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Die Welt · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Article
Militärarzt Rosenberg
Date
1901-05-03
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seile 14 Die s£ Weft< Nr. 18 Herr Hosenberg sah Fi au Rosenberg an, Frau Rosei-- berg sah Horm Rosen berg an, bis Thränen Frau Rosenberg in die Augen traten. Das konnte Heinrich nicht mehr ansehen. Er verliess das Zimmer. XIII. Sich taufen lassen — das ist leicht gesagt, aber ein schweres Stück Arbeit, bis es gethanl Am folgenden Tage giengHeinrich zum Oberkircheurath. Er fühlte das Zucken der Herzschläge bis an den Hals, und er war doch nicht nervös! Er klingelte — was für einen Lärm das machte! Die drei Minuten im Wartezimmer des Oberkirehenrathes vergiengen gar nicht schnell. Etwas Fremdartiges, Beklemmendes lag greifbar in der ganzen Atmosphäre des Zimmers, in den Wänden mit den Heiligenbildern, im Schranke mit den theologischen Büchern, in den grün bemalten, gothischen Fensterscheiben. Und in dieses Fremdartige, Beklemmende wollte er sich gewaltsam hineinzwängen — für sein ganzes Leben. Pfui, wie schmutzig! dachte er. Pfui, wie gemein! Aber er rührte sich nicht vom Platze. Apathie befiel ihn, jene abscheuliche, fressende, wurmende Apathie. Hoi'ö der Teufel! dachte er. Mag's kommen, wie's kommt. Der Oberkirchenrath trat ein. Es war ein kleiner, feister Mann mit einem glatten, gelblichen Gesichte und zwei Augen, die stachen. Er sprach in tiefem Bass, wobei es vorkam, dass seine Zunge sich kugelartig im Munde zusammenrollte. „Guten Tag, Herr Doctor. Sie führt jedenfalls eine Angelegenheit zu mir. Darf ich fragen, welche?" „Ich möchte zur evangelischen Kirche übertreten." Das Harte, Abweisende verschwand aus dem Gesichte des Pastors. Er-wurde väterlich-vertraulich und liebenswürdig. Aber mehr väterlich-vertraulich als liebenswürdig. „Setzen Sie sich, mein Sohn. Die Pforten der Kirche stehen jedem Irrenden offen." Der Pastor erzählte weiter von den Reuigen, die im Schosse des Evangeliums ihre Rettung suchten. Es wären ihrer viele. Ihm aliein sei es schon gelungen, den heiligen Act der Taufe an dreien zu vollziehen. Einer davon war ein Rechtsanwalt, der Richter werden wollte. Er war nicht lautern Herzens gekommen, und für die wäre es besser, sie kämen gar nicht. Heinrich schwieg. Der Pastor aber hatte eine Bestätigung erwartet, und weil sie nicht kam, legte er einen Theil seiner Freundlichkeit ab. Et* wurde etwas frostig. Er dürfe seine Meinung nicht verhehlen. In den letzten Deeennien wären die „Judentaufen" eine häufige Erscheinung geworden. Aber, du lieber Gott, wie wenige davon wären aus „Reue und Einsicht" geschehen! Die einen thäten es, um Carriere zu machen, die anderen, um ein christliches Mädchen zu heiraten, und wieder andere, um „beide Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen. Man müsse ihm schon verzeihen, wenn er die bündige Frage stellte: „Kommen Sie aus Ueberzeugung?" „Ja, Hoch würden/ meinte Heinrich, aber etwas schüchtern und sehr verlegen, ungefähr wie ein Schüler, der behauptet, er hätte gestern Kopfschmerzen gehabt und hätte deswegen nicht zur Schule kommen können. Der Pastor merkte das und wurde noch frostiger. Er könne natürlich in die Herzen der Menschen nicht sehen, ob ihre Absichten reine wären oder unreine. Aber das Auge des Herrn sieht sie. — XIV. Heinrich hatte sich noch Taufzeugen zu besorgen. Das war wieder ein heikler Punkt, Zuerst das schüchterne Herangehen. Dann das Einweihen in die ganze Angelegenheit, die Auseinandersetzungen, Klarstellungen, Fragen. Das prüfende Gesicht des Vis-ä-vis, das sagen wollte : „Na ja ... verstehen schon . . . wollen einen Stern bekommen oder so was." Der eine Zeuge war Provisor. Er war Reserve-Officier und stand zwei Grade unter Heinrich. Der Mann wurde jetzt sehr vertraulich, behandelte Heinrich als Gleichgestellten und gab ihm allerlei Rathschläge. Der andere Zeuge war ein Kaufmann, ein „Geschäftsfreund" des alten Rosenberg. Der Mann schlug Heinrich auf die Schulter und benützte die Gelegenheit, seinen „bewährten praktischen Sinn" hören zu lassen. „Wenn ich Jude war'* — meinte er — „ich würde mich sofort taufen lassen. Potztausend Donnerwetter — ein Schafs1kopf müssi' ich sein, wenn ich's nicht thäte. Was kümmert's mich, ob ich in die Kirche geh' oder in die Synagoge? Und. wenn ich will, geh' ich in beide nicht . .. Man ist doch gleich was anderes, wenn man sich taufen lässt . . . ganz andere Carriere! ... Die Hauptsache — sehen Sie 'mal zu, dass Sie vernünftig hineinheiraten!" — Und dann der Taufact selbst! — XV. Als Heinrich das Haus des Pastors verlassen hatte, war es ihm sehr unbehaglich zumuthe. Seine Stimmung war der eines Verbitterten sehr nahe. Nun hatte ers glücklich zustande gebracht, die ganze Taufgeschichte, und war durch eine Kette von Demütigungen glücklich dahin gediehen, dass Herr Schulze oder Müller ihm auf die Schulter klopfte! Bist Du glücklich, Heinrich Rosenberg? fragte er sieh mit einem Anfluge bitterer Ironie, ein Citat aus seiner Kindheit in dieser Weise umwandelnd. Etwas Scheues war über ihn gekommen. Er glaubte fest, dass alle Menschen, die da vorbeigiengen, seine ganze Geschichte ihm vom Gesichte ablesen mussten. Er erinnerte sich, dass er einmal mit angehört hatte, wie Schulkinder einem getauften jüdischen Händler „Wasserjudtf nachgerufen hätten War er selbst etwas anderes? Er wollte seine Gedanken gewaltsam von diesem Thema ablenken und auf Blanche concentrieren. Blanche, die nun die Seine werden sollte . . . Aber auch das wollte nicht recht einschlagen. Er konnte sich ihr Bild nicht recht heraufzaubern. Er sah nur dunkle Umrisse, etwas Fremdartiges, Halberloschenes. Es wollte nicht recht hineinpassen in sein gegenwärtiges Gefühlsleben. „Würde Blanche je verstehen, wie ich ihretwegen leide? Fremd würd' ich ihr werden, wenn ich ihr die Leidensgeschichte meiner Taufe erzählte. Die muss als eine Art noli me tangere betrachtet werden, als m e i n Eigenthum .. . Sonst prahlen die Menschen mit der Erinnerung überstandener Leiden. Hier ist die Erinnerung ein neues Leiden ... Ja, ja, ja .. Diese trübseligen Gedanken wurden nicht eben verscheucht, als er in das Haus seiner Eltern trat. Er sah fremde, schweigsame, freudlose Gesichter. Eine fremde Macht schien sich zwischen die jüdischen Eltern und den niehrjüdischen Sohn gelegt zu haben. Die Macht schien greifbar zu sein, etwas Thatsächliches. XVI. Mit wenig Lusf fuhr er nach Wiesbaden zurück. Es war sein Ideal nicht mehr. Blanche zu heiraten. Die Taufe hatte sein ganzes semitisches Wesen aus ihm herausgewühlt und jetzt, nach der Taufe, empfand er, wie fremd Blanche ihm sein müsse, wie wenig fähig, auch nur die gröberen Fäien seines Seelenlebens zu beachten, zu bewegen. Aber er hatte nicht den Muth, die Schlussfolgerung zu ziehen. Er fürchtete, sich lächerlich gemacht zu haben, wenn er seinen Heiratsplan aufgäbe. Was wäre dann seine Taufe? Ein Schatten ohne Wesen. Er besuchte die Räthin. Die Räthin gratulierte ihm. Die Räthin war heute so merkwürdig reserviert, dass Heinrich fragte, ob nichts geschehen wäre. „Geschehen wäre eigentlich nichts." Aber? dachte Heinrich. Und wo ist Blanche? Die Räthin errieth wohl seine Gedanken und kam ihm zuvor. Blanche hätte Migräne. Heinrich gieng weg mit dem Gefühle, dass da etwas geschehen sei, etwas, was die ganze Sachlage geändert hat. Was? Er bekam am selben Tage einen Brief von Blanche: Weisses Papier, grosses Format, parfümiert mit leichtem Maiglöckchen. Alle vier Seiten waren beschrieben, und der langen Rede kurzer Sinn war, dass sie in der Zwischenzeit den Heiratsantrag eines verwitweten Majors angenommen hatte. $fas det) \)ei*eit)*iV Voranzeigen. Wien. (Jüdischer Arbeiterverein.) Sonntag den 5. Mai a. c. veranstaltet unser Verein einen Ausflug nach Kahlenberg, Leopoldsberg, Klosterneuburg-Kierling. Die P. T. Mitglieder und Gäste, welche daran theimehmen wollen/ treffen sich um 2 Uhr nachmittags (womöglich mit

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