausende von fleissigen Händen; die Frage der jüdischen Krankenpflege sei in Fluss gerathen : welche Fülle von Anregung für die jüdische Frau, die das Herz am rechten Flecke hat. In vorgerückter Stunde schloss der Abend, ohne dass es möglich gewesen wäre, das reiche Material zu erschöpfen. An diesen Abend reihte sich am 27. April als Fort* setzung ein Vortrag des Herrn Prof Dr. L. Keilner. Der Referent sucht der Lösung der aufgeworfenen Frage näher- /zukofrimen, indem er nach der englischen Fabel vom Königssohne, der auszog, seine Schwester zu suchen, <den Satz als Axiom empfiehlt: „Eines ist zulassen, eines ist zu thun." Was ist zu 1 a s s e n? Die Missachtüng der Tradition. VVir-dürfen nicht,, wie wi£ dies em amsea*em Leichtsinne gethan, den Faden der . Vergangenheit zerschneiden. Das Gefühl der Stammesgenüeinschaffc soll durch Beobachtung d er Feier- und Festtage, wächerhalten werden. Es gelte, die

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