Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Article
- Ein Palästina-Archiv
- Date
- 1901-05-03
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die & Welt" Seite 3 Unsitten benutzen, im Namen des Zionismus rechtzeitig aus dem Register der Mitarbeiter zu streichen. Die studierende Jugend, die berufen ist, im gegebenen Momente die Führung des Volkes zu übernehmen, muss für diesen Zweck auch ausserhalb der Hochschule ausgebildet werden. Der Ehrbegriff muss über die Standfestigkeit gegenüber dem gegnerischen Schläger dahin ausgedehnt werden, dass in erster Linie gewissenhafte Pflichterfüllung, Hingebung an die übernommene Aufgabe und treues Festhalten an den nach reiflicher Ueberlegung angenommenen Principien den Mann ausmacht Was unserer Jugend am meisten fehlt, Disciplin, müssen wir Aelteren ihr, als ihre aufrichtigsten Freunde, auf angemessene Art beibringen. Nicht im Commandotone der Commerskneipo, sondern in der Art des wohlwollenden Lehrers müssen wir der Jugend ihre Aufgaben zuweisen, aber mit unerbittlicher Strenge die gewissenhafte Lösung derselben fordern und überwachen. Das eigentliche Fachstudium wird darunter keineswegs leiden, sondern eher gefördert werden, denn die Zutheilung der Arbeit muss schon im Interesse der Sache auf das Fachstudium Rücksicht nehmen. Durch Gewöhnung an gründliche Detailarbeit wird die Oberflächlichkeit des theoretischen Studiums eine segensreiche Vertiefung finden. Es ist ja klar, dass die Schule nur einen Ueberblick über das ganze Gebiet der betreffenden Wissenschaft geben kann, ohne in Einzelheiten eingehen zu können. Noch vor 30 Jahren gab es an den technischen. Schulen keine Trennung in Fächer, jeder Student war Polytechniker, das heisst er musste Strassen-, Wasser-, Maschinen- und Hochbau, sowie alle Nebenfächer studieren. Seitdem hat man die Oberflächlichkeit eines solchen Unterrichtes erkannt und das Studium specialisiert. Im praktischen Leben wird die Abgrenzung noch weiter geführt, da man nur in einem Specialfache Befriedigendes leisten kann. Es wird also eine heilsame Nachhilfe für jeden Studierenden sein, wenn ihm Gelegenheit gegeben wird, sich mit Liebe und Lust einem speciellen Gegenstande zu widmen. An Zeit fehlt es keinem Studenten. Als Techniker, der an der Hochschule die geringste Freiheit genossen, weiss ich aus eigener Erfahrung, dass man wenigstens 5 Monate im Studienjahre sich Dicht zu Prüfungen vorbereitet, daher genug Zeit zu Privatarbeiten hat. Von den glücklichen Juristen, die vor jeder Staatsprüfung ein ganzes Jahr^Freiherren sind, will ich gar nicht sprechen. Dass es mir nicht darum zu thun ist, den akademischen Bürgern ihre Freiheit zu rauben und sie etwa einem drückenden Commando von Philistern unterzustellen, will ich gleich beweisen. Sie mögen sich selbst ihr Oberhaupt wählen, dem sie freiwillig gehorchen wollen. Schon auf dem Olmützer Zionistentage wurde vom Prager „Bar Koehba* ein Zusammenschluss aller zionistischen Studentenvereine angeregt. Die Geneigtheit hierzu war nicht vorhanden, wenigstens kam es zu keinem bindenden Beschlüsse. Erst als die Studenten einige, theilweise wohlverdiente Angriffe von Seite der kaufmännischen Jugend erlitten hatten, begannen sie die Notwendigkeit einer festeren Disciplin einzusehen. Die Bildung des Studentenverbandes ist wahrscheinlich schon im Zuge, allein dieselbe muss mit allen Mitteln beschleunigt werden. Wir werden gleich sehen, wer es mit dem berühmten Treuschwure im Sophiensaale ehrlich gemeint hat und wer nicht. Das Actions- Comite muss in dieser Frage aus der bisherigen Reserve heraustreten und veranlassen, dass die Arbeit wenigstens mit Beginn der Ferien in Angriff genommen werden kann. Gelingt es, ein arbeitsfreudiges Corps zusammenzubringen, dann haben wir nicht allein ein todtes Palästina-Archiv für die Kenntnis des Landes, sondern — was viel wichtiger ist — wir haben ein Ehrenregister mit den Namen derjenigen, die für die endgitige Erlösung unseres Volkes arbeiten wollen, denen wir — wenn wir. letztere nicht erleben sollten — mit Beruhigung die weitere Arbeit überlassen können. Möge dieses goldene Buch der Jugend zu einem stattlichen Bande anwachsen! Wie schon eingangs erwähnt, darf diese Arbeit nicht auf Oesterreich allein beschränkt werden. Im Gegentheile dürfte sogar das reichhaltigste Material in London zu finden sein, dessen British Museum von jeher Palästina und Kleinasien grosse Aufmerksamkeit gewidmet hat. Es ist daher Pflicht aller Landesorganisationen, eifrig mitzuarbeiten, die Arbeiten entsprechend zu vertb eilen und, soweit ihre Mittel es gestatten, das Archiv auch durch Bücher-, Karten- und Planspenden zu bereichern. Namentlich die. Londoner „Föderation" könnte mit der geodätischen Aufnahme des Obersten Conder den Grundstein zum Palästina-Archiv in würdiger Form legen.*) *) Anm. d.Red. Eine in diesem Artikel enthaltene Anregung ist, bevor sie noch zu unserer Kenntnis gelangte, schon ausgeführt worden. Sonntag den 28. April wurde in der Redaction der „Welt" ein grosser Theil der im Ne ufeldschen Artikel angegebenen Arbeiten unter arbeitsfreudige Studenten vertheilt. Wer weitere Arbeiten übernehmen will, möge sich Sonntag den 5. Mai zwischen 11 und \c2 Uhr in der Redaction melden. Zionistische Conferenzen/) (Original-Telegr. der „Welt".) Berliner Delegiertentag. Berlin, % Mai 1901. Der Delegiertentag der deutschen Zionisten nahm einen erfreulichen Verlauf. Der Debatte über Parteipresse wurde besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Am 1. Mai fand eine von über 1000 Personen besuchte Volksversammlung statt. Unter den Rednern war besonders Sir Francis Mont cfiorc Gegenstand lebhafter Ovationen. * Erster Zionistentag des St. Petersburger Rayons. Unter dem Vorsitze Prof. Belkowskys fand eine von 43 Delegierten besuchte Conferenz des St. Petersburger Rayons statt. In fünf Sitzungen wurden berathen : 1. Fragen des Programmes. Es wird unter anderem beschlossen, dass eine socialpolitische Thatigkeit seitens der Zioni-ten aufzunehmen und das Baseler Programm auf dem Gongresse in dieser Richtung zu erweitern ist. 2. und 3. Fragen der Agitation und Presse: Herausgabe von Instructionen, Vertrauensmänner-Thätigkeit, Uebersetzung zionistischer Schriften. 4. Palästinensische Fragen: Sammlungen und Veranstaltungen zugunsten der palästinensischen Arbeiter, Unterstützung der Jaffaer Schule, Stellungnahme zu der Pariser Delegation. 5. Jüdische Golonialbank : Errichtung von ßank-Gommirsionen, Theilzahlung, Shares-Lotterie mit Reinerträgnis zugunsten der palästinensischen Arbeiter, obligatorischer Ankauf von Actien durch die Vereine noch vor dem fünftem Gongresse und anderes mehr. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Die körperliche Minderwertigkeit de£ Juden. Von Dr. med. Jeremias (Posen). II. In einem jüngst in diesem Blatte veröffentlichten Aufsatze**) hat Balduin Groller sich bemüht, nachzuweisen, dass die vielberufene körperliche Minderwertigkeit der Juden dem Bereiche der Fabeln angehöre; sie sei nichts als eine irrige Behauptung, die lediglich durch unablässige Wiederholung zum Range einer allgemein anerkannten Wahrheit erhoben werden konnte. Man nehme heute das Axiom von der physischen Schwäche der Juden als keines weiteren Beweises bedürftig hin, ein eigentlicher Beweis sei aber noch niemals erbracht. Wenn man sich auf ein Gebiet wissenschaftlicher Erkenntnis begibt, noch dazu um eine bisher ohne Widerspruch gebliebene These zu widerlegen, so ist ein genaues Studium der einschlägigen Literatur ganz unerlässlich. Auch über die Frage der körperlichen Wertigkeit der Juden existiert ein ganz ansehnliches Literaturmaterial, das ziemlich vollständig sich zusammengestellt findet in: „Materialien ^Ausführliche Berichte in nächster Nummer. **) Vergleiche Nr. 16.