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Die Welt · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Article
J. L. Perez
Date
1901-05-03
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 18 „Die # Welt*6 Seite 9 J. L Perez. (EinWortzu seine mfünfun dz wan zigj ährigen S c h r i f t s t e 11 e r - J u b i 1 ä u m.) Es gibt einen Ort in Deutschland, der heisst Worpswede. Von dem haben noch vor nicht gar zu vielen Jahren die Touristen und Landdurchquerer nichts gewusst Wenn aber doch einer durch irgendeinen leidigen Zufall hingeführt wurde,- beeilte er sich wieder fortzukommen; denn er fand keine Schönheit an jenem Orte, weder an der Natur noch an den Menschen; alles sah ihm grau, schwer und dumpf aus. Aber da kamen einmal einige junge Maler hin, mit dem frischen Unternehmungsdursteund*den gesegneten Augen der Jugend, und zugleich mit jener künstlerischen Macht begabt, die Wunder thut an allen Dingen; die sahen sich Worpswede an, und — sie sah» n e=. Zum erstenmale wurde da der stumme, düstere Ort — gesehen. Die jungen Maler setzten sich da hin, schauten und malten. Jahrelang. Und als die Bilder, die sie da gemalt hatten, hinauskamen in die weite Welt, da waren sich alle Leute plötzlich einig darüber, dass Worpswede ein wunderschönes Stück Erde sei. Und jene, die damals unwillig fortgezogen waren, waren nun die verzücktesten Bewunderer. Das jüdische Volksleben ist das Worpswede der Nationen. Still und unbekannt entwickelt es sich nach seinen eigenen Gesetzen. Keiner wusste von seiner Schönheit; nicht die drin standen: denen hatte der Drang des Tages das reine Schauen verwehrt; und nicht die von draussen zusahen: deren Blick blieb an der Oberfläche haften und erfasste nur das Graue, Dumpfe und Schwere. Aber da kam einer, der hatte das Auge des Künstlers ^und des Künstlers Hand. Und seinem Auge erschloss sich das tiefe, wogende Leuchten, und seine Hand weckte das Schlummernde zu lichtem, sichtbarem Leben. Also dass alle das Leben des jüdischen Volkes sahen, wie wunderschön es ist in seinem Elend und beinern wilden, sehnsüchtigen Ringen. Dafür sei ihm heute godankt, aus warmer, liebender Seele gedankt, und der best^ Gruss sei ihm entsandt, den unsere Herzen zu entsenden haben: der Gruss im Namen Zions. Denn mögen die Gesinnungsstrengen ihn verketzern: er sei kein Zionist; uns Jungen, die nicht auf Worte, sondern auf Menschen schauen, ist er mehr Zionist als sie alle; denn er hat Zionismus gelebt. Andere haben uns Ideen und Programme gegeben; aber er hat uns Schönheit gegeben, und die Schönheit unserer eigenen Welt. Jene aber, die uns solches geben, sind Zions getreueste Kämpfer; denn Zion ist uns das Reich der künftigen jüdischen Schönheit. Ein anderer wird in diesen Blättern im Namen der jüdischen Kenner und Literaten sprechen; das kann ich nicht. Ich spreche nur im Namen einiger junger Menschen. Wir lieben jeden, der reinen Auges und reinen Herzens in die jüdische Seele schaut und ihrer Sehnsucht Sprache leiht. Und darum lieben wir auch Dich, Dichter unseres Volkes, und huldigen Dir am Tage Deiner Erinnerungen. Martin Buber. J. L Perez. Von R. Brainin (Berlin-Charlottenburg). Es ist wie ein Symbol. Am 18. des Monats Ijar, just an dem Tage, der mit seiner Heiterkeit und seiner Frühlingsfreude eine Keine dumpfer Trauertage unterbricht — gleichwie ein jubelnder Accord aus einem Meere düster-wehmüthiger Töne auftauchend — feiert Perez sein Viertelvahrhundert-Jubiläum als Schriftsteller. Die Begabung dieses Dichters gleicht einem zarten Musikinstrumente mit vielen Saiten; jeder Windhauch, der daran vorbeistreicht., entlockt ihm eigene Töne: „Zeitmelodien". Das sind freilich keine starken und erschütternden Töne, aber ihre zarten Schwingungen, ihre tiefen Klänge bergen eine Fülle geheimnisvoller Sehnsucht und eigenartiger Süssigkeit. Und auch wenn diese Töne manchmal unvermuthet ersterben, klingt ihr Echo lange noch im Herzen des Hörers nach. Seine Melodien sind nicht alle neu, mitunter ist das Motiv sogar uralt; doch viele von ihnen sind in einer originellen, feinen Art abgetönt. Ein solches Instrument ist nun nicht geeignet, wie eine Kriegsposaune oder eine Schlachtentrommel zum Kampfe aufzurufen, die Schlafenden aufzurütteln, in die Herzen der Erschöpften neuen Muth zu giessen. Aber es kann auch nicht die Bestimmung haben, lediglich Zerstreuung und Erheiterung zu gewähren, oder gar die Nerven zu kitzeln und den sinnlichen Trieben zu J. L. Perez an seinem Arbeitstisch. schmeicheln. Das Talent unseres Dichters ist ein Instrument, welchem die Eignung vei'liehen wurde, durch das Rauschen , seiner Töne die jüdische Seele über die trübe Wirklichkeit des Alltags hinweg in das überirdische Reich der Poesie, in die Höhenwelt der dichterischen Phantasie emporzutragen* Zu diesem Höhepunkte hat sich z. JB. ein Z a n g w i 11, ein Kompert, ein L e w a n d a niemals aufgeschwungen, um von Franz os und seinesgleichen ganz zu schweigen. Aus den Erzählungen von Smolenski oder Zangwill lernen wir die Wirklichkeit kennen, etwa wie ein Reisender, der eine Gegend im Wagen oder mit der Eisenbahn durchmisst. Man sieht weite Flächen, ausgedehnte Ebenen, Thäler, A ehrenfei der, Wiesen und Wälder, Einöden, Berge und Anhöhen. Wir sehen die Dinge, die Natur und die Menschen von der Nähe, allzu nahe, um die charakteristischen Grundzüge in voller Schärfe wahrzunehmen. Dabei verfolgt die Reise ein festes Ziel, der Wagenlenker oder der Maschinist führt uns einen sicheren, gebahnten Weg entlang. Eine solche Fahrt, um bei dem gewählten Beispiele zu bleiben, gewährt uns viele Annehmlichkeiten: die Bilder wechseln, ein weites Gesichtsfeld eröffnet sich vor unseren Augen — aber sie hat auch ihre starken Nachtheile, sie ist in einem nicht geringen Masse ermüdend und langweilig.

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