Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Article
- Gegenwartsaufgaben des Zionismus
- Date
- 1901-05-03
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die Sr-Welt^ Nr. 18 einer Minderheit, der eine überwältigend grosse Majorität gegenübertritt. Dass die Juden zum Beispiel in Oesterreich in manchen Ländern, wie in Galizien und Mähren, das sogenannte Zünglein an der Wage bilden, ist eher ein Nachtheil. Entscheiden sie für die eine Partei, so provocieren sie den Hass und die Repressalien der anderen, verhalten sie sich neutral, so schaffen sie sich beide Parteien auf den Hals. Im allgemeinen würden die Erfolge der politischen Abwehr zu dem dazu nöthigen Kraftaufwande in keinem Verhältnisse stehen. Es bleibt auf diesem Gebiete nur die Aufgabe, das Bewusstsein des uns geschehenen Unrechtes zu wecken und zu erhalten. Ganz anders ist es mit der wirtschaftlichen Abwehr. Abgesehen davon,' dass hier die Lage weitaus kritischer ist, wird die Abwehr jedenfalls erfolgen, gleichgütig, ob sie Aussicht auf Erfolg hat oder nicht. An Verachtung und Zurücksetzung kann man sich gewöhnen, wenn man sich erinnert, dass es Zeiten gegeben hat, wo man noch mehr verachtet und zurückgesetzt wurde und dennoch existierte, aber an Hunger hat sich noch niemand gewöhnt. Wenn es einem an die Existenz geht, so wehrt er sich, ohne Rücksicht darauf, ob er in der Lage ist, etwas auszurichten oder nicht. Aufgabe der Zionisten ist, diese wirtschaftliche Abwehr in die Hand zu nehmen und zu organisieren. Diejenigen, welche, von der richtigen Voraussetzung ausgehend, dass im Golus auch auf wirtschaftlichem Gebiete wie auf jedem anderen, oder vielleicht noch mehr als auf jedem anderen, eine wirkliche und dauernde Abhilfe nicht möglich ist, jede Arbeit in dieser Richtung nur als eine Ablenkung der Kräfte vom eigentlichen Ziele als eine Kräftezersplitterung betrachten, bedenken nicht, dass es sich hier nur darum handelt, im gebundenen Zustande vorhandene Kräfte frei zu machen und sie in den Rahmen der zionistischen Bewegung hineinzuziehen. Es ist dies einerseits ein Gebot der taktischen Klugheit, denn die wirtschaftliche Abwehrbewegung ausserhalb des Zionismus bedeutet nur eine Concurrenz für diesen und eine Kräftezersplitterung im Judenthum, andererseits können wir uns bei dieser Action neben den vielleicht zweifelhaften wirtschaftlichen Erfolgen unzweifelhafte Erfolge auf anderen Gebieten versprechen. Die Mittel der Abwehr sind vor allem die wirtschaftliche Organisation in Berufsverbände, Einkaufsnnd Verkaufsgenossenschaften, Spar- und Creditvereine, weiter die Stärkung des Innenmarktes, indem m:m das Losungswort ausgibt, nur bei Juden zu kaufen, und die Heranziehung der jüdischen Wohlthätigkeit einerseits zur directen Hilfe, andererseits zur mittelbaren Hilfe duich fachliche Ausbildung und Creditgewährung, wodurch die jüdische Concurrenzfähigkeit gesteigert wurde. Die jüdische Wohlthätigkeit, die Zedakah, war nie reine Philanthropie aus blossen religiösen oder humanen Motiven. Vielleicht unbewusst übernahm die private Wohlthätigkeit, da im Ghetto die staatliche Organisation fehlte, die Aufgabe des Staates, den Anspruch des Einzelnen auf ein Bildungs- und Existenzminimum zu realisieren. Und so finden wir zu einer Zeit, wo kein Staat noch an Aehnliches dachte, im Ghetto eine Versorgung der Kranken und Erwerbsunfähigen, eine Sorge dafür, dass jeder seinen Theil an der allgemeinen Bildung erhalte. Als die Juden in den allgemeinen ßürgerverband der modernen Staaten traten, wurde die jüdische Wohlthätigkeit an ihren Aufgaben irre und degenerierte zur Almosenvergeudung und Protzerei. Man hat ja Pflichten des Besitzes, und es ist fair, die Welt von Zeit zu Zeit durch die Grösse einer wohlthätigen Spende zu verblüffen. Die socialen Ideen sind abhanden gekommen, und nur eines ist geblieben, ein Zug ins Grosse, wie er vielleicht bei keinem anderen Volke anzutreffen ist. Es handelt sich nur darum, dass die Zionisten Einfluss auf die jüdische Wohlthätigkeit gewinnen und System in die Sache hineinbringen, damit sie imstande ist, die oben gestellten Aufgaben zu erfüllen. Auch die Lösung der Frage der Emigration innerhalb des Golus gehört in ihr Gebiet. Durch die Abwehr wird der wirtschaftliche Niedergang nicht beseitigt, sondern nur etwas aufgehalten, gemildert werden. Darin liegt die Garantie, dass sie niemals den Zionismus verdrängen kann. Die wirtschaftliche Organisation und das Losungswort: „Kauft nur bei Juden" werden das lebendige Gefühl der Zugehörigkeit und Solidarität besonders stärken, denn das Verbindende sind hier die concretesten und wichtigsten Interessen. Die Furcht vor besonderen Repressalien deswegen ist unbegründet, denn der wirtschaftliche Boycott durch die Christen existiert ohnehin und wird ohnehin immer bewusstere und allgemeinere Formen annehmen. Die Zusammenfassung in Organisationen ist die Voraussetzung aller Kr äftesammlung und Arbeitstheilung, ohne die wir unsere Aufgaben nicht bewältigen können. Es reicht aber dazu nicht aus, neue Organisationen mit allgemeinen oder speciellen zionistischen Zwecken zu gründen, sondern es muss, soll der Zionismus das ganze Leben der Nation bis in seine alltäglichsten Functionen erfassen und umfassen, das ganze jüdische Vereinsleben auf nationale Grundlage gestellt werden. Insbesondere müssen sich alle Vereine, die auf der heuchlerischen Grundlage der G.aubensgenosserischaft beruhen, von Vereinen mosaischer Confesian zu solchen jüdischer Nation entwickeln. Die Arbeit in dieser Richtung wird grössere Früchte tragen, als die directe Propaganda für den Zionismus, denn wenn man sich erst einmal als Jude gibt, wird man cönsequenterweise auch Zionist, wozu man sich ohne Uebergänge kaum entschliesst. Uebrigens ist sich zum Zionisten entwickeln besser und nachhaltiger, als unter einem starken momentanen Eindrucke Zionist werden. Noch wichtiger aber als die Eroberung der privaten Organisationen ist die Erorberung der einzigen öffentlichen Organisation des Judenthums, der Cultusgemeinde, weil sie die umfassendste ist und weil wir durch sie auf verschiedene Gebiete des jüdischen Lebens, insbesondere aber auf die Schule, massgebenden Einfluss gewinnen können. Die Cultusgemeinde ist auch die officielle Vertretung des Judenthums nach aussen, und es ist von Bedeutung, dass die Zionisten auch officieli das Judenthum vertreten. Die einzelnen Aufgaben der Gegenwart bergen in sich eine Fülle von Schwierigkeiten, zu deren Bewältigung ein Massenaufgebot von Kräfien nothwendig ist. Sie wirken aber zusammen auf die Erreichung des Endzieles und bringen uns in ihrer Gesammtheit weiter, als wenn wir auf die blosse Landgewinnung, losgelöst von ihrem organischen Zusammenhange mit den übrigen zionistischen Zwecken, alle unsere Kräfte concentrieren würden. Neue Palästina-Forschungen. (Das t o d t e Meer.) Der englische Forschungsreisende Gray Hill macht darauf aufmerksam, dass der Spiegel des todten Meeres merklich gestiegen sei. In der Nähe der Jordanmündung, die ein kleines Delta bildete, ist eine weite Lagune entstanden, wo ehedem trockener Boden war, auch wurde an anderen Stellen der sandige Strand durch die steigenden Wassermassen überflutet, so dass das Wasser bereits Felsen umspült, die früher weit von ihm entfernt waren. Nach Hill soll nicht etwa der Regenfall in einer einzelnen Jahreszeit dieses Steigen des Seespiegels verursachthaben, auch nicht etwa eine sonstige Vergrösserung des Wasserzuflusses. Der genannte Gelehrte meint vielmehr, dass infolge vulcanischer Thätigkeit der Boden des todten Meeres sich gehoben habe und dadurch das Meer über sein altes Gestade getreten sei. Diese Erklärung hat aber nicht viel Wahrscheinlichkeit für sich. Das Jordanthal ist ein Einsturzgebiet, eine grabenartige Einsenkung und das todte Meer nur das Sammelbecken der meteorischen Gewässer seiner Umgebung, die keinen Abfluss nach dem Ocean gewinnen können. Sein Niveau wird daher nur durch das Verhältnis von Zufluss und Verdunstung bestimmt und ist durch Einstürze, die seit dem Ende der Tertiärzeit bereits nacheinander gefolgt sind, stark gesunken. Von einem Auftreiben des Bodens durch vulcanische Kräfte kann keine Rede sein, das Steigen des Spiegels hängt wahrscheinlich mit vermehrtem Zuflüsse meteorischer Wasser zusammen. Allgemeiner Hebräischer Sprachverein. Dieser Verein gibt mit Hilfe des Vereines „Erez- Israel" in Wien zum Gebrauche der Schulen mit hebräischer Vortragssprache in Palästina eine kurzgefasste Naturlehre: „Reesohith limude hatebha" von Juda Grasowski, Lehrer in Jaffa, heraus» Dieses auf schönem Papier in entsprechend grossem leserlichen Drucke mit zahlreichen, in den Text aufgenommenen veranschaulichenden und den Unterricht erleichternden Abbildungen erscheinende Werkchen stellt sich als eine sehr gelungene Uebersetzung des Paul Bert'schen Schulbuches „Sciences naturelles et physiques" dar, welches der mit den Schul Verhältnissen Palästinas vertraute Bearbeiter in fliessendem, modern wissenschaftlichem