Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Article
- Entartung und Regeneration
- Date
- 1901-04-26
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 17 „Die p Welt" Seile 11 erwähnten Hindernisse entferne. Ein grosses Hindernis ist, dass viele jüdische Handwerker wegen ihrer Unkenntnis der Landessprache die zur Aufnahme in eine „Zünfi" erforderliche Prüfung nicht bestehen können, und dass sie, nach etwa bestandener Prüfung, nicht wissen, nach welchen Städten oder Ortschaften sie sich wenden sollten. Diese Schäden zu beheben, wäre denn auch die Aufgabe des Central-Comites. Was wir vom jüdischen Kaufmann behauptet und bewiesen haben, gilt voll und ganz auch vom jüdischen Handwerker: auch er ist conservativ, abhold jeder Neuerung auf technischem Gebiete. Als furchtbare Folgeerscheinung dieses Festhaltens und Festklebens am Alten finden wir, dass bei den russischen Juden g»-össtentheils nur die sozusagen „prähistorischen" Handwerke, nämlich die Schusterei und Schneiderei im Schwange sind. Ich selbst habe in einigen kleineren Städten statistische Daten gesammelt und fand, dass unter 300 jüdischen Familien durchschlaf lieh 30 Schneider und 40 Schuster sich befinden. Da nun einerseits der russische Bauer, für den der jüdische Handwerker in den kleinen Städtchen grösstenteils arbeitet, keine grossen Bedürfnisse hat und selbstverständlich nicht besonders zahlungsfähig ist, der russische Jude andererseits, was Kleidung und Beschuhung anbelangt, keinen grossen Bedarf aufzuweisen hat, so kann man sich die ökonomische Lage dieser in beständiger Concurrcnz lebenden Handwerker leicht vorstellen. Vor einigen Jahren wollte das Petersburger Central- Colonisations-Comite der „Ica" eine umfassende Statistik über die ökonomische Lage der russisch-jüdischen Handwerker anlegen, doch ist es, wie bei vielem, was diese Gesellschaft unternommen hat. nur beim Vorhaben geblieben; deshalb müssen wir Zionisten durch ein statistisches Central - Comitö diesem grossen Bedürfnisse Rechnung tragen. Eine weitere Aufgabe des realpolitischen Central- Comites würde sein, dafür zu sorgen, dass die Qualität der russisch-jüdischen Handwerker sich bessere. Das kann auf verschiedene Weise erreicht werden. Ein erfolgreicher Weg wäre der, fachverständige Instructoren, z. B. Ingenieure, in den einzelnen Städten und Orten reisen zu lassen, damit sie daselbst Handwerker-Curse nach modernem Muster abhielten. Ferner müsste durch Errichtung von Fachschulen der jüdische Handwerker mit den modernen Handwerks- Methoden vertraut gemacht werden. Auf diese Weise würde dem russisch-jüdischen Handwerker, der bei seinen jetzigen Kenntnissen und Fähigkeiten durchschnittlich 3—4 Rubel wöchentlich verdient, eine Summe, die nicht einmal für die einfachsten Lebensbedürfnisse der gewöhnlich sehr zahljeichen Familie hinreichen kann, der rauhe Weg des Lebenskampfes geebnet, und schon jetzt würde eine gesunde und hoffnungsreiche Menschengruppe (die Handwerker bilden fast den dritten Theil der russisch-jüdischen Bevölkerung) für ihre neue Heimat erzogen werden, wodurch eine bedeutende Ursache der Entartung beseitigt und eine neue Regeneration herbeigeführt würde. Nun wollen wir die hauptsächlichste Beschäftigung der russisch-jüdischen „Arbeiterschaft" ins Auge fassen. In den grösseren Industriestädten, wie z. B. Lodz, B i a lys t o k, bilden die Fabriksarbeiter das Haupteontingent. Man behauptet zwar, dass dieFabriksarbeiter aller Nationen gemeinsame Interessen haben, doch sehen wir unter anderem an dem Beispiele Lodz, dass die Juden auch in diesem Falle specielle Interessen besitzen. In dieser Stadt sind bei der letzten Krise 15—20.000 jüdische Weber um ihre Arbeit gekommen, da sie nur Hausweberei betrieben hatten und mit den mechanischen Webstühlen in den Fabriken nicht unizugehen wussten. Deshalb, hauptsächlich aber weil fast alle russisch-jüdischen Arbeiter den Sabbath nicht entweihen wollten, wurde ihnen von den Fabriksherren die Arbeit verweigert. Daraus ersehen wir, dass die jüdischen Fabriksarbeiter Sonderinteressen haben, für die zu sorgen ebenfalls Aufgabe des realpolitischen Central-Comites sein wird. Ausser diesen Fabriksarbeitern besteht die russisch-jüdische Arbeiterschaft grösstentheils aus Trägern, Steinklopfern, Fuhrleuten und anderen sogenannten „Schwarzarbeitern", die oft wegen ihres Judenthums brotlos sind. Welche Aufgabe hat nun das realpolitische Central- Comite diesen russisch-jüdischen „Schwarzarbeitern" gegenüber? Jene Arbeiter, die von der Hand in den Mund leben, niüssten zu Industrie-Arbeitern erzogen werden, was wieder auf verschiedene Weise möglich ist. Ferner müsste die Hausindustrie, die jetzt bloss in wenigen Orten existiert, wie zum Beispiel in Schklof, wo Talessim verfertigt werden, und in P o 1 o n o j e (Wolonjer Gouvernement), wo Holzhausindustrie getrieben wird, nach Kräften gefördert werden. DerinteressantesteTheil der russisch-jüdischen Arbeiterschaft und zugleich derjenige Theil, der im besonderen Masse die Aufmerksamkeit der Zionisten verdient, sind diejenigen Lohnarbeiter, die im Sommer auf den Gütern der reichen Christen, besonders im Süden Rnsslands, Feldarbeiten verrichten, während sie allerdings im Winter gewöhnlich arbeitslos sind. Dieser Arbeitergruppe gehören Leute der verschiedensten Altersstufen, am meisten aber junge Leute, an; Weiber und Mädchen sind da keine seltenen Erscheinungen. Merkwürdig ist, dass sogar jene Gutsbesitzer, welche sich sonst gegen die Juden äusserst feindselig verhalten, zur Zeit der Ernte, wo grosser Mangel an Arbeitskräften herrscht, diese jüdischen Feldarbeiter aufnehmen. Der Lohn, den sie erhalten, ist bedeutend geringer als jener der christlichen Feldarbeiter, erstens weil sie die betreffenden Feldarbeiten nicht so gut verstehen wie jene, und zweitens, weil sie mangels jedweder Organisation auf das Schrecklichste ausgebeutet werden. Hier hat das realpolitische Central-Comite* die edle und dankbare Aufgabe, diese russisch-jüdischen Feldarbeiter zu organisieren und in Genossenschaften (Artjeli) zu vereinigen, an deren Spitze intelligente Zionisten treten sollen, welche dahin wirken müssten, dass die Mitglieder in den wichtigsten Feldarbeiten geschult und unterwiesen werden, welche ferner die Mitglieder der einzelnen Genossenschaften mit den Verhältnissen des Arbeitsmarktes bekannt machen und sie gegen die Ausbeutung des christlichen Gutsbesitzers schützen sollen. Dass die Gründung solcher jüdischer „Arteten* ein Erfordernis der modernen Zeit ist, beweist der Umstand, dass der bekannte Organisator Lewitzki, der in Südrussland eine Menge solcher „Artelen" gegründet hat, sich mit dem Gedanken trug, auch eine jüdische Feldarbeiter- Genossenschaft zu gründen. Wir Zionisten sind aber nicht gewillt, darauf zu warten, bis Christen - - dem Gefühle des Mitleides und der Humanität folgend — die ökonomische Lage unserer Arbeiterschaft verbessern wollen, wir wollen und werden selbst die Reorganisation und Reformation unseres Arbeiterstandes in die Hand nehmen, um so die Regeneration unserer Arbeiterschaft herbeizuführen. Alle von mir erwähnten Mittel zur Reformierung der ökonomischen Lage der russischen Juden sind — wie ich schon früher bemerkt habe — bloss Palliativ-Mittel, da eine radicale Umwälzung nur mit der Erreichung unseres Endzieles verbunden ist. Selbstverständlich konnte ich im Rahmen eines Zeitungsartikels nicht alle Mittel und Wege erschöpfen, die zur Regeneration unseres jüdischen Volkes in Russland führen können; ich hoffe aber durch diesen Artikel alle Freunde unseres Volkes angeregt zu haben, auch ihrerseits ihre Meinungen öffentlich zu äussern, um so im gegenseitigen Gedankenaustausche die Förderung des russischen Judenthums zu ermöglichen und vor allem zur Gründung des zionistisch-socialpolitischen Central-Comites schreiten zu können, welches — wie wir gesehen haben — der wichtigsteFactor zur Kräftigung und Erziehung der russischen Juden sein wird. Wollen wir Zionisten daher die Entartung des jüdischen Volkes abwehren, dasselbe vielmehr zu neuer Gesundheit, zu neuer Blüte bringen, so müssen wir vor allem eine umfassende socialpolitische Thätigkeit entfalten. Socialpol itik muss die Losung aller thateifrigen Zionisten sein — ganz besonders in Russland. Zu den Cultuswahlen in Lemberg. Man schreibt uns aus Lemberg: Unsere Cultusgemeinde steht am Vorabende von Neuwahlen. Fünfzehn neue Cultusräthe sollen an Stelle der statutenmässig ausgelosten binnen kurzem gewählt werden. Die Zionisten rüsten eifrig zum Wahlkampfe. In Gemeinschaft mit dem reconstituierten jüdisch-politischen Vereine „Schomer Israel", an dessen Spitze bewährte Gesinnungsgenossen stehen, veranstalten die zionistischen Vereine Volksversammlungen, die gut besucht sind urrd unserer Sache schätzenswerte Dienste leisten. Das Wahlprogramm der Zionisten umfasst folgende Punkte: 1. Allgemeines Wahlrecht. 2. Entsendung von Männern aus dem Volke in den Cultusvorsfcand, der bisher die Domäne der plutokratischen Polen knechte war, 3. Herabsetzung der indiscreten Abgaben wie Schechitah-Gebüren und Koscherfleisch-Taxen, die gerade von den ärmsten, conservativen Bevölkerungskreisen besonders drückend empfunden werden. L Einführung einer progressiven Einkommensteuer. 5. Pflege jüdischen Wissens und Bildung der jüdischen Massen.